Elbphilharmonie

Steht das Publikum auf dem Schlauch, Gidon Kremer?

Gidon Kremer muss bei „La lontananza nostalgica utopica futura“, das Luigi Nono 1988 für ihn schrieb, von Notenpult zu Notenpult wandern. Nun spielte er das Stück im Kleinen Saal der Elbphilharmonie

Gidon Kremer muss bei „La lontananza nostalgica utopica futura“, das Luigi Nono 1988 für ihn schrieb, von Notenpult zu Notenpult wandern. Nun spielte er das Stück im Kleinen Saal der Elbphilharmonie

Foto: Angie Kremer Photography

Der Star-Geiger ist dafür bekannt, eigenen Spielregeln zu folgen. Ein Gespräch zu seinem Solokonzert in der Elbphilharmonie.

Hamburg.  Zwei Stunden geschlafen letzte Nacht, eingeflogen aus Portugal. Er war beim Filmfestival in Lissabon, um „Images d’Orient“ vorzustellen, einen 27-Minuten-Kurzfilm – keine Worte, mit Musik, die sich auf Schumanns „Bilder aus Osten“ bezieht – über die Arbeit des Syrers Nizar Ali Badr, der aus Kieselsteinen Skulpturen baut. Für diesen Film von Sandro Kancheli, Sohn des Komponisten Giya Kancheli, animiert. Gidon Kremers Künstler-Alltag ist chronisch speziell, voller Querverbindungen und Freundschaften. Seit Jahrzehnten will der 70 Jahre alte Geiger viel mehr sein als ausführendes Organ der jeweiligen Komponisten. Das Gespräch am Vorabend seines Solo-debüts im Kleinen Saal der Elbphilharmonie dreht sich ­deshalb nicht nur um die Musik selbst, sondern auch um die Haltung zu ihr.

Ein Kremer-Programm ist schnell erkennbar, Sie spielen gern Stücke, die andere nicht spielen.

Gidon Kremer: Ich versuche, diese ­Musik zum Leben zu erwecken, darin sehe ich meine Aufgabe. Ich will nicht nur Geiger sein, aber ich bin es trotzdem.

Publikum, das sich mit Ihrem Auftritt in der Elbphilharmonie einen „schönen“ Abend machen möchte und dann mit Nono und Weinberg zwei Außenseiter der Avantgarde hört, das steht auf dem Schlauch ...

Kremer: Ich glaube nicht ... Vielleicht bin ich ein Träumer, und vielleicht erkenne ich die Wirklichkeit nicht so, wie Sie das darstellen. Aber als Künstler bin ich verpflichtet, Fragen zu stellen, nicht Antworten zu geben. Das Weinberg-Stück habe ich in Moskau im Gogol Center ­gespielt, also dort, wo der Theaterregisseur ­Kirill Serebrennikov verhaftet wurde. Aus Solidarität wollte ich in genau diesem Raum spielen. Ich versuche nicht zu schockieren oder verschlüsselte Botschaften zu vermitteln, ich versuche der Wahrheit zu dienen.

Unsere Gegenwart ist so komplex, so kompliziert – auf der einen Seite des Atlantiks Trump, auf der anderen Putin. Sind Künstler in diesen Zeiten per se für mehr da, als nur Konzerte zu geben?

Kremer: Da sprechen Sie mir aus dem Herzen. Es ist eine Aufgabe des Künstlers, mit der Zeit zu gehen und sich nicht hinter Großwerken der Vergangenheit zu verstecken. Man muss Berührungsgratwanderungen unternehmen, damit Kunst ­lebendig wird. Man muss die Konfrontation mit der Wirklichkeit suchen. Leider kommen sehr viele junge Künstler in die Versuchung, anderen Regeln zu folgen – denen des Marktes, des Verkaufs.

In Ihrem letzten Buch „Briefe an eine junge Pianistin“ sprechen Sie etliche Warnungen aus und prangern Missstände in der Klassik-Branche an. Haben Sie sich damit mehr Freunde gemacht oder mehr verloren?

Kremer: Es geht mir nicht um die Menge verkaufter Karten oder erhaltener Honorare. Mir geht es um die Substanz. Großer Umsatz soll gut sein. Alles total daneben. Ob ich in der Masse der Publikums Anhänger ­gefunden habe, das kann ich bezweifeln.

Ihre Texte in dem Buch lesen sich arg frus­triert. Gab es einen berühmten Tropfen, der das Fass überlaufen ließ?

Kremer: Nein, ich wollte einer begabten Pianistin ein Wegweiser sein.

Wie waren die Reaktionen aus der Branche? „Ach, der Kremer schon wieder ...“?

Kremer: Einige in den Medien konnten sehr schön darüber meckern, dass ich Binsenweisheiten liefere. Aber die haben eine Existenzberechtigung in der Konfrontation mit der Gefahr für junge Künstler. Nur wenige folgen ihrer Berufung; die anderen suchen Wege, wie sie sich mit der Musik schmücken können.

Sie haben alle wichtigen Repertoire-Größen gespielt und eingespielt, vieles mehrfach. Reizen Wiederbegegnungen dann noch?

Kremer: Stimmt. Ein Beispiel: Ich hatte das Glück, Brahms’ Violinkonzert mit Karajan, Bernstein und Harnoncourt aufzunehmen. Das reicht.

Im nächsten Sommer kommen Sie mit Ihrer Kremerata Baltica und Daniil Trifonov zurück, um ein Doppelkonzert zu spielen, das er für Sie und sich komponiert ...

Kremer: ... die Pläne haben sich geändert. Er schrieb mir gestern, es wird nun eine große Kammermusik sein, ein Klavierquintett mit orchestraler Besetzung. Das Doppelkonzert hat er noch vor.

In Ihrem Buch schreiben Sie: „Man ist verantwortlich für seine Musik.“ Guter Satz.

Kremer: Ich gebe Ihnen einen besseren mit auf den Weg. Nicht von mir, von Einstein: „Stilles bescheidenes Leben gibt mehr Glück als erfolgreiches Streben, verbunden mit beständiger Unruhe.“ Eine Weisheit, an die nicht viele denken.