Niendorf

Die schwierige Suche nach dem gestohlenen Rad

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André Zand-Vakili
Die Opfer von Fahrraddiebstählen lasse sich registrieren, bevor sie nach ihren Rädern suchen

Die Opfer von Fahrraddiebstählen lasse sich registrieren, bevor sie nach ihren Rädern suchen

Foto: Andre Zand-Vakili

Hamburger sichten Tennishalle voll mit Diebesgut – doch nur elf finden ihr Eigentum. Soko „Fahrrad“ plant weiteren Termin.

Niendorf.  „Wahnsinn.“ Die Frau schlägt die Hand vor den Mund. „Wahnsinn“, sagt sie noch einmal. Dieses Wort fällt am Sonnabend in einer der beiden großen Tennishallen an der Papenreye mehrfach. Gesehen hat die Frau schon, was sie erwartet. Auf Fotos. Doch es ist etwas anderes, selbst in der Halle zu stehen, in der, vom Neonlicht beleuchtet, die rund 2000 Fahrräder vor einem aufgereiht stehen, die die Polizei Ende April bei einer Razzia sichergestellt hat. „Wahnsinn“, sagen auch andere der 176 Bestohlenen, die am Sonnabend gekommen sind, um ihr Eigentum wiederzufinden.

Vorbereitet haben diesen Tag Frank Fürst, Hauptkommissar und Leiter der Soko „Fahrrad“, und seine Kollegen. Jedes Fahrrad wurde fotografiert, katalogisiert, umgedreht, nach Rahmennummern abgesucht und in abgeklebte, also in Parzellen aufgeteilte Bereiche der Hallen gestellt. Die kleine Soko, offiziell „Arbeitsrate“ genannt, ist für diesen Sonnabend verstärkt worden. 15 statt sechs Beamte sind dabei. Die anderen stammen von anderen Dienststellen und sind gekommen, um auszuhelfen.

Technische Probleme

Alle haben gelbe Westen mit der Aufschrift Polizei an. Jeder steht an seinem Platz, als sich um zehn Uhr die ersten der Bestohlenen vor der Schranke zu dem Gelände sammeln, das, weil es auch eine Flüchtlingsunterkunft beherbergt, durch einen Sicherheitsdienst bewacht wird. Alles scheint perfekt. Doch der Teufel steckt im Detail.

Besser gesagt im Kopierer. Ausgerechnet gleich zu Anfang streikt das riesige Gerät, das in einem Nebenraum der Tennishalle steht und der Polizei für die Aktion überlassen wurde. Es dauert etwa eine halbe Stunde, dann ist der Fehler gefunden. Der Kopierer verarbeitet nicht das dienstlich gelieferte Papier der Polizei. Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), zuständig für die Flüchtlingsunterkunft, hilft mit passendem Papier aus.

Nächste Besichtigung 7. Oktober

Die ersten Bestohlenen, die deshalb ihre Laufzettel zweifach ausfüllen, auf denen Name, Adresse und Besonderheiten des gestohlenen Fahrrades vermerkt werden müssen, nehmen es gelassen. So wie Hans Sauer (80). „Die Technik“, sagt der Mann und zuckt mit den Schultern. Nur ein Mann verlässt wütend das Gelände.

Hans Sauer ist mit seiner Frau Maria gekommen. Beide wohnen in Eimsbüttel in einer Seniorenwohnanlage. „Wir haben den Hausstand verkleinert, als wir unser Haus verkauft haben und dorthin gezogen sind“, sagt sie. Trotzdem mussten viele Sachen noch im Keller gelagert werden. Auch ihr Fahrrad. Versichert war es nicht. „Wir haben gedacht, bei uns ist eh nichts zu holen“, so die 82-Jährige. Das war ein Irrtum. Der Keller wurde geknackt. Die Täter haben selbst gemachte Marmelade gestohlen und Kleidung. Ihre alten Jacken ließen die Diebe liegen. „Die haben sich gleich bei uns neu eingekleidet. Und eben das Rad mitgenommen.

Das Ehepaar ist auf „gut Glück“ gekommen. Durch die vielen Bilder von den sichergestellten Fahrrädern, die die Polizei ins Internet stellte, hatten sie sich nicht geklickt. „Zu umständlich“, sagt Maria Sauer. Dafür haben sie Dokumente mit. Das gestohlene Fahrrad war registriert und codiert. Angezeigt hatten sie die Tat auch. Die Chance, ihr Fahrrad jetzt noch hier zu finden, ist damit minimal. Es wäre in der Fahndung der Polizei gewesen und schon in den vergangenen Wochen von den Ermittlern dem Diebstahl zugeordnet worden.

"Schwieriges Geschäft“

Wie das Ehepaar Sauer finden die wenigsten der 176 Bestohlenen an diesem Tag ihr Eigentum wieder. Es sind elf. Eine ist Brit Wohlgemut. Am 29. Januar wurde ihr Fahrrad am Sternschanzenbahnhof gestohlen. Doch sie hatte es auf einem der Fotos im Internet wiedererkannt. In der Halle die Gewissheit. Es ist ihres. Das Vorderrad ist abmontiert und liegt neben dem Rad. Aber es ist komplett. „Ich freue mich, dass es wieder da ist“, sagt sie.

Elf Bestohlene, die ihr Fahrrad wieder haben. Angesichts der riesigen Hallen mit den viele Rädern wirkt das wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Zu viel Aufwand? „Nein“, sagt Frank Fürst. „Es hat sich gelohnt.“ Und: „Gestohlene Fahrräder einer Straftat zuzuordnen ist eben ein schwieriges Geschäft.“ Kaum jemand macht sich die Mühe, sein Fahrrad zu codieren oder wenigsten eine Individualnummer aufzuschreiben.

850 Hinweise zu den Fahrrädern

Und die Aktion war eine lehrreiche Premiere. „In diesem Umfang haben wir so etwas noch nie gemacht“, sagt Fürst. Keiner der Beamten hatte eine Ahnung, wie viele Menschen an diesem Sonnabend kommen werden. „Es war unklar, wie viele Personen kommen werden. Jetzt muss ich sagen. Es hat gepasst“, sagt Fürst. Und auch das: „Die Resonanz war fast durchweg positiv. Auch bei denen, die nicht ihr Fahrrad wiedergefunden haben.“

Aktuell hat die Soko „Fahrrad“ 850 Hinweise zu den sichergestellten Fahrrädern. Am 7. Oktober wird es in den Tennishallen an der Papenreye einen zweiten Besichtigungstermin geben.

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