Thalia Theater

Wenn es in der Kulisse kracht – ein Abend über Verzweiflung

Imitation of Life am Thalia Theater Hamburg

Imitation of Life am Thalia Theater Hamburg

Foto: Marcell Rév

Kornél Mundruczós effektvolles „Imitation of Life“ gastierte bei den Lessingtagen – und zeigte ein besonderes Selbstzitat.

Hamburg. Die Begründung, mit der Kornél Mundruczó noch vor Vorstellungsbeginn für das Publikumsgespräch im Anschluss der Gastspielpremiere entschuldigt wird, kommt auch auf einem Theaterfestival nicht allzu häufig vor: Der ungarische Regisseur dreht in Hollywood. Auf den Lessingtagen des Thalia Theaters, dem der Kino- und Bühnenregisseur nicht erst seit seiner Hamburger Inszenierung des Revolutionsdramas „Die Weber“ verbunden ist, war sein Budapester Proton Theatre nun mit der bemerkenswerten Produktion „Imitation of Life“ zu Gast. Sie tourte bereits durch andere europäische Theater und präsentierte sich auch am Thalia als weiterer Höhepunkt eines ohnehin starken Festival-Jahrgangs.

Kornél Mundruczó zeigt mit einem fantastischen fünfköpfigen Ensemble kafkaeske Situationen, mal im Film, mal als Bühnenspiel, in und rund um eine heruntergewohnte Altbaubleibe. Márton Ágh baute ihm dafür eine Art düster dröhnendes, krachendes, sich komplett drehendes Horrorhaus, das sich zum heimlichen Star der immer beklemmenderen Inszenierung entwickelt.

Auch der Mörder kam aus einer Roma-Familie

Inspiriert wurde der Regisseur von der (wahren) Geschichte eines Mordes an einem minderjährigen Roma in Ungarn. Die Tat war zunächst als rassistisch gewertet worden, bis sich herausstellte, dass der Mörder ebenfalls Mitglied der Roma-Minderheit war. Wie ein möglicher Hintergrund der Beteiligten ausgesehen haben könnte, erzählt Mundruczó hier in unheilvoll miteinander verwobenen Szenen, deren Zeiten, Ebenen, Figuren und Geschichten verschwimmen.

Da ist die ältere Romni, deren Wohnung zwangsgeräumt werden soll, ihr erwachsener Sohn, der blond gefärbt seine Identität verleugnet, eine junge Frau, die schließlich an ihrer Stelle in die vermüllte Bleibe zieht, ihr kleiner Sohn, der Zeuge und mögliches Opfer einer Gewalttat wird.

Mundruczó zerlegt seine Kulissen

In einer minutenlangen, sehr effektvollen Ausstattungsschlacht kippt die Bühne in der Bühne zur Seite. Es bröckelt, knarzt und knirscht, bedrohlich wird das Leben all dieser verwahrlosten, verlorenen Gestalten auf den Kopf gestellt. Ein prägnantes, gespenstisches Bild. Ja, man könnte argumentieren, dass Mundruczó nicht zum ersten Mal seine Kulissen zerlegt. Na und – ein Selbstzitat kann auch eine Marke sein.

Großer Applaus für diesen eindringlichen und dichten Abend über Verzweiflung, Gewalt und Diskriminierung, direkt von den Rändern der europäischen Gesellschaft.