Stellingen

Nachwuchssorgen im Eismeer des Tierparks Hagenbeck

Kleiner Eisbär, wann kommst du? Im Tierpark Hagenbeck wartet man seit Jahren auf den Zuchterfolg

Kleiner Eisbär, wann kommst du? Im Tierpark Hagenbeck wartet man seit Jahren auf den Zuchterfolg

Foto: picture alliance

Seit sechs Jahren hofft der Tierpark Hagenbeck auf die Geburt eines kleinen Eisbären. Bislang allerdings vergeblich.

Hamburg.  Als das Tier in voller Größe vor die Scheibe stapft, schrecken die Kinder zurück. „Uh, wie sieht der denn aus?“, sagt ein Junge. „Der ist voll komisch rasiert“, bemerkt ein Mädchen. Tatsächlich macht Blizzard, Hagenbecks Eisbärmännchen, gerade einen arg gerupften Eindruck. Im Fell klaffen üble Lücken, Pelzlöcher verteilen sich über den massigen Körper. An den rasierten Stellen schimmert die dunkle Haut durch. Am Kopf, am Bauch, am Hinterteil. „Sieht nicht gut aus“, sagt der Junge vor der Scheibe und setzt seinen Weg durch das Eismeer fort.

Grund des erzwungenen Haarverlusts ist offenbar eine umfassende Ultraschalluntersuchung. Dafür musste der Eisbär narkotisiert und an einigen Stellen rasiert werden. Offiziell äußern will sich der Tierpark dazu nicht. Aber nach Abendblatt-Informationen bereitet den Verantwortlichen die Nachzucht bei den Eisbären Sorge. Anscheinend wird angenommen, dass Blizzard, ein zwölf Jahre alter Bär im besten Alter, zeugungsunfähig ist. Seit sechs Jahren hofft der Hamburger Tierpark auf Nachwuchs bei den gefährdeten Bewohnern der Nordpolarregionen. Doch seit Blizzard und Bärendame Victoria sich die neue Anlage im Eismeer teilen, ist die Reproduktionsrate null.

Orang-Utans sind ebenfalls Sorgenkinder

Wie bei Hagenbecks Orang-Utans, bei denen eine Nachzucht ebenfalls seit Jahren auf sich warten lässt, und die bereits per Onlinedating, einer Art Tier-Tinder, verkuppelt werden sollten, bekommt Hamburg einfach kein Eisbärenbaby. Im Jahr 2002 war Eisbärin Victoria selbst die vorerst letzte Nachzucht, die in Hagenbecks Tierpark zur Welt gekommen war. Dabei gehörten Eisbären und ihre Nachzuchten in der 111-jährigen Geschichte des Tierparks verlässlich dazu. Als der inzwischen gestorbene Eisbär Knut in Berlin geboren und zum Marketingstar wurde, sagte der damalige Chef Joachim Weinlig-Hagenbeck etwa: „Wir haben alle zwei Jahre Eisbärennachwuchs. Auf diese Zuchterfolge sind wir stolz, ohne es bislang an die große Glocke gehängt zu haben.“

Doch jetzt stockt es. Als Blizzard 2012 aus Rostock nach Hamburg kam, ruhten alle Hoffnungen auf dem neuen Männchen. Aber außer vielversprechendem Liebesspiel mit Victoria kam nichts Zählbares heraus. Dabei wäre jetzt wieder Zeit für die nur eine Woche dauernde Paarungsperiode, bevor sich die Bärin im Winter zurückzieht, um ihre Jungen zu werfen. Offenbar wollte der Tierpark deshalb nun herausfinden, ob es ein grundsätzliches Fruchtbarkeitsproblem bei Blizzard gibt. Nach Abendblatt-Informationen sollen die Ergebnisse in zwei Wochen vorliegen.

Zahl der Eisbären hat weltweit abgenommen

Die Entscheidung, den Eisbären Blizzard als Zuchthoffnung nach Hamburg zu transferieren, wurde 2012 nicht nur von den Verantwortlichen des Tierparks getroffen, sondern maßgeblich vom zuständigen niederländischen Koordinator für das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP). Er bestimmt, wer innerhalb der teilnehmenden Zoos mit wem verpaart wird. Zuvor wollte schon der Rostocker Zoo mit dem in Italien geborenen Männchen Blizzard an seine Zuchterfolge bei Eisbären anknüpfen. Doch auch dort stellte sich bis auf das Liebesspiel kein Nachwuchs ein. Die Auswahl an Männchen in Gefangenschaft ist dabei für Hagenbeck auch nicht sonderlich groß.

Hamburger Zoo freut sich über Tigerbabys

Laut dem Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) hat die Zahl der gehaltenen Eisbären weltweit deutlich abgenommen. Ende 2012 waren es noch 330 in 133 Zoos, ganze 36 Exemplare von Ursus maritimus lebten in den Tiergärten des deutschsprachigen Verbands – neben Hamburg und Rostock etwa in Berlin, Bremerhaven, Gelsenkirchen, Hannover oder Karlsruhe. Die Abnahme des Bestands ist dabei vor allem einem Sinneswandel in den Zoos geschuldet. Bärenarten werden generell stark reduziert gezeigt, was auch an den teils „inadäquaten Haltungen“ lag. Während einzelgängerisch lebende Bären in freier Wildbahn täglich große Distanzen zurücklegen, müssen sie sich in Zoos oft mit unangemessen wenig Raum begnügen.

Gehege zählt zu den großen in Deutschland

Bei Hagenbeck stehen den beiden Tieren genügend begehbare Felsen- und Sandlandschaft sowie ein großes Wasserbecken zur Verfügung. Blizzard kam allerdings schon 2012 mit auffälligem Verhalten nach Hamburg, stereotypes Hin- und Herlaufen prägte von Beginn an sein Bewegungsmuster. Laut VdZ wollen die Tiere damit ihr Bewegungsbedürfnis befriedigen, man könne daraus kein Leiden ableiten. Trotzdem hätten Zoos das Problem erkannt, seit 2000 wurden acht von 13 Anlagen in Deutschland umgebaut oder vergrößert. Hagenbecks neues Eismeer gehörte dazu, aber einen Zuchterfolg garantiert das offenbar nicht.

In freier Wildbahn führt die Weltnaturschutzunion IUCN den Eisbären als „gefährdete Art“, durch Lebensraumverknappung und die globale Erwärmung wird mit einem starken Rückgang der Bestände gerechnet. Für viele ist er das Symbol eines bedrohlichen Klimawandels. Aktuell gehen Schätzungen noch von 20.000 frei lebenden Tieren­ aus. Für die Tierparks wird das Internationale Zuchtbuch (ISB) im Rostocker­ Zoo geführt, das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP) vom Zoo Amsterdam aus gesteuert.

Tierpark Hagenbeck feiert Geburtstag: