Kalte Räumung

Vom Vermieter bestohlen – leere Wohnung nach dem Urlaub

Katja B. (Name geändert) war nur kurz verreist. Da war das Unglück schon geschehen

Katja B. (Name geändert) war nur kurz verreist. Da war das Unglück schon geschehen

Foto: Michael Arning

Die Hamburgerin Katja B. verlor über Nacht ihren Besitz – aber Gerichte und Anwälte sind auch ein Jahr später noch machtlos.

Hamburg. An das Bombardement hat sie sich noch immer nicht gewöhnt. Jede Woche kommen Briefe, vom Gericht, von der Versicherung, von Juristen. Auch von den Anwälten der Familie des Mannes, der Katja B.* ihren gesamten Besitz nahm. „Ich muss jeden Brief erst zuordnen“, sagt die 40-Jährige. Allein das ist ein Halbtagsjob und nervig. Aber die Geschichte hat sich so ausgeweitet, dass sie sonst nicht mehr mitkommen würde.

Der Albtraum begann vor einem Jahr, am 31. August 2016. Katja B. will nur ein paar Tage raus an die See. Sonne und Segeln. Sie schließt ihre Mietwohnung in Winterhude ab und geht.

Schlüssel passt nicht mehr

Zwei Tage später kommt Katja B. zurück. Ihr Schlüssel passt nicht mehr zur Haustür und nicht zu ihrer Wohnung. Auf ihrem Klingelschild steht plötzlich ein fremder Name.

Der Vermieter habe alle ihre Sachen versteckt, wie sie später erfährt, ihre Möbel, ihre Kleidung, ihren Laptop, selbst einen Siegelring. Der Gesamtwert der Sachen liegt laut Katja B. bei annähernd 100.000 Euro.

Der Mieterverein nennt das eine „kalte Räumung“, aber so einen Fall haben sie noch nie erlebt. Ein Richter spricht kurz nach dem Vorfall von „verbotener Eigenmacht“ des Vermieters. Die Polizei nimmt Ermittlungen auf, wegen schweren Diebstahls. Eine klare Angelegenheit. Könnte man denken.

Anfangs optimistisch

Im November 2016 berichtet das Abendblatt erstmals über den Fall. Sie sei „optimistisch“, ihre Sachen bald wiederzuhaben, sagt Katja B. damals. In dieser Woche sitzt sie nun in einem Café, in Klamotten und Schuhen, die sie sich neu kaufen musste. Inzwischen haben auch die „Zeit“, der NDR und andere Medien berichtet. Es haben Anwälte, Staatsanwälte gewechselt – und viele Schriftsätze. Nur hat Katja B. weder ihr Eigentum zurück noch ihre Wohnung.

Sie sagt: „Ich kann nicht verstehen, warum es noch immer keine Lösung gibt.“ Eine ihrer Anwältinnen hat den Jahrestag im Kalender notiert. „Ein Wahnsinn“, sagt sie nur. Katja B., so scheint es, ist durch eine Lücke in unserem Rechtssystem gefallen. Ihr Fall steht für mehr als eine mögliche Einzeltat eines Vermieters.

Polizei befragte monatelang nicht einmal Zeugen

Die härteste Lektion war für Katja B., dass Vater Staat eben nicht hilft, wo er kann. Einige Tage nach ihrer Rückkehr versucht sie im September 2016, per Schlüsseldienst in die Wohnung zu gelangen, doch der Vermieter und sein Vater fangen sie im Flur ab. Es kommt zu Wortgefechten. Dann kommt die Polizei hinzu.

Die Beamten seien freundlich gewesen, sagt Katja B., aber sie unternehmen damals nichts weiter. Katja B. darf erst am Tag darauf mit der Hilfe der Beamten in die Wohnung. „Es sah verwüstet aus“, sagt sie, vor dem Kamin im Wohnzimmer habe nur ein roter Koffer mit Damenwäsche gestanden, der angeblich bereits der Nachmieterin gehörte. Keine Spur von ihrem Besitz.

Katja B. stellt Anzeige, unter anderem wegen Einbruchs. Die Polizisten sehen das aber als Privatstreit, nicht als Einbruch. Denn auch der Vermieter zeigt Katja B. an, wegen Hausfriedensbruchs. Seine Version der Geschichte ist eine ganz andere: Katja B. habe den Schlüssel für die Wohnung am Tag ihrer Abreise selbst in den Briefkasten geworfen, die Wohnung sei damals bereits bis auf einige wertlose Gegenstände leer gewesen – man könnte es auch als „Müll“ bezeichnen, schreibt der Medienanwalt des Vermieters auf Anfrage.

Kettenmietverträge unwirksam

Ohnehin sei alles rechtmäßig gelaufen, der Mietvertrag zuvor regulär ausgelaufen. „Eine Räumung musste nicht angekündigt werden“, so der Medienanwalt. Tatsächlich war die Wohnung seit 2011 an Katja B. vermietet, dabei immer wieder befristete Verträge geschlossen worden. Solche Kettenmietverträge sind laut Mieterverein aber rechtlich unwirksam – entsprechend hatte er Katja B. auch geraten, das Ende der jüngsten Befristung zu ignorieren.

Der Vermieter argumentiert juristisch auch zunächst, dass er das Recht auf Beschlagnahmung des Besitzes von Katja B. habe, da sie einen Wasserschaden in der Wohnung nicht ersetzt habe. Katja B. bezeichnet das als „Verleumdung“, sie habe den Schaden gemeldet. Bereits im Oktober 2016 ergeht das erste Urteil eines Amtsrichters, der eine einstweilige Verfügung erlässt: Der Vermieter habe keinesfalls ein Pfandrecht und müsse Katja B. ihre Sachen wiedergeben.

Verfahren gegen den Vermieter

Sie glaubt, dass nun auch die Polizei intensiv ermitteln würde. Die Ermittlungen gegen sie werden noch vor dem Jahreswechsel eingestellt, übrig bleibt nur das Verfahren gegen den Vermieter. Nachbarn erzählen ihr, dass sie an jenem 1. September hörten, wie Männer mutmaßlich die Wohnung von Katja B. leer räumten – in der Nähe habe ein Lastwagen mit einer Aufschrift gewartet, der zu einem Unternehmen der Vermieter gehören könnte.

Doch es passiert wenig. Kurz vor Weihnachten 2016 – vier Monate nach der Räumung – hat die Polizei weder Spuren vor Ort gesichert noch Zeugen befragt. Vernehmungen seien „beabsichtigt“, heißt es damals in einer Senatsantwort auf die Kleine Anfrage eines CDU-Abgeordneten zu dem Fall. Bei der Staatsanwaltschaft wechselt die Zuständigkeit. Katja B. beschwert sich wegen Strafvereitelung im Amt über die zuständigen Polizisten. Die internen Ermittlungen dazu dauern bis heute an.

Erst im Frühjahr dieses Jahres kommt Bewegung in die Ermittlungen wegen der versteckten Gegenstände, die Staatsanwaltschaft erwirkt offenbar mehrere Durchsuchungsbeschlüsse. Vollstreckt werden sie zunächst nicht. Nach Abendblatt-Informationen gab es Formfehler im Zusammenspiel von Gericht, Staatsanwaltschaft und Polizei. Außerdem heißt es, dass wegen des G20-Gipfels kaum genügend Personal vorhanden war. Ein Sprecher der Polizei sagt dagegen, dass „weitere Ermittlungsaufträge“ der Staatsanwaltschaft die Durchsuchungen verzögert hätten.

Vermieter ist abgetaucht

Aus Ermittlerkreisen ist zu hören, dass der Fall von Katja B. nicht höchste Priorität habe – und die Ermittlungszeit nicht ungewöhnlich lange sei. Man will sich auch von öffentlichem Druck nicht treiben lassen. „Man muss bedenken, dass für uns die Aufklärung der Straftat Vorrang davor hat, den Besitz der Frau ausfindig zu machen“, heißt es. Auch die dünne Personaldecke in der Strafverfolgung sei bekannt. Im Klartext: Katja B. hat zivilrechtlich bessere Chancen, ihren Besitz schnell wiederzubekommen. Die einstweilige Verfügung aus dem Oktober ist eindeutig: Der Vermieter hat Katja B. ihr Eigentum auszuhändigen, bis der Rechtsstreit endgültig entschieden ist. Bereits 2016 soll ein Gerichtsvollzieher die Entscheidung umsetzen. Aber der hat keinen Erfolg.

Da es keinen Namen am Klingelschild der vermuteten Adresse des Vermieters gibt, darf er sich auch keinen Zugang verschaffen. Nur einmal hat der Vermieter gegenüber der Polizei angedeutet, dass er den Besitz von Katja B. versteckt habe. „Auf dem Sperrmüll“ seien die Sachen nicht, mehr verrate er nicht. „Der Vermieter ist für die Justiz nun bereits seit Längerem praktisch abgetaucht“, sagt der Anwalt Christian Pu­tschäw, der Katja B. in der Zivilsache vertritt. Erst hieß es, dass der Vermieter in Wien wohne.

Nicht erreichbar

Vollstreckungsbriefe, die dorthin geschickt wurden, können jedoch nicht zugestellt werden, sagt die österreichische Post. Auch ein Versuch bei der Firma der Familie des Vermieters, die selbst ein Büro in dem Winterhuder Wohngebäude hat, schlägt fehl: „Die haben einfach angegeben, dass ihnen der Aufenthaltsort des Mannes unbekannt sei“, sagt der Rechtsanwalt Putschäw. Das reiche, um die Justiz vorerst auszuhebeln. Dabei wurde der Vermieter sogar vor wenigen Tagen von einem Abendblatt-Reporter in der Nähe des Hauses in Winterhude gesehen.

Nach Informationen dieser Zeitung kommt es auch bei Gericht zu einer Panne, die Dokumente zum sogenannten „Vollstreckungsauftrag“ waren zwischenzeitlich nicht mehr auffindbar. Im Moment ist kein Anwalt des Vermieters bekannt. Putschäw glaubt, dass der Vermieter um jeden Preis verhindern will, persönlich angetroffen zu werden.

Klage gegen Mieterin

Die Gegenseite hat derweil auch Katja B. verklagt, wegen des angeblich nicht bezahlten Wasserschadens. Die angeblich neue Mieterin wehrt sich ebenfalls gegen eine geplante Vollstreckung, mit der Katja B. zumindest die Wohnung zurückbekommen will.

Tage vor der Verhandlung zieht die Frau die Klage zurück. Katja B. muss anteilig aber etwa 2000 Euro an Gerichtskosten zahlen. Sie trägt auch die Kosten der einstweiligen Verfügungen, bis der Vermieter gefunden wird. „Durch meine Rechtsschutzversicherung sind längst nicht alle Kosten gedeckt“, sagt Katja B.

Ihre Anwälte sehen derzeit nur noch einen Ansatz, des Vermieters habhaft zu werden: Eine einstweilige Verfügung kann auch vollstreckt werden, indem sie öffentlich an eine Tafel bei Gericht gehängt wird. Aber das Prozedere dauert etwa sechs Monate. Und auf der Suche nach ihrem Eigentum wäre Katja B. wohl kein Stück weiter. „Unbegreiflich ist, dass die Strafjustiz diesen Mann noch nicht zur Fahndung ausgeschrieben hat“, sagt Anwalt Putschäw. „Das würde zu ihrer Verantwortung gehören.“

Besitz weiter verschwunden

Es ist Ende Juli dieses Jahres, als Katja B. einen Anruf von der Polizei bekommt. Ob sie ihre Sachen nun wiederhabe? Mittlerweile haben andere Beamte nach Abendblatt-Informationen zwei Immobilien durchsucht. Sie fanden aber offenbar lediglich einen Aktenordner. „Die Ermittlungen dauern an“, heißt es von der Staatsanwaltschaft knapp.

Anwalt Christian Putschäw sagt, er stehe in Kontakt mit Anwälten, die die Familie des Vermieters vertreten – sie hätten signalisiert, dass man einen Vergleich finden könne. „Mein Verdacht ist, dass die Gegenseite meine Mandantin so lange gängeln will, bis sie nachgibt“, sagt Putschäw. Ein konkretes Angebot gibt es jedoch noch nicht.

Katja B. kann immer noch nicht fassen, was passiert ist. „Ich hoffe, dass es eine schnelle Lösung gibt“, sagt sie. Aber zuerst braucht sie Abstand. „Urlaub machen. Den Irrsinn vergessen.“

*Name geändert