Hamburg

Ein Tablet-Computer kann Senioren retten

Modellprojekt: In Eimsbüttel werden 1000 Wohnungen mit einem System ausgestattet, das viel mehr leistet als der HausnotrufAlbertinen-Haus und Techniker Krankenkasse wollen erreichen, dass Senioren länger autark leben können. Aber „Paul“ kann noch mehr.

Es passiert jedes Jahr rund 250.000-mal in Deutschland: Ein älterer Mensch stürzt und zieht sich einen Knochenbruch zu. Und immer wieder geschieht es, dass ein allein lebender Senior stundenlang auf Hilfe warten muss, da er es nicht mehr zum Telefon schafft und einen Hausnotrufknopf nicht in Griffweite hat. Hier kann Paul zum Retter werden.

Paul? Der Name steht für „Persönlicher Assistent für unterstütztes Leben“. Die Idee hinter diesem System, entwickelt von Wissenschaftlern der Firma Cibek in Rheinland-Pfalz, klingt faszinierend. In der Wohnung installierte Bewegungsmelder messen die Aktivität, sie registrieren etwa, wenn der Bewohner überdurchschnittlich lange im Bad verbleibt oder es überhaupt keine Bewegung mehr in den Räumen gibt. Paul meldet sich dann über den angeschlossenen Tablet-Computer; reagiert der Bewohner nicht, wird sofort Hilfe gerufen. Aber Paul kann noch viel mehr. Er leitet E-Mails weiter, ermöglicht Video-Kontakt mit Pflegediensten oder Ärzten, sogar die Bestellung von Lebensmitteln ist möglich.

Von Pauls Fertigkeiten werden sich ab Sommer ältere Bewohner in Eimsbüttel überzeugen können. Um sie wirbt jedenfalls das Modellprojekt „NetzWerk LebenPlus“ unter Federführung der Techniker Krankenkasse (TK). Das Herz des Systems wird im Albertinen-Haus in Schnelsen schlagen. Mediziner des renommierten Zentrums für Geriatrie und Gerontologie werden die Teilnehmer untersuchen und das gesamte Projekt medizinisch begleiten. Partner sind neben dem Albertinen-Haus und der Firma Cibek noch die Barmer, die DAK-Gesundheitskasse, die Knappschaft, die Johanniter-Unfall-Hilfe sowie die Universität Bielefeld. Gefördert wird das Projekt mit maximal 8,9 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds, den die Bundesregierung für eine bessere gesundheitliche Versorgung aufgelegt hat.

In den kommenden Monaten werden die beteiligten Kassen Mitglieder über 70 Jahre im Bezirk Eimsbüttel anschreiben, gesucht werden insgesamt 1000 Teilnehmer. „Wir wenden uns gezielt an Senioren, die gefährdet sind, Hilfs- oder Pflegebedürftigkeit zu entwickeln“, sagt Chefarzt Prof. Wolfgang von Renteln-Kruse. Das Projekt läuft über vier Jahre, die Teilnahme inklusive der Tablet-Computer ist kostenlos.

In Rheinland-Pfalz erleichtert Paul bereits seit zehn Jahren das Leben in 150 Senioren-Wohnungen. „Unser Ziel ist, dass ältere Bewohner so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden bleiben können“, sagt Cibek-Chef Bernd Klein. Vor der Markteinführung hat Cibek im Detail die Fälle untersucht, in denen ein alleinlebender betagter Mensch etwa nach einem Sturz, einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt mehrere Stunden vergebens auf Hilfe wartete. Ergebnis: 95 Prozent der betroffenen Senioren hatten einen installierten Notruf, waren jedoch nicht mehr in der Lage, den Notruf zu drücken – entweder hatten sie die Halskette oder das Armband mit dem Notruf-Knopf gerade nicht um, oder die Verletzung war schlicht zu schwer. „Wir haben hier gelernt, dass wir ein System entwickeln müssen, das in Notfällen reagiert, ohne dass der Betroffene irgendetwas machen muss“, sagt Klein. Daher installiert Cibek jetzt Bewegungsmelder, die auf individuelle Zeitpläne zugeschnitten sind. Wenn der Senior zumeist um 8 Uhr aufsteht, meldet sich Paul, wenn es um 8.15 Uhr in der Wohnung noch keine Aktivität gibt. Per Druck aufs Ta­blet kann der Bewohner signalisieren, dass bei ihm alles in Ordnung ist.

„Paul ist dank großer Schrift und großer Symbole einfach zu bedienen“, sagt Klein. Der Hausarzt wird in das System direkt eingebunden, Video-Sprechstunden sollen gerade ältere Patienten, die nicht mehr so mobil sind, unterstützen. Für den Datenschutz ist gesorgt: Die Daten werden nur auf den kleinen Rechnern in den Wohnungen der Teilnehmer gespeichert.

Wie wichtig Systeme wie Paul sind, zeigt der demografische Wandel. 2030 werden 30 Prozent der Hamburger älter als 60 Jahre sein. Und schon jetzt lebt mehr als jeder zweite Hamburger allein. Zudem stärkt die seit Jahresbeginn geltende Pflegereform den Vorrang ambulant vor stationär – ein Konzept, das nur aufgehen kann, wenn Pflegebedürftige besser in ihren eigenen Wohnungen versorgt werden.