Umweltschutz

Anwohner messen Luftqualität in Hamburg jetzt selbst

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Wolfgang Horch
Breeze-Mitarbeiter
Haris Sefo zeigt einen Sensor, der bei Özlem Winkler-Özkan
schon an der Wand hängt

Breeze-Mitarbeiter Haris Sefo zeigt einen Sensor, der bei Özlem Winkler-Özkan schon an der Wand hängt

Foto: Klaus Bodig / HA

Start-up Breeze installiert in Rothenburgsort erste Anlagen. Unternehmen finanzieren Projekt. Expansion in andere Stadtteile geplant.

Hamburg.  Ohne Vorkenntnisse fällt die „Spürnase“ nicht auf. An der Kunst- und Kulturstätte PEM-Center in Rothenburgsort hängt an einer Wand aus Sperrholz unter dem Vordach ein kleiner, rechteckiger weißer Kasten. Alle 30 Sekunden blinkt ein grünes Licht. Dann werden Daten aus der Luft gesammelt und an eine zentrale Cloud-Plattform übertragen: Sensoren messen Ozon, Feinstaub, Stickstoffdioxid, Kohlenmonoxid und Ammoniak.

Die weiße Box rund 50 Meter entfernt von dem viel befahrenen Elbbrückenzubringer Billhorner Brückenstraße gehört zu einem neuen Luftmesssystem, das am heutigen Freitag an den Start geht. Das Harburger Start-up Breeze­ Technologies baute eine Bürgerplattform auf, dank der sich die Bewohner des Stadtteils über die Qualität der Luft auf sehr lokaler Ebene informieren können. In Echtzeit sollen sie auf der Internetseite http://hamburg.projectbreeze.eu/ die Daten einsehen können. Die Güte der Luft wird bei den einzelnen Schadstoffen und in einer Gesamtnote angegeben. Die sechs Noten sind „sehr gut“, „gut“, „befriedigend“, „unbefriedigend“, „schlecht“ und „sehr schlecht“. Bei der Benotung folge man den Kriterien von nationalen und internationalen Institutionen wie dem Umweltbundesamt und der Weltgesundheitsorganisation WHO, heißt es.

Smog-Hotspots identifizieren

Zudem können Interessierte sich für einen Newsletter anmelden, der täglich morgens über Trends und Besonderheiten der vergangenen 24 Stunden berichtet. In einem nächsten Schritt sollen Verhaltensempfehlungen gegeben werden – wie zum Beispiel, dass man aufgrund der Schadstoffbelastung der Luft nicht joggen gehen sollte.

„Dank hochlokaler Daten sind wir in der Lage, die schlimmsten Smog-Hotspots in Städten zu identifizieren und hier gezielt Interventionen zur Verbesserung der Luftqualität zu empfehlen“, sagt Mitgründer und Firmenchef Robert Heinecke. Eine Ausweitung der Bürgerplattform auf andere Gebiete ist vom Start-up erwünscht. „Wir möchten das Luftmessnetz gern auf andere Stadtteile und Städte übertragen“, sagt Haris Sefo, der als Head of Science bei Breeze für die wissenschaftliche Komponente zuständig ist. Ein Wunschstandort wäre die HafenCity, die aufgrund der Container- und Kreuzfahrtschiffe besonderen Belastungen ausgesetzt ist.

Empfinden für saubere Luft ist gestiegen

Zum Pilotprojet in Rothenburgsort kam es, weil das Start-up vom dortigen Stadtteilbeirat gefragt wurde, ob man so ein Netz aufbauen könne. Offenbar hatte man in dem Gebiet den Eindruck, dass die Luftqualität vor Ort nicht gut sei, sagt Sefo. Einen stationären Messcontainer für Schadstoffe, wie ihn das Institut für Hygiene und Umwelt an 15 Stellen in der Stadt betreibt, fehlt.

Dabei ist das Empfinden der Bürger für saubere Luft gestiegen. Schließlich werden seit Einführung strengerer EU-Grenzwerte für Stickoxide im Jahr 2010 diese immer wieder im Stadtgebiet überschritten. Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) musste darauf reagieren und stellte im Mai einen Luftreinhalteplan vor. Für Autobesitzer wird es Konsequenzen geben: Auf Teilstrecken der Max-Brauer-Allee und der Stresemannstraße sollen viele Diesel-Pkw bald nicht mehr fahren dürfen.

Installation eines Geräts kostet 1000 Euro

PEM-Center-Leiterin Özlem Winkler-Özkan war sofort von der Idee angetan, als sie gefragt wurde, ob die Kulturstätte Standort sein könnte. Da das Umweltbewusstsein auch bei ihr persönlich hoch sei, habe sie sich intensiv damit befasst. „Ich kann dazu beitragen, dass viele Werte zusammenkommen. Und mich hat fasziniert, dass das Gerät so klein ist“, sagt Winkler-Özkan über den 7,5 Zentimeter hohen, 6,5 Zentimeter breiten und fünf Zentimeter tiefen Kasten. Laut Unternehmen sind herkömmliche Messgeräte 50.000-mal größer als die Sensoren.

Vor ein paar Wochen installierte Sefo die Box am PEM-Center. Ein erstes wissenschaftliches Fazit will der Umweltwissenschaftler erst nach zwölf Monaten ziehen, weil die Werte über die Jahreszeiten sehr schwanken würden. Aber über die bisher gemeldeten Werte nahe der viel befahrenen Elbbrückenstraße sagt er: „Wir merken die Unterschiede zur Billhuder Insel.“ Das Kleingartenviertel gehört wie das Heizkraftwerk Tiefstack und Rothenburgsort Mitte zu dem zurzeit vier Stationen umfassenden Netz. „Für die Größe des Stadtteils ist die Anzahl der Stationen okay“, sagt Sefo. Ideal wären zehn Standorte title="hamburg.projectbreeze.eu">– aber das ist auch eine Frage des Geldes.

1000 Euro kostet ein Gerät

Jedes Gerät schlägt mit einmaligen 1000 Euro für Anschaffung und Installation zu Buche. Der Internetkonzern Google stellte über einen Fonds Fördergelder zur Verfügung, mit denen die Sensoren finanziert wurden. Neben den Kosten für die Montage fallen jährliche Wartungs- und Betriebskosten von 599 Euro an. Gesucht werden daher Unternehmen als Sensor-Sponsoren und Bürger und Einrichtungen, die einem Sensor im Garten oder auf der Terrasse Unterschlupf geben.

„Wir brauchen eine statistische Nasenhöhe von etwa 1,50 Metern“, sagt Sefo. Also gehört Erdgeschosslage ebenso wie Regenschutz im Außenbereich, eine vorhandene Steckdose und WLAN zu den Standortvoraussetzungen. Die Bürger müssen für die Stromkosten aufkommen. Noch. Denn es wird schon an einem verbesserten Gerät gefeilt. „Im nächsten Jahr möchten wir von Strom und WLAN unabhängig sein“, sagt Sefo. Der Sender soll dann über eine Batterie betrieben werden und die Daten selbst senden können. Spätestens im nächsten Jahr soll auch die Serienproduktion starten – bisher braucht ein Techniker noch mehrere Stunden Handarbeit für ein Gerät.

Wer sich über die Werte informieren will: http://hamburg.projectbreeze.eu/

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