Hamburg

Ab 2025 soll Hamburg ohne Kohle heizen

Das Kohlekraftwerk in Wedel

Das Kohlekraftwerk in Wedel

Foto: Katy Krause / HA

Umweltsenator stellt Konzept für Wärmewende vor. Abwärme und Müllverbrennung sollen Kohlekraftwerk Wedel ersetzen.

Hamburg. Von 2025 an werden alle an das bisherige Vattenfall-Fernwärmenetz angeschlossenen Haushalte und Büros in Hamburg ohne den Einsatz von Kohle beheizt. Das jedenfalls ist das Ziel des neuen Konzepts zur „Hamburger Wärmewende“, das der grüne Umweltsenator Jens Kerstan am Donnerstag vorgestellt hat. Damit soll die Wärmeversorgung der laut Umweltbehörde betroffenen rund „480.000 Wohneinheiten“ weitgehend neu organisiert und auf umweltfreundliche und klimaneutrale Energien umgestellt werden.

„Es geht dabei nicht nur darum, Ersatz für das Kohlekraftwerk Wedel zu schaffen“, sagte Kerstan. „Es geht um die Zukunft der gesamten Fernwärme in Hamburg. Wir machen mit der Wärmewende ernst und wollen den Kohleausstieg bei der Wärme bis 2025 schaffen.“

Kraftwerk Wedel soll 2022 vom Netz gehen

Nach Kerstans Plänen soll das alte Kohlekraftwerk Wedel, das bisher weite Teile des Hamburger Westens mit Wärme versorgt, im Frühjahr 2022 vom Netz gehen. Drei Jahre später soll das Kraftwerk Tiefstack, das bisher größtenteils mit Kohle arbeitet, vollständig auf den Betrieb mit Gas umgestellt werden.

Seit 2016 waren zwei Varianten der Systemumstellung diskutiert worden: eine Nord- und eine Südvariante. Kerstans Behörde hat sich nun für die Südvariante entschieden, bei der der Anschluss der Müllverbrennungsanlage Rugenberger Damm (MVR) eine zentrale Rolle spielt (siehe Karte). Diese soll künftig 80 der insgesamt benötigten 403 Megawatt (MW) in das Wärmenetz liefern. Außerdem sollen die Industrieunternehmen Trimet und Arcelor industrielle Abwärme liefern. Die Wärmepumpe Dradenau gibt ebenfalls aus dem Südwesten Wärme in das Netz ab. Um diese auf die notwendigen 130 Grad Celsius zu erhitzen, wird neben der Wärmepumpe ein Heizkraftwerk benötigt. Ein hochmoderner so genannter Aquifer-Speicher soll die auch im Sommer produzierte aber kaum genutzte Wärme jeweils bis zum folgenden Winter unterirdisch speichern.

Um die Energiequellen im Süden an das Wärmenetz im Nordwesten anzuschließen, muss eine Leitung unter der Elbe verlegt werden, die in Bahrenfeld an das Netz angeschlossen wird. Als weitere Wärmequelle für den Westen sollen das neue Zentrum für Ressourcen und Energie (ZRE) dienen, das auf dem Gelände der früheren Müllverbrennungsanlage Stellinger Moor entsteht. Dort wird Biomasse aus Altholz oder Laub in Wärme verwandelt – ebenso wie der auf Wiederverwertbares gesiebte Restmüll aus rosa Säcken, in denen etwa in Eimsbüttel die Bürger ihren Müll an die Straße stellen. Auch das mit Gas betriebene Heizwerk Haferweg liefert Energie in das Wärmenetz im Westen.

Kosten für Wärmekunden sollen nur moderat steigen

Kerstan sagte, er rechne durchaus mit Widerstand, etwa gegen den Bau der Leitung unter der Elbe – auch wenn diese deutlich kleiner werde, als die früher einmal geplante „Moorburg-Trasse“. Umweltvebände hatten zuletzt bemängelt, dass der Bau einer Leitung bis in die Nähe des Kohlekraftwerks Moorburg dessen Anschluss an das Fernwärmenetz künftig leicht möglich mache. Das aber würde dazu führen, dass die Hamburger Wärmeversorgung auch weiter auf klimaschädlicher Kohle beruhen würde, so die Sorge.

Tatsächlich profitiert das Megakraftwerk auch so von der Umstellung. Denn die bisher aus der Müllverbrennungsanlage Rugenberger Damm mit Dampf versorgten Ölwerke Schindler beziehen ihre Wärme künftig vom Kraftwerk Moorburg. Dadurch könnte das Vattenfall-Kohlekraftwerk rentabler werden. Auch könnte Moorburg bei neuen politischen Mehrheiten künftig leicht direkt an das Netz angeschlossen werden, da nur noch ein kleines Stück Leitung dafür fehlen und die Elbquerung schon da sein werde, so Kritiker.

Umweltsenator Kerstan sagte, wie lange Moorburg laufe, hänge von der Entscheidung des Bundes zum Kohleausstieg ab. Die Südvariante habe bei allen Prüfungen deutlich besser abgeschnitten. Sie verursache mit 370.000 Tonnen pro Jahr CO2-Emissionen als die Nordvariante (496.000) und habe mit 74 Prozent einen deutlich höheren Anteil an erneuerbaren Energien (Nordvariante: 41 Prozent). Die Kosten für die Wärmekunden würden nur moderat steigen. „Mehr als zehn Prozent kann ich mir nicht vorstellen“, so Kerstan. „Genauso wichtig wie der Klimaschutz ist für uns, dass das Heizen in Hamburg bezahlbar bliebt.“ Die Pläne seien mit Vattenfall abgestimmt.

660 Millionen Euro für Umstellung

CDU-Umweltpolitiker Stephan Gamm sagte, das Konzept „geht in die richtige Richtung, kommt aber viel zu spät“. Es seien „Millionen an Steuergeld für Gutachten ausgegeben worden, um am Ende doch wie gehabt eine Trasse unter die Elbe zu bauen“, so Gamm. Auch Linken-Umweltpolitiker Stephan Jersch äußerte sich grundsätzlich positiv. FDP-Fraktionschef Michael Kruse sagte: „Der lange Weg von Jens Kerstan in die energiepolitische Realität hat langsam ein Ende.“

Insgesamt müssen laut Kerstan bis 2025 bis zu 650 Millionen Euro in die Umstellung investiert werden. Die Kosten würden von städtischen Unternehmen, etwa der Stadtreinigung getragen. Aber auch Vattenfall, dem Netz und Anlagen noch zu 74,9 Prozent gehören, werde investieren. Eine Erhöhung etwa der Müllgebühren durch die Investitionen schloss Kerstan aus. Hintergrund der Wärmewende ist der Volksentscheid zum Rückkauf der Energienetze und der daraus folgende Vertrag der Stadt mit Vattenfall. Danach wird Hamburg das Fernwärmenetz im Jahr 2019 für einen Mindestpreis von 950 Millionen Euro von Vattenfall übernehmen.