Hamburg

„Wir sind keine Seelsorger“

Serie: So hilft der Weisse Ring: Wie sich Betreuer um die Opfer von Verbrechen kümmern, ohne selbst die Distanz zu verlieren

Das Taxi in Bramfeld hielt kurz vor Mitternacht ein paar Hausnummern zu früh. „Macht nichts, die wenigen Meter gehe ich zu Fuß“, sagte Harald Emde zum Fahrer. Emde stieg aus, das Taxi fuhr fort. Plötzlich tauchten zwei Männer auf und fragten nach der Uhrzeit. Ehe Emde antworten konnten, prasselten schon die Fäuste in sein Gesicht, hart schlug er dann mit dem Hinterkopf auf dem Bürgersteig auf. Die Räuber entkamen mit Bargeld und seiner Uhr. Zwei Wochen war Emde war krankgeschrieben, die Täter wurden nie gefasst.

17 Jahren nach dem Überfall sitzt Harald Emde neben Andrea Rohlf an einem Märzmorgen in einem nüchternen Konferenzraum im dritten Stock eines Zweckbaus am Winterhuder Weg. An den Wänden kleben Plakate, die für den Weissen Ring werben, auf den Tischen liegen neben einem Keksteller Flyer der Opferschutzorganisation. Andrea Rohlf und Harald Emde betreuen seit Jahren Opfer von Verbrechen. Mit dem Abendblatt-Reporter wollen sie über ihr Ehrenamt reden.

Als das Gespräch vor mehreren Wochen terminiert wurde, ahnten nur Insider, dass der Weisse Ring in die schwerste Krise seiner über 40jährigen Geschichte schliddern könnte. Ein ehemaliger Ein ehemaliger Außenstellenleiter in Lübeck soll über Jahre Frauen in Beratungsgesprächen sexuell belästigt und genötigt haben. Ausgerechnet eine Organisation, die helfen will, machte offenbar Frauen ein zweites Mal zu Opfern. Schlimmer geht es kaum.

Auch bei Andrea Rohlf und Harald Emde sitzt der Schock tief. „Für unsere Arbeit sind solche Vorwürfe eine Katastrophe“, sagt Andrea Rohlf. Vertrauen, sagt sie, „ist die Grundlage unserer Arbeit“. Wer zum Weissen Ring komme, müsse sich darauf verlassen können, dass ihm geholfen werde. Der ehrenamtliche Pressesprecher Lutz Jaffé, der den Termin für das Abendblatt arrangiert hat, holt eine kleine Broschüre über die „Standards der Opferhilfe“ aus dem Regal. Auf Seite sieben steht: „Wir achten und respektieren den Menschen in seiner Opfersituation, und wir akzeptieren vorurteilsfrei seine Entscheidungen.“ Gemessen an diesen Ansprüchen, sagt Jaffé, sei der Fall in Schleswig-Holstein „ganz schlimm“.

Und doch hat Jaffé mit dem Vorstand entschieden, sich gerade jetzt nicht wegzuducken. Der traditionelle Gottesdienst am Tag der Kriminalitätsopfer in der Hauptkirche St. Jacobi am 22. März wurde ebenso wenig abgesagt wie das Gespräch mit dem Abendblatt: „Es darf doch nicht sein, dass die Arbeit von 3200 ehrenamtlichen Betreuern durch einen solchen Vorfall diskreditiert wird“, sagt Jaffé.

Schließlich sei die Tätigkeit eines Betreuers auch ohne öffentlichen Druck hart genug. „Verwandte und Freunde haben mich in der ersten Zeit oft gefragt, wie hältst du das eigentlich aus“, sagt Emde. Wer Opfer betreut, schaut oft genug in menschliche Abgründe. Andrea Rohlf kümmert sich gerade um eine Frau, die über Jahre sexuell von ihrem Lebensgefährten missbraucht wurde. „Da sitzt dann die ganze Familie und weint mit dem Opfer.“ Aber gerade deshalb sei professionelle Distanz so wichtig. „Es hilft dem Opfer nicht, wenn ich mit ihm leide.“ Opfer bräuchten Betreuer, „die stehen und nicht zusammenfallen“.

Die Angestellte im IT-Bereich kam 2009 über einen Bekannten zum Weissen Ring. Wie jeder Neuling kümmerte sich auch Andrea Rohlf zunächst gemeinsam mit einem erfahrenen Betreuer um Opfer, eine Angestellte der Drogeriekette Budni, die in ihrer Filiale überfallen wurde, war eine ihrer ersten Fälle. Zumindest materiell geriet die Verkäuferin dank des Arbeitgebers und der Versicherung nicht in Not.

Alles andere als eine Selbstverständlichkeit, wie jeder Betreuer weiß. „Wir beschäftigen uns sehr oft mit Opfern, die mehrere Baustellen haben. Von häuslicher Gewalt über Arbeitslosigkeit, Armut und gesundheitlichen Problemen“, sagt Emde. Entsprechend aufwendig sei dann die Betreuung, inklusive Einschalten eines Schuldnerberaters.

Emde kam über eine Aktivoli-Messe, wo Freiwillige für ehrenamtliche Tätigkeiten gesucht wurden, zum Weissen Ring. „Das gesamte Konzept und die Professionalität hat mich überzeugt“, sagt er. Mit seiner eigenen Opfer-Geschichte habe die Entscheidung für den Weissen Ring nichts zu tun gehabt. Emde suchte vielmehr nach einem unverschuldeten schweren Autounfall, der für den leitenden Manager eines Versicherungskonzerns schließlich in der frühzeitigen Pensionierung endete, nach einer neuen sinnstiftenden Aufgabe.

Bereut, sagt er, habe er die Entscheidung keine Minute. Er sei sehr behutsam an die Tätigkeit herangeführt worden, dank eines umfangreichen Schulungsprogramms gerüstet auch für schwierige Fragen, die sich nun immer wieder stellen. Etwa, wenn das Opfer wissen will, ob es nun Anzeige erstatten soll oder nicht. „Ich rate immer zur Anzeige“, sagt Emde, damit der Täter auch strafrechtlich verfolgt werden könne: „Aber natürlich respektiere ich es, wenn das Opfer dies ablehnt, um etwa den Ehemann, von dem es geschlagen wurde, zu schützen.“

Weder Emde noch Andrea Rohlf halten etwas davon, Täter als Monster zu dämonisieren. „Wir haben nur das Opfer und die Angehörigen im Blickpunkt.“ Dennoch wundern sie sich mitunter über milde Urteile, wenn sie Opfer zu den Gerichtsverhandlungen begleiten. „Viele empfinden eine Bewährungsstrafe für den Täter als zweite Demütigung“, sagt Andrea Rohlf. Den Glauben an den Rechtsstaat hat sie dennoch nicht verloren: „Ich kenne einfach nichts Besseres.“

Am wichtigsten ist für das Opfer das Zuhören

Der Weg zur ersten Beratung ist immer gleich. Das Opfer meldet sich bei einem Außenstellenleiter und schildert sein Problem, oft auf Anraten der Polizei. Binnen 24 Stunden, so die interne Regel des Weissen Rings, meldet sich dann ein Berater. Gemeinsam mit dem Opfer schreiben die Betreuer dann ein Protokoll der Tat, überlegen, wie der weitere Weg aussehen kann. Die Hilfsangebote sind vielfältig, bei schwierigen juristischen Problemen zahlt der Weisse Ring die erste Beratung bei einem Anwalt. Wenn das Opfer dringend psychologische Hilfe braucht, organisiert der Betreuer auch das. Am wichtigsten aber sei das Zuhören, sagt Emde: „Viele Opfer fühlen sich von Familie und Freundeskreis im Stich gelassen, weil dort das Signal kommt, irgendwann sei es auch mal gut.“

Wann die Betreuung endet, hängt vom Einzelfall ab. Um die Eltern von Hilal Ercan, die im August 1999 als zehnjähriges Mädchen in Hamburg verschwand, kümmert sich der Weisse Ring noch immer. Aber das ist eine Ausnahme, sagt Emde: „Wir sind Lotsen , keine Seelsorger. Ich gehe für eine bestimmte Strecke an Bord und berate den Kapitän. Und irgendwann verlasse ich wieder das Schiff.“

Und manchmal sei gerade der Moment des Abschiednehmens am schönsten. „Wenn man spürt, dass es dem Opfer so viel besser geht als unmittelbar nach der Tat, ist das der größte Lohn“, sagt Andrea Rohlf.