Hamburg

Und wie klingt Jazz in der Elbphilharmonie?

Brad Mehldau während eines Auftritts in Chicago

Brad Mehldau während eines Auftritts in Chicago

Foto: Getty

Pianist Brad Mehldau zelebrierte bei seinem gefeierten Soloabend die poetische Kraft der Melancholie.

Hamburg. Für das, was Brad Mehldau einen wunderbar poetischen Abend lang allein aus sich und einem Klavier machen kann, ohne dabei auch nur einen Moment mit Schlaumeierei zu langweilen, ist das Wort „Mehldauiade“ noch nicht als Etikett erfunden und etabliert worden. Höchste Zeit wäre es allerdings.

Denn der US-amerikanische Pianist steht mit seiner elegischen Herumträumerei in vergrübelten Pop- und Rock-Standards ebenso wie in eleganten Songbook-Klassikern aus der Gershwin-Schublade in der direkten ästhetischen Tradition der klassischen Schubertiaden im biedermeierlichen Wien, die sich mit inniger Innerlichkeit in die sanfte Tristesse tränenvernebelter Seelenzustände vertiefen konnten.

Mehldau ist das sensible Träumerle

Mehldau ringt sich nichts unter Schmerzen ab und für Brachiales ist er noch viel weniger der Richtige, er lässt lieber unaufgeregt kommen, was immer kommen mag. Mehldau ist nun mal das sensible Träumerle, eher graumeliert lehrerhaft statt cool. Der unaufdringliche Grübler, der so spielt, als ob er sich bei lauten Parties sofort in der sicher dunklen Ecke parkt; der Charlie Brown unter den Gedicht-Spielern, die sich ihre bunte Welt auf schwarzen und weißen Tasten jeden Abend neu erfinden können, wie es ihnen gefällt. Auf dem Klavierhocker windet er sich dabei leicht, unschlüssig, ob er seinen Sicherheitsabstand zur Musik aufgeben soll, um sich dann doch wieder gouldig verschroben und irgendwie ungesund seitlich über die Tastatur zu beugen und zu warten, bis die nächste Idee um die nächste Akkordwechsel-Ecke biegt.

Mehldau meditiert eher auf seinem Material herum, umkreist es, beleuchtet es höflich von mehreren Seiten oder verziert es mit Akkorden, die dezent genug fremdeln, um nicht grundsätzlich zu stören oder gar zu verstören. Ein klassisch gebildeter Konsens-Feingeist wie Brad Mehldau, der sich das sportliche Angeben als Virtuose seit Jahren klug abgewöhnt hat, ist also eine überaus smarte Wahl, um als erster Jazz-Solist im Großen Saal der Elbphilharmonie aufzutreten. Der für seine Mimosigkeiten gefürchtete Keith Jarrett, mit dem er so oft wie verdient verglichen wird, würde angesichts der Hellhörigkeit dieses Raums für jedes noch so kleine Publikumsgeräusch ja eh wahrscheinlich nur durch die Bühnentür kommen, empört wieder umdrehen und auf Nimmerwiederhören abreisen.

Der Deckel des Steinway war abmontiert

Interessanterweise war der Deckel des Steinway abmontiert, um keinen Rang zu benachteiligen, der Klang sollte und konnte sich also von der mittigen Bühne aus in möglichst alle Richtungen entfalten. Was, möglicherweise ganz leicht verstärkt, in Block E ankam, hatte eine angenehme Präsenz, war nicht überbrillant und auch in den hohen Lagen nicht klirrend. Und da Mehldau an diesem Abend offenkundig nicht nach markigem Kräftemessen mit der Flügelmechanik war, bleibt aber noch abzuwarten, wie sich der Raum und einer der Haus-Steinways bei einem klassischen Klavier-Abend miteinander anfreunden, wenn es anders ernster wird und vollgriffiger.

Dass Mehldau die Programm-Zutaten bei seinen Solo-Abenden nicht allzu drastisch variiert, macht weniger als wenig, denn die „Erkennen Sie die Melodie“-Ratespielchen erledigen sich eh schnell. Weil er das Ausgangsmaterial nur als Inspirationsquelle versteht und verwendet, die Musik selbst fließt danach schnell den Weg, den er ihr vorschlägt. Aus Jeff Buckleys Borderliner-Ballade „Dream Brother“ macht Mehldau eine Etüde, die sich stetig melancholisch nach vorn pulst. Im Zweifelsfall – und Mehldau zweifelt gut und gern – spielt er lieber sehr wenig, um ein Zuviel an Noten zu vermeiden. Die auch durch Sinatra bekannt gewordenen Crooner-Standards „I Fall In Love Too Easily“ und „My Heart Stood Still“ genoss und vergaß Mehldau dezent und geschmackvoll, während er sich seine Novellen aus Noten erfand.

Eine Pause gab es nicht

Aber auch der Formengott Bach durfte, konnte, musste sein an diesem natürlich begeistert gefeierten Premieren-Abend. Was als Anspielung auf Präludium und Fuge in f-moll aus dem „Wohltemperierten Klavier“ begann, mäanderte sich zu einer romantisierenden Etüde zurecht, bei der die Kunst des Kontrapunkts keine tragende Rolle mehr spielte und die Kunst des Moments wichtiger wurde. Eine Pause machte Mehldau nicht, das hätte einerseits den Flow gestört, wäre andererseits aber auch nicht notwendig gewesen, weil die Konzentration auf das Wesentliche im auf Club-Dämmerung heruntergedimmten Saal enorm präsent war. „Little By Little“ von Radiohead war ein weiterer Mehldau-Klassiker, mit dem er den Abend intelligent abrundete. Im Zugabenteil spendierte er unter anderem seine wehmütig veredelte Variation über den Beatles-Tränchendrücker „And I Love Her“. Ein Seelchen von einem Konzert, alles in allem.