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A7-Deckel: Sorgen eines Kleingärtners aus Bahrenfeld

| Lesedauer: 6 Minuten
Jens Meyer-Odewald
Norbert Linse (72) in seinem Kleingarten in Bahrenfeld, den er im Zuge des Autobahndeckel-Baus räumen muss

Norbert Linse (72) in seinem Kleingarten in Bahrenfeld, den er im Zuge des Autobahndeckel-Baus räumen muss

Foto: Klaus Bodig / Klaus Bodig / HA

Das Abendblatt fragt die Menschen in der Stadt, worüber sie sich ärgern oder freuen. Teil 6: Rentner Nobert Linse.

Hamburg.  Sie haben Unterschriften gesammelt, Kundgebungen abgehalten und demonstriert. Dennoch droht dem Kleingartenverein Kiesgrube 214 in Bahrenfeld das Aus. Und Nobert Linse ist sauer. Im Zuge des Deckelbaus über dem Elbtunnel soll auch seine Parzelle verkauft und plattgemacht werden. Zwar bleiben wohl noch drei bis fünf Jahre Zeit, meint er, ein Teil seiner Freude an dem Stück grüner Idylle jedoch ist geraubt.

Als selbstständiger Fensterputzer (Motto: „Ich und mein Eimer“) ist der gelernte Baumöbeltischler und Gebäudereiniger viel durch die Stadt gekommen, in der er seit mehr als 60 Jahren lebt. Seit 2001 ist der gebürtige Flensburger, der auf Föhr aufwuchs, in Lurup zu Hause. Der 72 Jahre alte Familienvater mit drei Kindern und fünf Enkeln zwischen eineinhalb und acht Jahren mag diesen Stadtteil. Gründe sind die grüne Umgebung, erstklassige Geschäfte und Restaurants, eine gute Nachbarschaft. Über den vielen Verkehr, auf der Straße und in der Luft, wundert er sich.

Neue Kolonien

Es sind Menschen wie er, die kein politisches Amt innehaben oder die Interessen eines Verbands vertreten, die in dieser Gesprächsreihe erzählen, was ihnen unter den Nägeln brennt, was sie wurmt oder beglückt.

Herr Linse, was bewegt Sie gerade?

Nobert Linse: Aktuell die Verkehrssituation in der Stadt. Vorhin habe ich mir in Ochsenwerder Gurken- und Tomatenpflanzen für meine Parzelle gekauft. Ich war von Lurup mit dem Auto weit mehr als eine Stunde unterwegs. Für eine Strecke. Du kannst hinfahren, wo du willst: Fast an jeder Ecke behindert eine Baustelle. Mit Weltstadt hat das nicht viel zu tun. Aber über Staus jammert ja jeder. Richtig ärgerlich sind andere Dinge.

Was denn?

Linse: Weil die Stadt Geld für den Elbtunneldeckel braucht, soll unser Kleingartenverein Kiesgrube plattgemacht werden. Unsere Proteste, gemeinsam mit anderen Vereinen, haben zwar ein wenig Luft verschafft, im Prinzip aber nichts bewirkt. Wir sind stinksauer. Dieser Punkt bewegt mich momentan am allermeisten.

Was ist passiert?

Linse: Offiziell war geplant, unsere und andere Gärten im Bereich der A 7 an Immobilienfirmen zu verkaufen, um Geld für den Deckel zu haben. Indirekt zumindest. Es wurde uns so gesagt. Das war vor etwa acht Jahren. Irgendwann saßen wir sogar mit 50 Leuten beim Senator im Rathaus. Es gab Kekse, Wein, heiße Suppe und lauwarme Worte. Die wollten nicht richtig mit der Sprache raus. Man wollte uns einwickeln.

Und wie ist der Stand?

Linse: Es gibt keinen. Wir hören ja nichts. Das ist besonders traurig. Es macht wütend. Dass wir alle wegsollen, ist amtlich. Fragt sich nur, wann genau. Wahrscheinlich hängt das von der Fertigstellung des Deckels ab. Richtige Kündigungen gibt es noch nicht. Es ist ein unbefriedigender Schwebezustand. Viele unserer 140 Mitglieder mit 97 Gärten haben resigniert. Dabei ist die Kolonie Kiesgrube rund 100 Jahre alt. Ich war dort 13 Jahre Vorsitzender und saß noch länger im Vorstand. Doch nicht nur wir, sondern Hunderte Parzellen in Hamburg sind betroffen.

Sollen Sie denn keine Ersatzflächen erhalten?

Linse: Doch, das schon, es soll Parzellen neben dem Deckel geben. Wo genau, weiß keiner von uns. Aber das bringt ja ohnehin nichts. Von 2000 bis 3000 Euro Entschädigung, so wurde uns erzählt, kann ich mir noch nicht mal einen neuen Stromanschluss legen lassen. Ich kenne mehrere Parzellenbesitzer in Altona, die mit solchen Summen abgespeist wurden. Meine Typenlaube hat im Laufe der Jahre bestimmt 15.000 Euro gekostet – die ganze Arbeit des Innenausbaus nicht mitgerechnet. Alles wird abgerissen. Viele ältere Schrebergärtner können und wollen nicht wieder bei null anfangen. Da werden Lebenswerke zerstört. Letzten Sonntag hatten wir Hauptversammlung. Klar, dass sich Frust breitmacht.

Sind Sie gegen Wohnungsbau?

Linse: Im Gegenteil. Aber es gibt ausreichend Freiflächen in Hamburg. Uns zu vertreiben ist preiswert. Und die Stadt verkauft das Areal ja an Investoren. Die verdienen fettes Geld – in diesem Fall leider­ letztlich zulasten der kleinen Leute.

Wie denken Ihre Nachbarn darüber?

Linse: Fast alle sehen das ebenso. Es gibt viele arme Schlucker, die von ihrer Rente oder von Hartz IV kaum leben können. Parallel werden Pensionen für Beamte und Diäten für Politiker erhöht. Das ist schwer nachzuvollziehen. Ich selbst komme mit meiner Altersversorgung gut klar, zumal meine Frau Sylvia berufstätig ist. Aber um mich persönlich geht es nicht. Für die kleinen Leute müsste viel mehr getan werden.

Das klingt irgendwie verbittert ...

Linse: Ich bin politisch auf Zinne, keine Frage. Dass ich trotzdem guter Dinge und fröhlich bin, ist ein anderes Thema. Ich liebe Hamburg und Lurup speziell. Jeden Morgen wache ich auf und bin froh, dass es meiner Familie gut geht. Das jedoch ist doch kein Grund, nicht herzhaft zu meckern. Wenn es Anlass gibt.

Was brennt Ihnen sonst noch auf der Seele?

Linse: Den Autoverkehr habe ich bereits erwähnt. Doch auch in der Luft ist immer mehr los: Erstaunlich, was sich bei uns daheim in Lurup und über dem Kleingartenverein in Bahrenfeld so alles bewegt. Auch immer öfter zu nachtschlafender Stunde übrigens. Mehr noch als der Krach stören uns merkwürdige Beobachtungen.

Welche Beobachtungen sind das?

Linse: Ich sehe hin und wieder, wie die Maschinen vor der Landung etwas rauslassen. Das sieht aus wie eine Wasserwolke über unseren Gärten, wie heiße Nebelluft. Es gab bereits Anfragen und Beschwerden von Kleingärtnern. Angeblich handelt es sich nicht um Kerosin, wurde uns mitgeteilt. Ich traue dem Braten aber nicht. Schiffe dürfen offiziell auch nicht verklappen, machen es aber trotzdem oft. Bisweilen habe ich so komische gelbe Punkte auf dem Auto. Alles Gute kommt eben nicht von oben.

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