Hamburg

Das Geschichtsbuch, das zur Legende wurde

Großformatige Abbildungen und
historische Fotografien prägen das
großzügige Layout der aktuellen
Buchausgabe, die erst vor ein paar
Monaten erschienen ist

Großformatige Abbildungen und historische Fotografien prägen das großzügige Layout der aktuellen Buchausgabe, die erst vor ein paar Monaten erschienen ist

Foto: Ellert & Richter Verlag

Erst der Vater, dann der Sohn: Erik und Martin Vergs „Das Abenteuer, das Hamburg heißt“ ist jetzt wieder als Buch zu haben.

Hamburg. Es war ein neuer Ton, eine völlig neue Art, Geschichte zu erzählen. Die Zeitungsserie, in der der Abendblatt-Redakteur Erik Verg Mitte der 1970er-Jahre Hamburgs Stadtgeschichte beschrieb, unterschied sich erheblich von allem, was man bisher gelesen hatte. Verg schilderte „im Stil von heute das Hamburg von damals“, wie er selbst später formulierte: „Jedes Kapitel hat eine Datumszeile und ist aus der Sicht eines Zeitgenossen gesehen.“ Die Resonanz war enorm, die Abendblatt-Redaktion bekam zahllose begeisterte Leserzuschriften.

Es gab aber jede Menge Ergänzungen, Anmerkungen, Anregungen und natürlich auch manche Korrekturen. Erik Verg wunderte sich, wie viele Leser sich als „Spezialisten auf historischen Teilgebieten“ erwiesen und nun ihr Wissen einbrachten. Eine Zeitungsserie allein, das wurde schon klar, würde nicht ausreichen, es musste etwas Bleibendes daraus werden, ein Buch. 1976 erschien es erstmals im Abendblatt-Verlag unter dem wirklich genialen Titel „Das Abenteuer, das Hamburg heißt – Der weite Weg zur Weltstadt“.

Ein Longseller

Heute ist es eines der erfolgreichsten Hamburg-Bücher überhaupt, ein Longseller, der Generationen von Lesern die Geschichte der Stadt nahegebracht hat. Der Band, dessen neueste Auflage vor wenigen Monaten erschienen ist, erzählt nicht nur Historie, er hat selbst eine interessante Geschichte, an der nicht allein sein Verfasser beteiligt ist. Erik Verg, der bereits 2005 im Alter von 86 Jahren starb, wuchs in Reval auf, der heutigen estnischen Hauptstadt Tallinn.

Nach dem Krieg kam er nach Hamburg, wo er Journalist wurde und zum Abendblatt kam. Er war Gerichtsreporter, Paris-Korrespondent, Chefreporter, Lokalchef und Leiter des Ressorts „Von Mensch zu Mensch“. Vor allem galt er aber als „Geschichtsschreiber“, als ein Autor, der es verstand, weit zurückliegende Ereignisse farbig und fesselnd zu beschreiben.

Fachlichen Rat holte sich ErikVerg bei Geschichtsexperten

Journalistisch aufbereitete Geschichte war in den 1970er-Jahren noch weitgehend unbekannt. Um sich fachlich abzusichern, holte der Autor Rat bei Experten ein, zum Beispiel bei Hans-Dieter Loose, dem damaligen Leiter des Staatsarchivs, und beim einstigen Direktor des Museums für Hamburgische Geschichte, Jörgen Bracker. Die Historiker halfen nicht nur mit ihrem profunden Wissen, sondern machten dem Abendblatt-Redakteur auch Mut, „Geschichte im Stil einer Zeitung darzubieten“.

Und der Erfolg gab Erik Verg recht, denn sein „Abenteuer“ wurde zu einem großen Bucherfolg. Nicht nur die damaligen Abendblatt-Geschäftsstellen verkauften den reich bebilderten Band, der die erzählerischen Texte mit Chroniken und geschichtlichen Dokumenten in die jeweilige Situation einbettete, auch im Hamburger Buchhandel gehörte er über viele Jahre zum unverzichtbaren Angebot. Wer aber nach 1982 nach dem „Abenteuer“ fragte, blieb erfolglos, denn das Buch war inzwischen restlos ausverkauft und – anders als im Internetzeitalter – nicht einmal mehr antiquarisch zu bekommen.

Das sollte sich erst 1989 ändern, als der Ellert & Richter Verlag beim Autor anfragte, ob er eine Neuausgabe erarbeiten würde. Tatsächlich ging es nicht um einen Nachdruck, sondern um eine stark erweiterte und textlich fortgeführte Neuauflage mit zeitgemäßen Layout und viel neuem Bildmaterial. Und auch dieses Buch, das in Zusammenarbeit mit dem Abendblatt ediert wurde, war ein anhaltender Erfolg und verkaufte sich über Jahre gut. Die Idee, Hamburgs Geschichte von Mitte des neunten Jahrhunderts bis in die unmittelbare Vergangenheit zu erzählen, erwies sich auch in der Zeit, in der mit der deutschen Wiedervereinigung gerade selbst große Geschichte geschrieben wurde, als ausgesprochen attraktiv.

Der Wendenaufstand von 1066, die Einführung der Reformation 1529, der Große Brand von 1842 oder die Cholera-Epidemie von 1892 wurden hier ebenso farbig und spannend beschrieben wie Ereignisse aus dem 20. Jahrhundert: die Revolution von 1919 etwa, die NS-Zeit, der „Feuersturm“ oder die Flutkatastrophe von 1962. Erst als der Verlag 1996 mal wieder um eine Überarbeitung und Ergänzung für die nächste Neuauflage bat, winkte Erik Verg, der damals natürlich längst im Ruhestand war, endgültig ab. Doch nun fand sich mit Martin Verg sein Sohn bereit, das „Abenteuer“ fortzuführen, das damit zum generationsübergreifenden Familienprojekt wurde.

Der Sohn setzt das „Verg-Werk“ inzwischen fort

„Ich bin Jahrgang 1971. Als die Abendblatt-Serie erschien, war ich noch Kleinkind, und auch an das Erscheinen der ersten Buchausgabe kann ich mich natürlich nicht erinnern, aber später habe ich es gelesen und dabei viel über die Geschichte meiner Heimatstadt gelernt“, sagt der Historiker und Journalist. Einerseits sei es für ihn selbstverständlich gewesen, das Werk seines Vaters fortzuführen, andererseits habe er schon gespürt, dass er dabei in große Fußstapfen trete, sagt Martin Verg, der heute Chefredakteur des Magazins „GEOlino“ ist.

„Es hat schon ein bisschen was von Thronfolge“, sagt er schmunzelnd, weist aber zugleich darauf hin, dass er eine durchaus schwierige Aufgabe übernommen habe. „Während mein Vater auf der Grundlage gesicherten Wissens Geschichte dargestellt hat, die eingeordnet und weitgehend gedeutet ist, stellen sich bei der Behandlung der jüngeren Vergangenheit andere Fragen: Was ist folgenreich und hat Bestand? Was ist womöglich schon bald wieder vergessen und was sind die wirklich entscheidenden Ereignisse?“

Das vorletzte Kapitel trägt das Datum 29. November 2015 und beschreibt Hamburgs gescheiterte Olympiabewerbung, das letzte schildert die ersten Orgelklänge am 16. September 2016 in der noch nicht eröffneten Elbphilharmonie. Zur wirklichen Eröffnung, am 11. Januar dieses Jahres, war das Buch längst auf dem Markt. Verleger Gerhard Richter weiß um die Probleme der Aktualität, sieht das aber angesichts des nun schon so lange anhaltenden Erfolgs gelassen.

Frisches und modernes Layout

„In unserer schnelllebigen Zeit gibt es nur wenige Bücher, die sich seit vielen Jahren einer großen Beliebtheit erfreuen und immer wieder – natürlich aktualisiert – aufgelegt werden. Das Verg-Verg-Werk ‚Das Abenteuer, das Hamburg heißt‘ gehört dazu, weil nicht nur die Geschichte unserer Stadt lebendig erzählt wird, sondern parallel dazu Ereignisse dokumentiert werden, die die Welt bewegten“, sagt der Verleger, der sich besonders darüber freut, dass der Band auch als Schullektüre eingesetzt wird.

Die neue Auflage des Hamburg-Abenteuers hat ein frisches und modernes Layout, ist reich bebildert und mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis, einem Personen- und Sachregister versehen. Das Abendblatt-Logo auf dem Titelblatt erinnert aber daran, dass dieser vielleicht erfolgreichste Longseller unter den zahlreichen Hamburg-Büchern ursprünglich auf eine Zeitungsserie zurückgeht, die vor mehr als 40 Jahren erschienen ist, sich aber noch immer so informativ und so spannend liest, wie man das auch heute noch vom Abendblatt erwartet.

Erik Verg / Martin Verg: „Das Abenteuer, das Hamburg heißt“. 288 Seiten, Ellert & Richter Verlag, 19,95 Euro. Das Buch ist in der Abendblatt-Geschäftsstelle (Großer Burstah 18–32) und im Buchhandel erhältlich.