Hamburg

Gift in der Elbe – da schwimmt was auf uns zu

Der Bagger Odin im Einsatz: Wo er schwimmt, gibt es weniger später weniger Schlick

Der Bagger Odin im Einsatz: Wo er schwimmt, gibt es weniger später weniger Schlick

Foto: Picture Alliance / CHROMORANGE / Christian Ohde

Abgekratzter Lack einer tschechischen Brücke bringt erhöhte PCB-Konzentration in die Hafenstadt. Was Umweltschützer fordern.

Hamburg. Umweltschützer sorgen sich um die Wasserqualität der Elbe. Der Grund: In Tschechien ist bei der Lackentfernung an einer Eisenbahnbrücke schätzungsweise etwa 100 Kilo PCB in die Elbe gelangt. Das Gift hefte sich an im Wasser schwebende Teilchen an und werde von der Strömung weitergetragen – auch nach Hamburg.

Hinsichtlich einer womöglich zunehmenden Belastung des Hamburger Hafens mit dem giftigen Stoff PCB fordern Umweltschützer ein neues Konzept für die Entsorgung von Sedimenten aus dem Hafen. „Es ist absehbar, dass Hamburger Schlick wegen der zu befürchtenden Giftbelastung bald als Sondermüll zu behandeln ist“, sagte Katharina Weinberg von der Schutzstation Wattenmeer.

Wenn Hochwasser droht

Ein Hochwasser am Elboberlauf könne schon im nächsten Frühjahr dafür sorgen, dass die PCB-Konzentration im Hafenschlick den Grenzwert deutlich überschreite. Das Gift gelange dann direkt ins Wattenmeer, was eine „massive Gefährdung“ dieses Ökosystems bedeute.

Bisher darf der ausgebaggerte Schlamm zur Tonne E3 in der Nordsee vor Helgoland verbracht werden, sofern der Grenzwert für PCB im Sediment – 20 millionstel Gramm (Mikrogramm) je Kilogramm – nicht überschritten wird. So haben es Hamburg und Schleswig-Holstein vereinbart. Hamburg lässt jährlich mehrere Millionen Kubikmeter Sediment ausbaggern.

Ohne Ausbaggern geht nichts

Die Umlagerung ist nötig, weil durch die Tide kontinuierlich Schlick aus der Nordsee bis nach Hamburg gepumpt wird. Würde dieser im Hafen nicht ausgebaggert, könnte Hamburg die nötigen Tiefen für Seeschiffe nicht gewährleisten.

PCB-Konzentration knapp unterhalb des Grenzwerts

Ins Wanken geraten könnte dieses Modell durch die Folgen die Havarie, die sich vor anderthalb Jahren im tschechischen Ústí nad Labem ereignete, als etwa 100 Kilo PCB in die Elbe gelangten. Seitdem wurden die Substanzen langsam flussabwärts auch bis nach Hamburg gespült. Im August dieses Jahres wurden bei Messungen an der Bunthäuser Spitze im Südosten Hamburgs 18 Mikrogramm PCB im Elbsediment gemessen, wie die Umweltbehörde auf Abendblatt-Anfrage mitteilte. Rund 20 Elbkilometer weiter an der Messstation Seemannshöft auf der Höhe von Finkenwerder seien drei bis vier Mikrogramm PCB je Kilogramm Sediment nachgewiesen worden – ein geringer Teil der Schadstoffe hatte es also durch den Hafen hindurch geschafft.

Grenzwert nicht überschritten

Die Umweltbehörde betont, die PCB-Konzentration im Hamburger Hafenschlick habe den Grenzwert von 20 Mikrogramm bisher nicht überschritten. Eine Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung durch PCB im Elbsediment bestehe derzeit nicht. Neue Werte würden für Ende des Jahres erwartet.

Allerdings sei abzusehen, dass der PCB-Unfall in Tschechien „gravierende ökologische Folgen im gesamten Flussverlauf haben wird, die über Jahre andauern werden“, heißt es in der aktuellen Studie „PCB in der Elbe“, die von der Abteilung Wasserwirtschaft in der Umweltbehörde erarbeitet wurde. Deshalb sei „unklar, wie sich das PCB-Schadereignis mittel- bis langfristig auf die Sedimentqualität im Hamburger Hafen auswirken wird“.

Als ein „Worst-Case-Szenario“ sei nicht auszuschließen, dass sich die Qualität des Sediments derart verschlechtere, dass ein Teil des Schlicks nicht mehr in die Nordsee umgelagert werden könnte. „Als Folge wäre die sichere Erreichbarkeit des Hamburger Hafens für Seeschiffe mindestens temporär gefährdet.“

Der Hafen fungiere mit seinen strömungsberuhigten Bereichen als eine „große Sedimentfalle“, sagte Katharina Weinberg von der Schutzstation Wattenmeer. PCB könnten sich hier besonders gut absetzen und im Boden konzentrieren. „Hamburg muss sich etwas einfallen lassen.“

Verklappung muss aufhören

Das sieht auch der Nabu Hamburg so. „Die Verklappung muss aufhören“, sagte Sönke Diesener, Referent für Umweltpolitik in der Landesgeschäftsstelle. Das gelte insbesondere mit Blick auf die Elbvertiefung, durch die der Flutstrom stärker werde und mehr Schlick zum Hamburger Hafen gelange. „Es wird mehr Schlick ausgebaggert werden müssen. Wenn dann die PCB-Konzentration im Sediment zunehmen sollte, wird das Problem noch größer.“

Die Wirtschaftsbehörde befürchtet das nicht. „Wir gehen derzeit nicht davon aus, dass die PCB-Grenzwerte im Hafen dauerhaft überschritten werden“, sagte Behördensprecherin Susanne Meinecke. Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsenator Frank Horch (parteilos) hätten die tschechische Regierung gebeten, Maßnahmen gegen die Schadstoffbelastung zu ergreifen – mit Erfolg, so Meinecke: „Die Sanierung der PCB-Verschmutzung bei Ústí läuft bereits.“ Mit PCB belastete Seitenbereiche der Elbe seien laut der tschechischen Regierung umfassend saniert worden. „Zudem wird überlegt, ob in der Elbe auf tschechischem Gebiet an weiteren Stellen das Sediment gereinigt wird.“ Das, so die Erwartung, soll dafür sorgen, dass in Hamburg immer weniger PCB aus der Havarie ankommen.