Staatsoper

Peter Ruzicka: „Ein Komponist ist wie eine Schildkröte“

Jahrelang war Peter Ruzicka Führungskraft in der Chefetage der Staatsoper, nun kehrt er zurück – in den Orchestergraben – als Uraufführungsdirigent seiner Oper „Benjamin

Jahrelang war Peter Ruzicka Führungskraft in der Chefetage der Staatsoper, nun kehrt er zurück – in den Orchestergraben – als Uraufführungsdirigent seiner Oper „Benjamin

Foto: Roland Magunia / HA

An diesem Sonntag wird „Benjamin“, die dritte Oper von Ex-Intendant Peter Ruzicka, an der Staatsoper uraufgeführt.

Hamburg.  Der Countdown für „Benjamin“ läuft. Am Sonntag ist ­Premiere. Peter Ruzickas dritte Oper steht in den Startlöchern, es ist nach „Celan“ (2001, Dresden) und ­„Hölderlin“ (2008, Berlin) die erste, die an der Hamburger Staatsoper die Uraufführung erlebt. Dirigiert vom Ex-Intendanten (1988 bis 1997), der unter anderem, von 2001 bis 2006, die Salzburger Festspiele leitete. Und dieser Countdown ist nicht der einzige: Am 3. Juli feiert Ruzicka seinen 70. Geburtstag.

Sie werden demnächst 70, das ist zweimal die Lebensspanne von Mozart. Was macht das mit einem Komponisten, wenn man darüber nachdenkt und sich fragt: Habe ich geschafft und geschaffen, was ich schaffen wollte?

Peter Ruzicka: Ich denke, als Komponist ist mir das gelungen – neben den sonstigen Aufgabenbereichen als Intendant, die sehr zeitintensiv waren und sind. Da muss man Schneisen bauen, das Komponieren verlangt eine gewisse Ausschließlichkeit. Es ist nicht damit getan, an freien Wochenenden einige Takte zu Papier zu bringen. Insgesamt bin ich nicht unzufrieden. Es gibt nur eine kleine Liste von Auftragswerken, die nicht realisiert werden konnten.

„Benjamin“ über den Philosophen Walter Benjamin ist Ihr drittes großes Musiktheater-Stück über Dichter und Denker. War das von Anfang an der Masterplan?

Ruzicka: Das war so nicht geplant. Aber nach „Celan“ dachte ich, ich müsste noch einmal etwas zu den Wunden des 20. Jahrhunderts sagen. Es sind drei ­Persönlichkeiten, die für mein Weltbild bestimmend sind.

Haben Sie einen Kalender, in dem Anfragen notiert und je nach Dringlichkeit mit Alarmrot-Abstufungen versehen sind?

Ruzicka: Aufträge, die ich angenommen habe, ­habe ich immer rechtzeitig abgeliefert. Durch meine Tätigkeit auf der anderen Seite des Tisches als Intendant war mir klar, dass das sein muss. Momentan liegen fünf, sechs Aufträge bis 2023/24 vor.

Wenn man sich Ihren Werkkatalog ansieht, in dem es oft um Getragenes, Grübelndes geht, dann, nun ja ... Richtig fröhlich wird man dabei nicht. Sie haben einen Hang zu Hölderlin. Ist es Ihnen einfach nicht gegeben, leichte, vordergründig unterhaltsame Musik schreiben zu wollen?

Ruzicka: Das ist gewiss das Schwierigste. Doch das würden Sie verschiedenen Kollegen auch vorhalten müssen. Vielleicht hätten Sie Glück bei Helmut Lachenmann, der kürzlich einen „Marche fatale“ geschrieben hat und damit einigen Staub aufwirbelte … Es ist das Schwerste, aber ich werde es jetzt versuchen, mit einer Ouvertüre für Christian Thielemann. Er stellt sich vor, dass sie eine gewisse Leichtigkeit hat. Jedenfalls die größte terrestrische Herausforderung. (lächelt)

Als Dirigent Eigenes zu dirigieren – verstärkt das Ihre Euphorie des Vertiefens in Musik oder ist eine Distanz angenehmer?

Ruzicka: Diese Distanz stellt sich ganz automatisch her. „Benjamin“ ist vor fast zwei Jahren fertig geworden. Dann habe ich die Partitur weggelegt. Jetzt musste ich sie richtig lernen, fast wie das Stück eines Kollegen.

Wenn Sie Ihre Arbeit wie die eines anderen betrachten, wie sehr müssen Sie sich versagen, hier, da oder dort nachkorrigierend Hand anzulegen? Wäre ja Ihr gutes Recht.

Ruzicka: Das passiert nur ganz selten. Bei einem Stück für die Wiener Philharmoniker stellte sich während der Proben das ­Gefühl heraus, es gebe in der Mitte einen zu langen Abschnitt. Dann habe ich dummerweise darauf bestanden: Das muss so aufgeführt werden, das ist so komponiert. Und dann wurde eine Leerstelle bemängelt. Ich hatte mich schlicht in den Proportionen verschätzt. Ein Komponist ist ja wie eine Schildkröte: Der schreibt manchmal für eine ­Minute Musik eine ganze Woche, muss dabei aber immer die spätere Erlebniszeit von nur einer Minute bedenken.

Bei welchem Stück wären Sie froh, wenn es nicht von jemand anderem wäre, ­sondern von Ihnen?

Ruzicka: (längerer Seufzer) Lachenmanns Oper „Mädchen mit den Schwefelhölzern“, die 1997, zum Schluss meiner neun Hamburger Jahre, herauskam … Als die uraufgeführt wurde, ein Riesenerfolg und eine Station neuerer Musikgeschichte, da fühlte man sich in der Nähe des hochgeschätzten Freunds und Kollegen doch fast wie ein Mitautor. Dieses grandiose Werk hier mit auf die Welt gebracht zu haben macht mich stolz.

Neulich fand ich ein Zitat von Nono: „Melodie ist eine bourgeoise Angelegenheit.“

Ruzicka: Also … Meine Musik drohte in den 1980er-Jahren zu verstummen. Sie wurde immer kryptischer, immer fragmentarischer. Dann aber gab es eine überraschende Begegnung: mit der Musik von Allan Pettersson, einem einsiedlerischen Schweden, der krank eine Sinfonie nach der anderen schrieb. Ich hatte die Gelegenheit, seinen Nachlass zu sichten, und habe in Berlin eine Sinfonie nach der anderen ins Programm genommen. Und was war der Grund? Diese Musik konnte singen. In der Beschäftigung damit habe ich wieder gelernt, das Singen in meiner Musik zu ermöglichen. Das habe ich nicht wieder verlernt.

Falls Sie die Kulturtechnik Radio noch nutzen – bei welcher Musik drehen Sie voll auf?

Ruzicka: Radio höre ich nur im Auto. Da sogar Klassik Radio.

Also schön zu Mozarts „Kleiner Nacht­musik“ über die Autobahn brettern?

Ruzicka: Jetzt haben Sie mich erwischt.

Wie geht der Satz „Ein guter Komponist ist ...“ mit den für Sie typischen drei Punkten weiter?

Ruzicka: … jemand, der musikalische Geschichten erzählen kann, die den Hörer treffen und betreffen.

Wie groß ist Ihr Werkkatalog?

Ruzicka: 73 Stücke.

Da stehen also 73 Werke im Raum und man sagt sich: Es war nicht ganz umsonst. Ich wäre stolz. Oder sehen Sie es pragmatisch wie der Maurer, der sagt: Warum soll ich auf die Mauer stolz sein, das ist mein Job?

Ruzicka: Wenn ich in Fragebogen oder bei Hotels nach dem Beruf gefragt werde, schreibe ich seit etlichen Jahren: Komponist. In meiner Salzburger Zeit stand da: Intendant. Jetzt habe ich zu meiner Identität zurückgefunden, das macht glücklich.

Sie haben sehr elegant einen Bogen um das Wort „Stolz“ gemacht.

Ruzicka: Gegen das Attribut habe ich nichts. Ich bin stolz darauf, dass diese Freiheit jetzt errungen ist.

Auch rückblickend? Kein „Ohne dieses oder jenes Stück wäre die Musikgeschichte ein Stück ärmer“?

Ruzicka: Diese Bewertung steht dem Komponisten nicht zu.

Sagen Sie das mal Wagner. Sie würden sich selbst also eine Drei plus geben?

Ruzicka: Eine Drei, das wäre nur befriedigend … Das klingt nicht gut. Es muss schon mit einer Zwei losgehen.