Hamburger Versandhändler

10.000 neue Produkte jede Woche – so greift Otto an

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Hanna-Lotte Mikuteit
Nein, nicht in den Bergen: Otto-Chef Marc Opelt steht in einem Entspannungsraum in der Zentrale in Bramfeld

Nein, nicht in den Bergen: Otto-Chef Marc Opelt steht in einem Entspannungsraum in der Zentrale in Bramfeld

Foto: Andreas Laible / HA

Das Unternehmen hat 300 offene Stellen für IT-Spezialisten und wandelt sich immer mehr zum E-Commerce-Anbieter.

Hamburg.  Ottos neue Wohlfühlzone beginnt im vierten Stock. Zwei Etagen der verzweigten Zentrale des Handelskonzerns in Bramfeld wurden in einem groß angelegten Renovierungsprojekt zu einer modernen Arbeitswelt umgebaut. Wo an den langen Tischen ein Platz frei ist, stöpselt man seinen Laptop ein – und los geht’s. Desksharing2 nennen sie das im Unternehmensjargon. Es gibt Sitzecken für Teambesprechungen in Pastellfarben, Schließfächer, Telefonkabinen wie früher an jeder Straßenecke und Küchenbereiche mit Esstischen.

„Das Angebot wird gut genutzt“, sagt Marc Opelt, Sprecher der Otto-Geschäftsführung, beim Rundgang über schallschluckende Teppiche. Sogar eine Hütte aus Holz haben die Architekten eingebaut, die Alm. In einem Raum klebt ein riesiges Bergpanorama an der Wand, davor steht eine Tischtennisplatte für die sportliche Auszeit zwischendurch.

Wandel zum E-Commerce-Anbieter

Die neue Bürolandschaft ist ein sichtbares Zeichen für den Wandel zum E-Commerce-Anbieter, den sich der ehemalige Otto Versand verordnet hat. „Wir sind heute mehr Technologieunternehmen als Händler“, sagt Opelt. Seit einem Jahr führt er die Otto-Einzelgesellschaft mit bundesweit 4350 Beschäftigten, die das deutsche Kerngeschäft des internationalen Handels- und Dienstleistungskonzerns Otto Group bündelt.

Sein „absoluter Traumjob“, wie er bei Amtsantritt zu Protokoll gab. Daran habe sich nichts geändert, sagt er heute. Im Frühjahr hatte die Muttergesellschaft erhebliche Investitionen in die Online-Plattform beschlossen. Genaue Zahlen will der Otto-Chef nicht nennen. „Aber es ist ein großes Bekenntnis zu unserer Wachstumsstrategie. Das ist eine Phase, in der wir gestalten können.“

2,4 Millionen Produkte sind erhältlich

Sein Arbeitstag beginnt morgens um 7.30 Uhr. Jetzt sitzt Opelt in seinem Büro an einem großen Tisch. Markante Brille, modisches Jackett, Jeans, der 55-Jährige präferiert lässigen Business-Look. Vor ihm steht ein Laptop, das Smartphone hat der Topmanager immer griffbereit in der Jackentasche. An der Wand hängt ein großer Bildschirm für Präsentationen, Papier gibt es nur in seinem Vorzimmer. „Durchstarten“ ist ein Wort, das der gebürtige Nürnberger mit Faible für Geschwindigkeit mag. „Wir hoffen, 2017 ein knapp zweistelliges Umsatzplus zu erreichen“, sagt er. Inzwischen verzeichnet der Händler 6,5 Millionen aktive Kunden.

Im vorherigen Geschäftsjahr erzielte die wichtigste Otto-Gesellschaft Erlöse von 2,72 Milliarden Euro. Vor allem auf die Aktionen rund um den Black Friday Ende November mit 4,2 Millionen Nutzern auf der Website ist der Topmanager stolz. Im Regelfall sind es etwa zwei Millionen. Auch die Geschäfte in den konsumstarken Wochen bis zum Jahresende laufen gut. „Mit einem Zuwachs zwischen neun und zehn Prozent haben wir das erfolgreichste Weihnachtsgeschäft in der Otto-Geschichte“, so Opelt. Auch er hat mehr Geschenke beim eigenen Arbeitgeber bestellt.

Jede Woche 10.000 neue Artikel

Aktuell sind 2,4 Millionen Produkte bei Otto erhältlich. Jede Woche kommen im Schnitt 10.000 neue Artikel dazu. „Unser Angebot wächst und wird umfänglich weiterwachsen“, sagt Marc Opelt. In den nächsten Jahren peilt er die Fünf-Millionen-Marke an, wobei es ihm weniger um die bloße Zahl, sondern mehr um eine wachsende Attraktivität und Relevanz innerhalb des Sortiments geht. Erstmals hat Otto inzwischen Kosmetikartikel im Sortiment. Mit 1000 Produkten der Firma L ’Oreal hatte der Versandhändler das Projekt gestartet. Wimpern­tusche, Antifaltencreme und Duschgel lassen sich zu Preisen im niedrigen Euro-Bereich bestellen.

„Wir wollen die Otto-Plattform als Marktplatz für Produkte aus allen Lebensbereichen etablieren“, sagt Opelt. Dabei biete der Händler Beratung und Service, die ihn von anderen Plattformen wie etwa Amazon unterscheiden. Im Mode­bereich setzt Otto auf die Zusammenarbeit mit Stardesigner Guido Maria Kretschmer („Shopping Queen“). Zudem sollen künftig immer mehr Partner die Möglichkeit bekommen, ihre Geschäfte über Otto.de abzuwickeln.

10.000 Verträge über Mietportal „Otto Now“

Wichtigster Umsatzbringer ist weiterhin der Möbelhandel. Das 1949 gegründete Unternehmen ist Marktführer im Onlinehandel mit Einrichtungsprodukten – noch vor Ikea und anderen Anbietern. „Das entwickelt sich stürmisch“, so Opelt. Etwa 200.000 Möbelstücke können sich Kunden inzwischen liefern lassen, nach Wunsch mit Zeitfenstern und Aufbauservice. Künftig will Otto zudem die Möglichkeit bieten, die Tische, Sessel oder Schränke mehrdimensional mit einer Virtual-Reality-Funktion in der eigenen Wohnung zu testen. „Wir arbeiten an einem Projekt exklusiv mit einem führenden Tech-Unternehmen aus den USA“, sagt Opelt, der Betriebswirtschaft studiert hat und mehrere Jahre für Otto in Amerika war. Schon im Januar wird es auf der Internationalen Einrichtungsmesse in Köln gezeigt, im Laufe des Jahres soll es bundesweit an den Start gehen.

Auch das Mietportal „Otto Now“, das im Dezember 2016 gestartet war, will der E-Commerce-Anbieter im kommenden Jahr weiter ausbauen. Das Team ist inzwischen auf 15 Mitarbeiter angewachsen. 10.000 Mietverträge für Fernsehgeräte, Smartphones, Kaffeeautomaten, Waschmaschinen oder die neueste Drohne wurden bislang abgeschlossen. „Dafür, dass wir keine Werbung gemacht haben, ist das eine zufriedenstellende Zahl“, sagt Opelt. Vor allem Menschen, die temporär in einer anderen Stadt wohnen, gehörten zu den Nutzern. „Aber es werden auch privat vermietete Wohnungen mit den geliehenen Produkten ausgestattet.“

Unternehmenskultur wichtiges Kriterium

2018 soll die technologische Entwicklung weitergehen. Schon jetzt seien die allermeisten Teile der Software für die stationäre und mobile Nutzung der Bestellplattform im eigenen Haus programmiert. Ausgebaut werden soll unter anderem der Einsatz von künstlicher Intelligenz und Sprachsteuerung etwa bei der Kundenbetreuung und -beratung. „Die größte Herausforderung ist, Mitarbeiter zu finden“, sagt Opelt. Aktuell hat das Unternehmen 300 offene Stellen in der Informationstechnologie und im Online-Marketing.

Gerade für die jungen Fachkräfte sind die Unternehmenskultur und Arbeitsbedingungen wichtige Kriterien bei der Jobwahl. Da habe sich bei Otto in den vergangenen Jahren viel getan, sagt Opelt, der sich wie die meisten im Haus mit sehr vielen Kollegen duzt. „Es herrscht Aufbruchstimmung.“ Die umgebauten Büros sind ein Mosaikstein. 340 Beschäftigte arbeiten inzwischen dort. Manchmal, sagt Opelt, „wünsche ich mir, auch dort arbeiten zu können.“

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