Hammerbrook

Hamburgs neues Wohn-Paradies liegt an der Bille

Nicht nur Industrie, auch romantische Kleingärten findet man bei einer Expedition auf der Bille und ihren Kanälen

Nicht nur Industrie, auch romantische Kleingärten findet man bei einer Expedition auf der Bille und ihren Kanälen

Foto: Axel Tiedemann / HA

Die Bille könnte die neue Alster werden. Hier liegt ein Schwerpunkt der Stadtentwicklung. HCU-Forschungsprojekt gestartet.

Hamburg.  Dorothee Halbrock muss erst ein großes Eisengittertor aufschließen, dann geht es vorbei an der verwitterten Backsteinmauer des früheren Kraftwerks Bille. Büsche wachsen hier planlos zwischen Fugen des aufgeplatzten Pflasters, ein paar Container lagern dort, und dann steht man ganz am Ende des alten Betriebshofs unvermittelt am Wasser der Bille. Eine völlig andere Perspektive bietet sich nun: Ein Angler schaukelt dort in seinem kleinen Boot, pralles Grün umsäumt den Fluss, und weiter hinten am Ufer dümpelt ein verträumtes Hausboot. Ein wohl sehr typisches Bild im Hamburger Osten: Rund 80 Kilometer lang sind Bille, Elbe und Kanäle in Hamburgs östlichen Stadtteilen Hammerbrook, Hamm, Billwerder und Rothenburgsort.

Anders als an der Alster sind die Wasserlagen hier aber meist die eher versteckten Rückseiten von Industrie und Gewerbe, an einigen Ecken nur finden sich pittoreske Kleingärten. Mit dem Senatskonzept „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ soll der Hamburger Osten nun aber Schwerpunkt der Stadtentwicklung werden, bis zu 20.000 neue Wohnungen könnten dort gebaut werden. Platz soll aber auch für moderne Gewerbebetriebe sein, heißt es in dem Zukunftskonzept.

Wasserlagen sind hier noch eher die Rückseite

Dorothee Halbrock ist schon jetzt hier. Mit ihren Mitstreitern vom Verein „Viele Grüße von“ veranstaltet sie hier Kulturfestivals in dem alten Kraftwerksbau, in dem der Verein mit der „Schaltzentrale“ auch ein „experimentelles Stadtteilbüro“ betreibt und sich darum kümmern will, dass die Entwicklung, die wohl demnächst über diese Stadtteile rollt, auch weiter Raum für Kultur und Öffentlichkeit lässt. Das ist auch der Ansatz von Antje Stokman, die an der HafenCity Universität Professorin für Landschaftsarchitektur ist.

Große Wasserparade am Sonnabend

In diesen Tagen ist sie für ein Forschungsprojekt mit rund 25 Studenten ebenfalls vor Ort und arbeitet dabei mit der „Schaltzentrale“ zusammen. „Es ist der Wasserraum, den wir uns hier anschauen“, sagt sie. Konkret kartieren die Teilnehmer des Projekts das Areal rund um den Billebogen, meist direkt vom Boot aus. Jeder Student hat dazu einen Quadranten zugeteilt bekommen.

Kooperation mit Illinois Institute of Technology

Quasi im Vorfeld der weiteren Stadtentwicklung soll mit dem Projekt erkundet werden, wo es überhaupt öffentliche Zugänge an die Wasserlagen gibt oder wie man sie erschließen kann und welche Per­spektiven es für eine öffentliche Nutzung gibt. „Es ist hier noch extrem viel verbaut“, sagt Antje Stokman. Am Ende soll es eine große begehbare Karte geben, auf der die tatsächliche Situation genau verzeichnet ist und die eine Art Vorarbeit für die weitere Stadtplanung darstellen dürfte.

Das Forschungsprojekt ist dabei Teil einer Kooperation mit dem Illinois Institute of Technology in Hamburgs Partnerstadt Chicago. Titel: „Urban Waters“. Es gehe dabei um die Frage „der Transformation von Wasserräumen als technischer Infrastruktur (Rückseiten) hin zu Wasser als sozialer Infrastruktur mit neuen Gebrauchswerten (Vorderseiten)“, heißt es dazu in einer Beschreibung der Uni. Oder anders: Es geht um die Frage, wie man den Bille-Raum ähnlich wie Elbe und Alster wieder für die Öffentlichkeit erlebbar machen kann, wie Stokman sagt.

Eher eine verlassene Ecke

Tatsächlich ist der Hamburger Osten mit seinen Bille-Kanälen seit Jahrzehnten schon eine eher verlassene Ecke und vor allem Domäne von Gewerbebetrieben. Viele Wohngebäude sind im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. So lebten beispielsweise in Hammerbrook um 1938 noch 57.000 Menschen, heute sind es nur noch rund 2000. Allerdings werden es mehr, erste neue Wohngebäude an den Kanälen entstanden in jüngster Zeit bereits. Und auch Künstler und Kreative habe diese Ecke entdeckt – wie eben der Verein von Dorothee Halbrock, der im Wesentlichen von den Machern des Wilhelmsburger Dockville-Festivals ins Leben gerufen wurde.

Wobei die Industriebetriebe an den Kanälen von Kulturschaffenden und Stadtplanern nicht als Störfaktoren gesehen werden. Tchibo röstet dort beispielsweise seit Jahrzehnten jedes Jahr 63.000 Tonnen Kaffee, Schuten fahren noch immer eine große Stärkefabrik an. Ziel des Senatskonzepts ist dann auch, dass Arbeiten und Wohnen dort weiter gemeinsam entwickelt werden sollen. Und auch für Dorothee Halbrock und Antje Stokman erfüllen die Industriebetrieben an den Kanälen des Hamburger Ostens eine wichtige Funktion. „Sie sind so etwas wie ein Schutz, dass Nischen für kreative Nutzungen bleiben können“, sagt Halbrock.

Ehemaliges Kraftwerk nicht zerstört

Wo gebaut wird, wo Lärm ist, kann es nicht zu schick und teuer wie etwa in der HafenCity werden – das steckt hinter diesem Gedanken. Das alte Kraftwerk an der Bille dürfte dabei selbst ein gutes Beispiel sein: 1901 ging es als eines der ersten seiner Art ans Netz. Die große Backsteinanlage mit Kohlebunkern, Kessel und Turbinenhalle sowie Werkstätten und Verwaltungsgebäuden überstand hier anders als viel andere Gebäude die Bombenangriffe im Weltkrieg. 14.000 Quadratmeter umfasst der Komplex am Bullerdeich, der später unter anderem von einer großen Wäscherei genutzt wurde.

Seit einigen Jahren schon haben dort auch einzelne Künstler ihre Räume, viele Teile standen aber zuletzt leer, einen anderen Teil nutzt der Energiekonzern Vattenfall für seine Fernwärmeverteilung. Dann gab es Abrisspläne und heftige Proteste dagegen, schließlich sollte eine Oldtimer-Ausstellung einziehen, aber das Unternehmen ging in die Insolvenz. Vor etwa zwei Jahren hat nun die MIB Coloured Fields GmbH das alte Kraftwerk übernommen. Ziel sei eine „behutsame“ Sanierung und spätere Vermietung.

Die „Schaltzentrale“ aber kann Räume für ihren Stadtteiltreff kostenfrei nutzen. Und damit öffnet sich das Areal auch für die Öffentlichkeit. So baut die „Schaltzentrale“ dort gerade einen Bootsanleger aus Pontons und Containern – um eben einen der noch wenigen Zugänge zum Wasser erst zu schaffen.