Elbphilharmonie

Bariton Goerne: „Um Nein sagen zu können, braucht es Talent“

Matthias Goerne
wurde 1967 in
Weimar geboren

Matthias Goerne wurde 1967 in Weimar geboren

Foto: Caroline de Bon

Matthias Goerne ist Elbphilharmonie-Residenzkünstler und gastiert im Januar außerdem als „Walküre“-Wotan an der Staatsoper.

Berlin.  Sie müssen erst warm werden miteinander, die Küche und der Hausherr. Matthias Goerne hantiert ein wenig zerstreut mit der Kaffeemaschine. Er ist mit dem frühen Flieger aus Wien gekommen, am Vorabend hatte er ein Konzert in Niederösterreich. Nur 30 Tage im Jahr ist er in seiner Berliner Wohnung. Sänger ist eben ein reisender Beruf, wenn man international gefragt ist wie der Bariton Goerne seit Jahrzehnten, in diesem Jahr ist er 50 ­geworden. Für seine Einspielung früher Mahler-Lieder mit dem BBC Symphony Orchestra unter Leitung von Josep Pons hat er den Echo Klassik „Sänger des Jahres“ bekommen. Er hat sogar bei der Preisverleihung ­gesungen.

Menschlich gesehen: Der Residenzbariton

Und das war nur das Hors­d’œu­v­re zu einer ganzen Goerne-Saison: Am 7. und am 14. ­Januar gastiert Goerne an der Staatsoper in Wagners „Walküre“ als Wotan – eine der monströsesten Baritonpartien überhaupt. Als Residenzkünstler der Elbphilharmonie und des NDR Elbphilharmonie Orchesters kommt er insgesamt sechsmal in die Elbphilharmonie. Auch wenn er zum geplanten Auftakt mit Henzes Oratorium „Das Floß der Medusa“ krankheitshalber ausfiel, ergibt das verbleibende Programm einen imposanten Querschnitt durch seine Arbeit. Auch ein Liederabend der besonderen Art ist dabei, das Multi­media-Projekt „Winterreisen“.

Ungeheure Präsenz

Wer Goerne einmal als Liedsänger erlebt hat, wird seine ungeheure Präsenz nicht mehr vergessen. Die liegt nicht primär am Raubvogelblick oder am mächtigen Körper: Jede musikalische Nuance hat bei ihm eine Bedeutung, eine glücklichere Verbindung von Ausdruck und Intelligenz der Gestaltung kann man sich nicht wünschen. Auch im Gespräch gibt Goerne jedem seiner Worte Gewicht. Da muss der Kaffee halt warten. Bis er schließlich auf dem Tisch steht, hat ­Goerne schon eine ganze Menge erzählt, angefangen beim wundersamen Beginn seiner Karriere zwischen Ost und West.

Sie sind in der DDR aufgewachsen. Hat Sie das geprägt?

Matthias Goerne: Ich konnte vor der Wende schon reisen. Weil ich Wettbewerbe gewonnen hatte, hatte ich Kontakte in den Westen und habe dort schon früh Konzerte gegeben. Die ­Behörden gaben mir einen Pass für elf Monate!

Dann war die Wende für Sie kein dramatischer Umbruch?

Goerne: Sie kam für mich im idealen Moment. Ich hätte in die Lage geraten können, dass der Staat etwas von mir will, ein Bekenntnis oder die Mitgliedschaft in der Partei. So blieb es mir erspart, mich zu entscheiden, ob ich irgendwann im Westen bleiben würde.

Sie haben bei den Jahrhundertfiguren Elisabeth Schwarzkopf und Dietrich Fischer-Dieskau Unterricht gehabt. Dabei waren Sie an der Leipziger Musikhochschule zweimal durch die Aufnahmeprüfung gefallen.

Goerne: Wegen Talentlosigkeit. Die Jury fand meine Stimme zu klein. „Sie tun sich keinen Gefallen“, hieß es. Ich habe aber insistiert und beim dritten Anlauf ein Probe-Studienjahr bekommen. Dann habe ich sie überzeugt.

Nächste Termine

Sie haben ja Nerven.

Goerne: Ich finde das genau richtig, wie die Professoren das gemacht haben. Wer ­Talent hat, setzt sich auch gegen Widerstände durch.

Wie Ihre Vita zeigt. Bei Ihrer Hamburger Residenz singen Sie viel Mahler und viel Schubert. Wo sehen Sie die Verbindungs­linien zwischen den beiden Komponisten?

Goerne: Alle Komponisten, die sich nach Schubert mit dem Lied befasst haben, sind durch ihn enorm geprägt. Seine Musik spricht mit großer Selbstverständlichkeit direkt zu den Herzen der Menschen. Das ist bei Mahler auch so. Er ist der Erfinder des romantischen Orchesterlieds. Auch wenn das Liedrepertoire von Mahler nicht besonders groß ist, ist es doch einmalig und wegweisend.

An der Staatsoper gastieren Sie zweimal als Wotan. Sie arbeiten aber auch mit Alte-Musik-Ensembles, im Herbst haben Sie und das Freiburger Barockorchester eine CD mit Bach-Kantaten herausgebracht. Wie können Sie das stimmlich vereinbaren?

Goerne: Ich differenziere bewusst sehr stark. Bach braucht viel weniger Volumen, mehr Kopfton. Das ist bei einer Partie wie Wotan aber überhaupt nicht ­gefragt. Da klänge das wie markiert. Wenn man Wotan zu früh singt, kann man nie mehr zurück. Den schlanken, leichten Stimmklang für die Barockmusik finde ich nur wieder, weil ich das so lange gemacht habe.

Wenn Sie also ein paar Monate nur Wagner sängen ...

Goerne:... dann würden bestimmte Sachen unwiederbringlich verloren gehen. Nach einer Wagner-Phase brauche ich eine Woche Pause. Zwischen zweimal Wotan brauche ich zwei Tage Pause. Länger darf sie aber auch wieder nicht sein. Die Stimmbänder müssen voll trainiert bleiben, das sind ja Muskeln.

Und wenn Sie zwischendurch einen Liederabend haben?

Goerne: So etwas mache ich nicht, das schließt sich aus.

Sind Sänger in Gefahr, sich zu verschleißen?

Goerne: Manche wollen sich aus einer gewissen Hysterie heraus ständig schonen. Dann bekommen sie deshalb Probleme, weil sie nicht genügend trainieren. Ausdauer kann man üben! Man muss richtig singen und lange. Wenn die Ermüdung kommt, eine Viertelstunde Pause machen und dann weiter, das ist wie im Sport. Ich variiere mein Trainingsprogramm. Brauche ich wirklich zwei Stunden, oder singe ich vielleicht nur eine Stunde, aber das kräftig und laut?

Und sonst so, was macht die Work-Life-Balance?

Goerne: Ich habe immer Lust aufs Arbeiten. Ich habe immer gemacht, was ich wollte – und nur das. Ich würde auch nicht ­irgendwas absagen, nur weil etwas ­attraktives anderes reinkommt. Für den Pianisten Menahem Pressler habe ich aufgrund seines hohen Alters andere ­Sachen verschoben.

Wo sind Sie mal gescheitert?

Goerne: (schweigt einen Moment) Als Mensch scheitert man schon hin und wieder und macht so seine Erfahrungen. Aber im Beruf nie.

Kein einziger Vorhang?

Goerne: Wenn ich krank bin und merke, ich kann ein Konzert nicht sehr gut machen, sage ich ab. Ein schlecht gesungenes Konzert ist schädlicher als ein nicht gesungenes. Absagen ist nie einfach, das gibt lange Gesichter. Man muss den Dingen mit Gelassenheit widerstehen können. Da kommt vieles zusammen, wofür man nichts kann. Familie vor allem. Nein ­sagen können, dazu braucht man ­Talent.