Prozess

Kollege verletzt: War es ein Streich oder eine Straftat?

Die angeklagten Feuerwehrleute von der Wache in Hamburg-Osdorf
mit ihren Anwälten vor dem Beginn des Prozesses

Die angeklagten Feuerwehrleute von der Wache in Hamburg-Osdorf mit ihren Anwälten vor dem Beginn des Prozesses

Foto: dpa

Vier Feuerwehrleute sollen neben schlafendem Kameraden einen Böller gezündet haben – mit schlimmen Folgen.

Hamburg.  Der Mann spricht von einem „Teufelskreis, in dem er feststeckt“. Seit damals, als neben ihm in einem Raum ein Knallkörper explodierte und ihn verletzte. „Ich habe seit fünf Jahren fast jeden Tag mit den Folgen des Unfalls zu tun“, erzählt Daniel P. „Es piept in meinem Ohr, ich erinnere mich an den Vorfall, das Piepen wird schlimmer.“ Diese unheilvolle Spirale, die dem 34-Jährigen so zusetzt, haben offenbar Kollegen des Mannes verschuldet, Menschen, die von Berufs wegen andere retten und schützen sollen. Denn sie alle sind Feuerwehrleute.

Wie passt das zusammen? Soll die Aktion, die das Leben eines Kollegen verändert hat, ein Scherz gewesen sein? Dieses Wort fällt mehrfach in diesem Prozess vor dem Landgericht – und steht in krassem Gegensatz zu den Vorwürfen, denen sich die angeklagten Feuerwehrmänner ausgesetzt sehen. Die Staatsanwaltschaft stuft es vielmehr als schwere Straftat ein und hat die vier 28 bis 46 Jahre alten Männer wegen gemeinschaftlichen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion sowie gefährlicher Körperverletzung angeklagt.

Knalltrauma und Verletzungen am Mund

Laut Ermittlungen steckten die Feuerwehrleute von der Wache in Hamburg-Osdorf einen Knallkörper in einen Metalleimer und schoben diesen zu einem Ruheraum, in dem sich ein Kollege aufhielt. Der damals 29-Jährige erlitt demnach ein Knalltrauma sowie Verletzungen am Mund und am Bein. Fünf Jahre liegt dieser Vorfall mittlerweile zurück; erst jetzt beginnt der Prozess, weil die zuständige Kammer in der Vergangenheit vorrangige Haftsachen verhandeln musste. Die Angeklagten sind seit dem Vorfall vom 30. September 2012 vom Dienst suspendiert.

Die Stimmung zwischen den Angeklagten und dem Geschädigten Daniel P. wirkt angespannt. Man redet nicht miteinander, vermeidet Blickkontakt. Einer aus dem Quartett der Beschuldigten möchte vor allem auch die Öffentlichkeit meiden. Der 28-Jährige hat Käppi und Brille aufgesetzt und lässt sich von seinem Verteidiger mit dessen Robe abschirmen, damit er nicht fotografiert werden kann. „Es ist eine für alle Beteiligten ungewöhnliche Situation, hier mit vier Feuerwehrleuten auf der Anklagebank“ – und einem weiteren als mutmaßlichem Geschädigten, sagt der Vorsitzende Richter zum Auftakt des Prozesses.

Zwei der Angeklagten schweigen zu den Vorwürfen. Die beiden anderen nehmen zu den Geschehnissen Stellung. Marcel B. (37), sagt, er wünsche sich, er „könne das Geschehene ungeschehen machen“. Als Feuerwehrmann sei man „Teil einer großen Familie“. Auch der Geschädigte Daniel P. habe zu „dieser Familie“ gehört. Als der Kollege sich im Ruheraum hingelegt hatte, habe einer an der Wache vorgeschlagen, ihn mit einem Eimer Wasser zu wecken.

Ein anderer habe dann den Knallkörper gezeigt, der schließlich in einem Eimer in den Raum geschoben wurde. Der Angeklagte spricht von „Scherzen, die üblich“ seien, und dass er „nicht die geringste Vorstellung hatte“, dass dieser Böller Daniel P. schaden könnte. Als sich herumsprach, dass der Kollege offenbar verletzt wurde und im Krankenhaus war, „waren alle über das Geschehen schockiert“. Er habe sich mehrfach bei dem damals 29-Jährigen entschuldigt.

Längere Zeit krankgeschrieben

So wie offenbar auch ein weiterer Angeklagter. Dieser erzählt, dass für ihn vor vielen Jahren mit seiner Ausbildung zum Feuerwehrmann „ein Traum wahr geworden“ sei. Weil man bei der Arbeit viel „Unschönes“ erlebe, seien unter Kollegen „Späße üblich. Aber die Sicherheit hat oberste Priorität“, betont Sven S. Er habe geglaubt, dass Daniel P., der selber gern Scherze mache und auch regelmäßig auf ein sehr lärm-belastetes Heavy-Metall-Festival gehe, es sicher tolerieren würde, wenn man in seiner Nähe einen Böller zündet, argumentiert der 46-Jährige. „Dann hörte ich einen Knall.“ Kurze Zeit später sei der Kollege aus dem Raum gekommen. „Mir war völlig unbegreiflich, dass er verletzt sein soll.“

Für Daniel P. ist die Schädigung, die ihm nach seiner Überzeugung durch die Explosion am Gehör zugefügt wurde, bis heute eine große Belastung. Immer wieder war er längere Zeit krankgeschrieben, holte sich schließlich Unterstützung auch bei einem Psychologen, um mit den störenden Geräuschen besser zurechtzukommen. Erst seit wenigen Monaten arbeitet der heute 34-Jährige wieder Vollzeit als Feuerwehrmann – an einer anderen Wache als früher.

Kollege war „schockiert“

Er sei nach der Explosion „wie gelähmt gewesen“ und habe ein Piepen in den Ohren gehört. Wenig später bemerkte er, dass er am Mund blutete und Schmerzen an Bein und Ellbogen hatte. Einer seiner Kollegen sei „schockiert“ gewesen und habe sich entschuldigt. Später habe er gefragt, so Daniel P., ob ihm von der Feuerwehr ein Anwalt gestellt wird. „Ich merkte, das hier ist viel größer, als ich erst dachte.“ Der Prozess wird fortgesetzt.