Hamburg. Die Einführung eines Mehrwegsystems für Coffee-to-go-Becher in Hamburg rückt näher: Die Bürgerschaft soll heute auf Antrag von Grünen und SPD beschließen, die Umweltbehörde mit der Koordinierung der Einführung zu beauftragen. Das klingt zunächst unspektakulär. Aber nachdem das Thema bislang eher auf informeller Ebene zwischen Abgeordneten und Behörden behandelt wurde, wäre das quasi der offizielle Startschuss für das Projekt.
„Wir wollen mit dem ,Kehrwiederbecher‘ ein funktionierendes Mehrwegsystem in Hamburg einführen und gemeinsam die Stadt vom Einwegbecher-Müll befreien“, sagte Ulrike Sparr, umweltpolitische Sprecherin der Grünen-Bürgerschaftsfraktion. Mit der Koordinierung des Aktionsbündnisses aus Politik, Verwaltung und großen Kaffee-Anbietern wie Tchibo, McDonald’s und Dat Backhus durch die Umweltbehörde „gehen wir einen weiteren Schritt in Richtung Umsetzung“, so Sparr. Als Nächstes folge eine Machbarkeitsstudie, die im Sommer vorliegen soll, daran schließe sich vermutlich ab Spätsommer ein Pilotprojekt an. Und wenn alles optimal laufe, könne das neue Pfandsystem im Laufe des Jahres 2018 an den Start gehen.
Mehrwegbecher überall abgeben
Ziel ist es, dass die Kunden künftig einen wiederverwendbaren Kaffeebecher bei einem Anbieter erwerben und nicht nur bei diesem, sondern bei möglichst vielen anderen Anbietern wieder abgeben können – wahrscheinlich in Verbindung mit einem Becher-Pfand, wie man es etwa von Glühwein-Buden auf Weihnachtsmärkten kennt.
Auslöser für den Vorstoß sind der gigantische Ressourcenverbrauch und der daraus folgende Müllberg durch die Papp- oder Plastikbecher: Allein in Hamburg werden pro Jahr rund 60 Millionen Einwegbecher für den Genuss von Kaffee und anderen Heißgetränken unterwegs verbraucht, heißt es in dem Antrag von Grünen und SPD. In den Papierkörben in der Innenstadt machen To-go-Verpackungen laut Untersuchungen der Stadtreinigung mit 36 Prozent den größten Anteil der Abfallmasse aus, davon entfällt gut ein Drittel auf Einwegbecher. Anders ausgedrückt: 13 Prozent der gesamten Abfallmenge entfällt auf Kaffeebecher.
Hinzu kommt die wilde Entsorgung: „Längst nicht jeder Becher landet ordentlich im Abfalleimer, sondern auf Straßen, Plätzen oder in Parks“, sagt SPD-Umweltexpertin Monika Schaal. „Kehrwiederbecher“ könnten da für Abhilfe sorgen. „Mehrweg beim Kaffeebecher hilft generell, Müll zu vermeiden und die Umwelt zu schonen“, so Schaal. „Daran sollte man beim Kaffeegenuss auch mal denken. Mehrweg ist mehr wert – für eine saubere Stadt, für das Portemonnaie und die Umwelt.“
Angestoßen hatte die Diskussion Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) Anfang November mit einem Interview im Abendblatt: „Unser Ziel sind praktische Lösungen, die am Ende zu weniger Einwegverpackungen führen und breit akzeptiert werden“, hatte er gesagt. Eine Gebühr auf Einwegbecher lehne er ab. Seitdem ist vieles passiert: Ende November und Anfang Februar gab es Treffen mit vielen Beteiligten. Daraus soll nun ein festes Aktionsbündnis werden, das sich konkrete Ziele setzt – koordiniert von der Umweltbehörde, die das Projekt bei Bedarf auch finanziell unterstützen würde.
Die noch offenen Fragen
Konkret wird derzeit über folgende Fragen beraten: Wie können Hygiene-Standards eingehalten werden, wenn Kunden ihre benutzten Becher in die Filialen bringen oder sie dort wieder befüllen lassen? Aus welchem Material sollten die Mehrwegbecher sein – Metall, Porzellan oder etwas ganz anderes? Wie werden Reinigung und Lagerung organisiert? Wer kümmert sich um die Logistik, wenn sich die Becher bei einem Anbieter stapeln, während sie bei einem anderen ausgehen? Hierfür wird im Prinzip ein System benötigt wie für das Leihfahrradsystem „Stadtrad“. Und nicht zuletzt müssen sich alle Beteiligten auf ein Pfand und eine Abrechnungsmethode einigen.
Hamburg wäre zwar die erste deutsche Metropole, die so ein stadtweites System einführt. Gleichwohl greift man auf Erfahrungen in kleineren Einheiten zurück, etwa eine Mehrweginitiative in Freiburg oder den Vorstoß des Hamburger Kaffeeimporteurs El Rojito aus Ottensen: Der hatte unter dem Motto „Refill it“ am 1. November einen Mehrweg-Pfandbecher auf den Markt gebracht, der an bislang 15 Cafés und Bäckereien abgegeben oder wiederbefüllt werden kann. Der Clou: Die Becher sind biologisch abbaubar.
Für den 30. März lädt Senator Kerstan interessierte Unternehmen im Rahmen des „Umweltpartner-Dialogs“ zum Austausch über das Thema in die Behörde ein. Dort können die Gäste bereits reale „Kehrwiederbecher“ in Augenschein nehmen. Wurden in der gemeinsamen Kantine von Umwelt- und Stadtentwicklungsbehörde in Wilhelmsburg früher mehr als 15.000 Einwegbecher pro Jahr verbraucht, gibt es nun nur noch Porzellanbecher. Sie kosten 2,50 Euro Pfand, mit Deckel sind es drei Euro. Die Umstellung, so heißt es aus der Kantine, habe „reibungslos geklappt“ und werde gut angenommen.
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