Zeitgeschichte

Die "Soziale Frauenschule" – Vorläufer der Sozialpädagogik

Schülerausflug bei einer Hafenrundfahrt 1932

Schülerausflug bei einer Hafenrundfahrt 1932

Foto: HAW

Vor 100 Jahren wurde die Einrichtung mitten im Krieg gegründet. Aus "höheren Töchtern" Hamburgs wurden dort soziale Nothelferinnen.

Hamburg. Der Erste Weltkrieg war in Hamburg nur mittelbar präsent. In der Stadt fielen weder Bomben noch Schüsse. Dennoch spürten die Menschen das Kämpfen und Sterben auf den fernen Schlachtfeldern. Den Familien fehlten die Versorger, den Fabriken Arbeitskräfte. Im Hafen standen wegen der britischen Seeblockade die Kräne still. Viele Hamburger hungerten.

Je länger der Krieg dauerte, desto mehr spitzte sich die soziale Lage in der Hansestadt zu. Während die Männer an der Front ihr Leben riskierten, waren es daheim die Frauen, die das soziale Gewissen der Stadt ausmachten. Sie halfen zurückgekehrten Verwundeten, betreuten Kriegswaisen, versorgten Arme.

Inmitten dieser Kriegswirren, im Frühjahr 1917, wurden im Hörsaal A des historischen Teils der Universität Hamburg die Soziale Frauenschule und das Sozialpädagogische Institut (SPI) gegründet. Es ging zunächst darum, „den durch den Ersten Weltkrieg hervorgerufenen Bedarf an weiblichen Beschäftigten in der Säuglings- und Kinderfürsorge sowie der Kriegsversehrten-, Kriegswaisen- und Fabrikfürsorge zu sichern“, sagt Dieter Röh von der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW).

Ab 1930 durften auch Männer die Ausbildung absolvieren

Aber bereits am Gründungstag verdeutlichte die für die praktische Ausbildung zuständige Leiterin Marie Baum, dass es um mehr ging. „Eine gute soziale Schule muss den Schülerinnen in erster Linie die Kenntnis der Wirklichkeit vermitteln, damit sie ihr persönliches Weltbild an den nun einmal gegebenen Verhältnissen messen und berichtigen“, sagte Baum. „Das Charakteristische einer sozialen Schule ist ja, dass sie nicht allein oder wesentlich Erkenntnis vermitteln und die Fähigkeiten des Erkennens üben, sondern dass sie die Fähigkeit des Handelns entwickeln will.“

Der Ansatz, sowohl gesellschaftspolitisches als auch praktisches Wissen zu vermitteln, ging weit über die übliche soziale Hilfstätigkeit hinaus. Seit dem 19. Jahrhundert hatte man versucht, junge Mädchen und Frauen des gehobenen Bürgertums auf der Suche nach einer „sinnvollen Tätigkeit“ zu unterstützen. Dabei ging es um freiwillige Armen- und Wohlfahrtspflege.

Von Emanzipation war noch lange nicht die Rede

Die „höheren Töchter“ selbst meinten, mit persönlichem Einsatz einer „Verpflichtung der ärmeren Volksklassen gegenüber“ nachzukommen. Dazu gehörten die Mitarbeit in Krippen, Horten, Waisenhäusern, Blindenheimen und Volksküchen. Auch für unentgeltlichen Klavierunterricht oder für Spaziergänge mit Kleinrentnern standen die jungen Damen zur Verfügung.

Ziel war es, „junge Mädchen und Frauen zu ernster Pflichterfüllung im Dienste der Gesamtheit heranzuziehen“, hieß es. Von Emanzipation oder Frauenrechten war da noch nicht die Rede. Die soziale Frauenschule habe auf eine umfassende Ausbildung gesetzt, sagt Röh. In ihr sei es zunächst um eine Qualifikation der bis dahin ehrenamtlich Tätigen gegangen. Neben Hauswirtschaft wurden Geschichte der Wohlfahrtspflege, Sozialethik, Pädagogik, Volkswirtschaft und Psychologie gelehrt.

Die erste Schulleiterin wurde Gertrud Bäumer, seinerzeit eine der führenden Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung, die 1918 mit Friedrich Naumann die linksliberale Deutsche Demokratische Partei gründete. Bäumer sei eine der ersten Frauen in Deutschland gewesen, die in Berlin zum Universitätsstudium zugelassen wurden und promovieren konnten, so Röh.

In ihrer Rede zum Gründungsakt der Bildungseinrichtung sprach Bäumer von der Notwendigkeit, während der Ausbildung den „Wirklichkeitssinn“ der Schülerinnen zu schulen. „In der Einführung in die Geschichte und das Leben des Staates, seine wirtschaftlichen Bedingungen, seine politischen Schicksale, das Zusammenwirken seiner verschiedenen Kräfte, seiner sozialen Gestaltungen gewährt die soziale Berufsbildung zugleich die Erziehung zur Tat.“

Die Ausbildung dauerte zunächst zwei Jahre

Zunächst gab es eine zweijährige Ausbildung ohne formalen Abschluss. Auch war nicht vorgesehen, dass die Absolventinnen danach einem Beruf nachgehen. Das änderte sich in den Jahren nach Kriegsende, auch deshalb, weil so manche vormals wohlhabende Familie verarmte und die Töchter zum häuslichen Unterhalt beitragen mussten.

Männer konnten erst von 1930 an die zweijährige Ausbildung absolvieren, auch wenn sie bereits ab 1926 an einjährigen sogenannten Nachschulungslehrgängen teilnehmen durften. Und so zählte die Schule in ihrem ersten Ausbildungsjahrgang 81 Studentinnen. Heute studieren am Department Soziale Arbeit an der HAW, in dem Schule und Institut später aufgingen, 1300 Studenten.

Sozialstruktur der Stadtteile gehörte zum Lehrplan

„Aufgrund der sozialen Unerfahrenheit der Schülerinnen war es insbesondere Marie Baum wichtig, sie an die ,fremden Lebensformen und Menschenschicksale‘ heranzuführen, indem sie ihnen Exkursionen zu ,kurz vor der Schulentlassung stehenden Kindern‘ oder auch zu ,Mütterabenden im äußeren Rahmen der Hamburger Volksheime‘ anbot“, schreibt Professor Röh.

Außerdem nahmen die Schülerinnen an Beratungsstunden in der Kriegsfürsorge und in Säuglingsheimen teil, um sich praktisches Wissen anzueignen. Daneben legte Baum Wert auf empirische Untersuchungen. Semesterarbeiten beschäftigten sich beispielsweise mit der Sozialstruktur Hamburger Stadtteile und den dort existierenden Hilfsangeboten für die Bevölkerung.

„Herrlich, diese fröhliche Gemeinschaft ...!“

Wanderungen, Feste und das Zusammensein im Schullandheim in der Lüneburger Heide gehörten zum Leben an der Schule wie der Unterricht. Eine Schülerin schrieb später: „Herrlich, diese fröhliche Gemeinschaft der so verschieden zusammengesetzten Jahrgangsgruppen! – Das alte Haus am Mittelweg! – Die Teeküche! – Die Feste und Feiern! Kein Ort so lernintensiv! – Der weite Einblick in die gesellschaftlichen Zusammenhänge – alles für uns damals unverzichtbar!“

Nach dem Zweiten Weltkrieg ­wurden die Frauenschule und das In­stitut zunächst zu einer höheren Fachschule aufgewertet und 1970 als Fachbereich Sozialpädagogik in die neu entstandene Fachhochschule Hamburg integriert.

Vor allem aber das Frauenbild dürfte sich in den letzten 100 Jahren verändert haben. So hatte der damalige Hamburger Bürgermeister Werner von Melle bei der Gründung den berühmten deutschen Dichter Heinrich von Kleist noch wie folgt zitiert: „Keine Tugend ist weiblicher als die Sorge für das Wohl anderer.“