Essay

Die Sehnsucht nach Heimat: Doch was ist das überhaupt?

Horst Seehofer als bayerischer Ministerpräsident in Geisenhausen beim Deutschen Trachtentag

Horst Seehofer als bayerischer Ministerpräsident in Geisenhausen beim Deutschen Trachtentag

Foto: picture alliance/dpa

Wie können Bewahrung und Erneuerung miteinander austariert werden? Antworten darauf soll Horst Seehofer geben – und ein Essay.

Man hat lange gedacht, der Heimat-Begriff sei überholt, ein Relikt aus alter Zeit. Und mit ihm die Idee von der Heimat selbst, jene Empfindung, die an Kitsch, Volksmusik, Deutschtümelei und fragwürdige Folklore gemahnte und dann im Hype um die Globalisierung in der Mottenkiste verschwand. Wer im Zeitalter von Facebook, Billig-Fluglinien, Denglisch und allumfassender Vernetzung noch Heimat sagte, der galt als gestrig. Der Begriff klang von innen hohl, und dem Gefühl schien die Sinnhaftigkeit verloren zu gehen.

Dass dem keineswegs so war, ist spätestens mit dem Ergebnis der Koalitionsverhandlungen klar, sie zauberten ein Heimatministerium hervor, angedockt an das des Inneren, besetzt, natürlich, mit einem Bayern.

Heimat soll von höchster Stelle gepflegt werden

Aber auch ohne Horst Seehofer ginge es kaum symbolträchtiger: Nun soll von höchster Stelle die Heimat gepflegt werden, mindestens aber die Deutungshoheit zurückgewonnen werden. Nicht das schlechteste Vorhaben, wenn die Populisten trommeln, in Deutschland und auch anderswo, wenn eine in Teilen rechtsradikale und rassistische Partei mit fast einer Hundertschaft in den Bundestag einzieht.

Was ist Heimat eigentlich? Und warum sehen sie derzeit so viele bedroht?

Heimat ist, in der denkbar engsten Definition, der Ort, an dem man geboren und aufgewachsen ist. Heimat ist Herkunft, Heimat ist Gewohnheit, Heimat ist Kultur, Heimat ist Sprache. Heimat, das sind Familie, Freunde, Menschen.

Wer jung ist, sucht sich eine neue Heimat

Heimat ist, gefühlt, für die meisten Menschen eher Region als Vaterland, was neben den landsmannschaftlichen Unterschieden auch an der deutschen Vergangenheit liegt. Die Nazis priesen die Scholle und beschworen Blut und Boden, weshalb manche sich aufgeklärt wähnende Deutsche ihre Heimatgefühle immer noch ironisch abfedern. Das ist nicht unsympathisch.

Heimat ist ein auch für Eingeborene kompliziertes Konstrukt. Wenn man jung ist und die entsprechenden Möglichkeiten hat, will man der Herkunftswelt irgendwann entfliehen. Man sucht sich eine neue Heimat, vielleicht nicht nur geografisch, sondern auch sprachlich, kulturell, habituell. Zur großen Heimat gesellen sich die vielen kleinen. Das kann ein Stadtviertel sein, eine Szene, der Stehplatzbereich eines Fußballstadions. Heimat ist Identität und Festlegung; bei den meisten Menschen ist Heimat auch als Zuhause ab einem gewissen Alter nicht mehr austauschbar.

Heimat ist auf manche Weise ohne Lokalpatriotismus nicht denkbar. Lokalpatriotismus ist etwas Schönes, auch er sagt einem im Zweifel, wer man ist (und wer nicht), aber dass er für viele von uns manchmal nach Tümelei und Borniertheit mieft, ist zur Not immer noch ein guter Hinweis, mal fix den Schnellschleudergang anzuwerfen. Eine zu überzeugte Heimatliebe gefährdet zumindest die bei den Bildungsbürgern unverändert hoch im Kurs stehende Weltläufigkeit.

Was derweil nicht der Grund dafür ist, dass Heimat zum Kampfbegriff geworden ist auf Kundgebungen, in Blogs und in Talkshows. Es geht auch um das ewige Ringen zwischen Veränderern und (Ultra-)Konservativen. Wie können, müssen und dürfen Bewahrung und Erneuerung miteinander austariert werden? Und, wenn wir über Heimat reden, wer gehört denn dazu, wer nicht? Ist die Dauer der verbrachten Zeit an einem Ort ein Maßstab für Heimatempfinden und Zugehörigkeit?

Die Globalisierung sorgt für Verlustängste

Die Globalisierung sorgt für Internationalisierungsstress und Verlustängste, für Unübersichtlichkeit und wackelige Fundamente – bei allen bisweilen alarmistisch wirkenden Anteilen am allgemeinen Befinden. Eine Reaktion darauf ist das Aroma der Heimat. Auch in Hamburg trinken viele lokal gebrautes Bier oder besorgen sich Fleisch vom regional geschlachteten Tier. Wir sind heute gerne und forciert provinziell und bilden uns dabei ein, durch Shoppingtouren zum Bio-Bauernhof die Umwelt zu schonen. Die lokale Selbstbescheidung ist, bei aller Reiselust, gerade in einer wachsenden Stadt wie Hamburg zu begutachten: Wir leben gern in Ottensen, der Schanze und Hoheluft. Wir wissen, wo unser Heimathafen liegt, und verweisen stets auf die Internationalität und Weltoffenheit Hamburgs. Wenn es nicht gerade um angemaßte ästhetische Urteile („Die schönste Stadt der Welt“) geht, sind Lokalpatriotismus und Heimatliebe in Hamburg entspannter zu haben als anderswo.

Allerdings kann sich ausgerechnet in einer prosperierenden Stadt die Stimmungslage ändern. Die ungesunde Form von Heimatliebe sucht ihr Heil in Exklusivität, Abschottung und Verteidigung, sie tut das auch als Reaktion auf einen überhitzten Immobilienmarkt. Wenn sich Menschen in einer Stadt wie Hamburg diese Stadt nicht mehr leisten können, ist die Heimat in ganz realer Gefahr – und mit ihr eine Heimatliebe, die Durchlässigkeit und Toleranz kennt.

Lokalpatriotismus ist etwas Schönes

Heimat in der modernen, zeitgemäßen, zukunftsweisenden Version heißt aber, teilen zu können. Wobei, was die Verteilung der Bevölkerung über die deutschen Lande betrifft, die Politik ebenso gewarnt sein muss. Mit dem Boom der Städte geht eine Landflucht einher, die Heimatliebe irgendwann gegenstandslos machen könnte.

Für die Bewahrung der Heimat und ihrer Eigenheiten sind in jeder Stadtgesellschaft die Kulturorte verantwortlich. Und was die Heimatmuseen und Mundarttheater angeht: Sie haben auf den Dörfern in Schützen- und Musikvereinen ihre Entsprechung. Ihnen allen ist gemeinsam, dass es dort auch einmal zu eng werden kann oder zu unverständlich – wer möchte schon jeden Abend nur Plattdeutsch hören? –, aber wir bekommen hier doch die Antwort auf die Frage nach unserem Platz in der Welt. Wer eine hoch konzentrierte Portion Heimat haben will, der muss nur vor die Tür und ins Theater gehen, manchmal reichen der Hafen oder die Gaststätte nebenan. Heimat ist, wenn man sich zu Hause fühlt und selbst erkennt – als Eimsbütteler, Hamburger, Deutscher, Europäer.

Heimat ist auch Geschmackssache

Weil die Gaststätte seit Jahrzehnten dankenswerterweise keineswegs zwangsläufig ein Frikadellen-mit-Kartoffelsalat-Verköster sein muss, sondern man dort Pizza, Gyros oder Hähnchen süßsauer essen kann, ist die Heimat halt auch Geschmackssache. Und kein in Stein gemeißeltes Gebilde aus dem Immergleichen, sondern ein Setzbaukasten. Was nicht heißt, dass man dem Satz der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan Özoguz, zustimmen müsste: „Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“ Ein paar Standards sind im Setzkasten, vielleicht darf man sogar leise „Leitkultur“ flüstern. Aber es kommen neue Elemente dazu, wenn’s denn sein muss. Einwanderung ist vor allem anderen bereichernd. Klingt lahm, ist aber wahr – und wird von den puristischen Imaginierern der Welt von gestern dennoch in Zweifel gezogen.

Womit man mitten hineinsteuert in das Dilemma der Gegenwart, wo Grenzen hochgezogen werden, es sind nicht nur die Zäune in Ungarn, sondern die im Inneren der Menschen. In der Flüchtlingsdebatte geht es um die von Scharfmachern oft zynisch nach oben auf die Agenda gepeitschte Frage, wer denn nun Deutschland auf keinen Fall als neue Heimat begreifen darf – und wie Deutschland als Heimat gegen das Fremde angeblich verteidigt werden muss.

AfD hat den Heimat-Begriff entwertet

Durch die AfD ist der Heimat-Begriff entwertet worden. Wenn sie ihn im Munde führt, ist er automatisch kontaminiert – siehe Ex-Frontfrau Frauke Petry, die einst, es ist noch gar nicht lange her, von einer Neubewertung des Wortes „völkisch“ schwadronierte. Ganz zu schweigen von den Einlassungen des Rechtsauslegers Björn Hocke, bei dessen Deutschland-Pathos und Heimat-Lamento man sich im besten Fall windet. Die jüngsten Ausfälle gegen Deutschtürken („Kameltreiber“) – also Bürger, die seit Langem zu unserem Land gehören – waren nur ein weiterer infamer Versuch, Stimmung gegen Zuwanderer und ihre in Deutschland geborenen Nachfahren zu machen.

Der Zulauf für die Rechten ist aber auch jenseits der Flüchtlingsdebatte, in der auf der Seite der Apokalyptiker kein Szenario irrational genug sein kann, unbedingt ernst zu nehmen. Die Sehnsucht nach Heimat könnte man als wahren Moment in unserer digital überhitzten Gegenwart beschreiben – wer wollte Heimatliebe ernsthaft nicht als Menschenrecht, emotionale Notwendigkeit, gesellschaftliche Voraussetzung beschreiben? Selbst in erzlinken Kreisen, in denen „Heimat“ noch immer vor allem als Nazi-Wort gilt?

Angst vor Überfremdung und Islamisierung

Über Heimat nachzudenken ist das Gebot einer aufgeklärten Gesellschaft; nicht nur als bloße Reaktion auf das schamlose Gebaren von Populisten.

Soziologen warnen längst davor, dass sich die wahre Trennscheide in der Gesellschaft nicht zwischen Arm und Reich (obwohl diese doch auch damit zu tun hat) befindet, sondern zwischen individualistischen Kosmopoliten und sesshaften Anti-Globalisten. Beide Gruppen zählen zur Mittelschicht, und für beide sind die großen Volksparteien nicht mehr unbedingt ein Zuhause; aber es sind insbesondere die Kosmo-Skeptiker, die auf die Seiten des Populismus überzulaufen drohen und für die die Parteien neue Angebote machen müssen.

Die Angst vor Überfremdung und Islamisierung muss übrigens nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit Angst vor der Globalisierung sein. Anders gesagt: Wer den Untergang des deutschen Abendlands herbeipaniken will, der sollte sich eher um unsere Sprache sorgen und den nicht endenden Siegeszug der angloamerikanischen Kultur. YouTube und Netflix haben dem deutschen Kulturwesen – was immer das ist – ganz sicher mehr das Wasser abgegraben als jede Moschee. Die kulturelle Globalisierung ist seit Langem eine vor allem amerikanische Erfolgsgeschichte, mit allen Vor- und Nachteilen.

Gorch Fock hatte mit seiner Definition recht

Heimat ist in Zeiten weltweiter Mobilität ein Schlüsselbegriff. Die Zeiten, in denen man mit großer Wahrscheinlichkeit an dem Ort starb, an dem man geboren wurde, sind lange vorbei. Heimat ist ein flüssiges Konzept geworden für all die, die als moderne Arbeitsnomaden durch die Welt ziehen, und für die, die von Flucht und Vertreibung betroffen sind. Wer Heimat als Ausschlussverfahren begreift, kann dabei nie ein wahrer Patriot sein. Wir leben in einer Zeit, in der manche aus vermeintlicher Heimatliebe ihren Verstand abgeben (Brexit!), nicht nur unter einer Verengung des Herzens leiden (Trumps Amerika!) und beharrlich an der wirtschaftlichen Selbstverzwergung durch regionale Aufblähung (Katalonien!) arbeiten. Heimat darf nie in Piefigkeit und Gestrigkeit ausarten, sie darf auch nicht verordnet werden, aber sie ist immer noch der Ausgangspunkt allen Strebens in die Welt. Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen: So nannte das der Schriftsteller Gorch Fock vor mehr als einem Jahrhundert. Stimmt immer noch.

Die Debatte ist zu führen, politisch und gesellschaftlich: Wie sieht Heimat heute aus, was ist Deutschsein, wie begegnen wir Menschen mit einer Identität, die dem Wechsel von Kulturkreisen unterworfen ist – und darf „Heimat“ überhaupt ein Kampfbegriff sein?