Hamburg

Das Handwerk gehört bereits zu den Profiteuren

Viele Flüchtlinge bringen gute Fähigkeiten mit. Bewerber werden zur Probearbeit geladen

Hamburg. Die Handwerkskammer sieht gute Chancen, durch die Flüchtlinge den sich andeutenden Mangel an Fachkräften und Auszubildenden in der Zukunft zu lindern. „Die handwerklichen Fähigkeiten der Flüchtlinge sind durchweg solide bis gut“, sagt Gesine Keßler-Mohr, Bereichsleiterin der Kammer für die Fachkräftesicherung. Die größte Aufgabe sei, die jungen Flücht­linge mit deutschen Maschinen und Techniken vertraut zu machen. „In ihrer Heimat haben einige noch mit Maschinen gearbeitet, die 15 bis 20 Jahre hinter den deutschen Standards liegen.“

Nach einer internen Auswertung, die dem Abendblatt vorliegt, haben sich im ersten Halbjahr 2016 bereits 100 Handwerker aus den vier häufigsten Herkunftsländern (Syrien, Afghanistan, Iran, Irak) zur Anerkennung ihrer Berufe bei der Kammer gemeldet. Im Jahr 2015 erhielten 28 Menschen aus diesen Ländern eine formale Berufsanerkennung, drei davon als Meister. Zusätzlich haben mindestens 50 Flüchtlinge seit Anfang 2015 eine Ausbildung in Hamburger Handwerksbetrieben begonnen, schätzt die Kammer.

Im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen ist die Anerkennung der Berufsbilder im Handwerk deutlich leichter. Zunächst werden anhand von Zeugnissen die einzelnen Fähigkeiten verglichen. Sollte ein Bewerber keine Dokumente mit sich führen, wird in der Regel eine mehrtägige praktische Prüfung der Fähigkeiten veranlasst – bei Tischlern etwa im Sägen und dem Fertigen von Möbelstücken. Die Prüfungen werden in regulären Betrieben von jeweiligen Fachmeistern oder am Elbcampus, dem Fortbildungszentrum für Handwerker, abgenommen.

Durch eine sogenannte Anpassungsqualifizierung wird der Mangel an technischen Fähigkeiten meist im Rahmen eines verlängerten Praktikums aufgeholt. Dies wird in etwa der Hälfte der Fälle veranlasst. Innerhalb von etwa einem Jahr werden aus den Flüchtlingen so im Durchschnitt anerkannte Handwerksgesellen und -meister.

Videos und Bilder sollen die Erkennung der Talente verbessern

Um das Können der Flüchtlinge in Hamburg für alle Berufsgruppen besser zu erfassen, setzt die Bundesagentur für Arbeit (BA) auch Hoffnung auf Video- und Bildertests. Wenn etwa ein Flüchtling angibt, Kfz-Mechaniker zu sein, soll ihm möglichst bald nach der Ankunft ein Video vom Austausch einer Zündkerze vorgespielt werden – und der Bewerber dazu urteilen, ob das Vorgehen auf dem Film richtig ist. Das System soll für mehr als 15 Berufsgruppen bis zum Jahreswechsel funktionstüchtig sein und den Prozess der Integration beschleunigen.

Laut dem BA-Vorstand und ehemaligem Hamburger Sozialsenator Detlef Scheele musste für die Flüchtlinge, die oft nur ein Handyfoto ihrer Abschlüsse bei sich tragen, erst ein neues System erfunden werden. „Positiv ist: Die meisten Flüchtlinge sind vergleichsweise jung, nämlich unter 35 Jahre“, sagte Scheele dem Abendblatt. Auch bei Vorkenntnissen dauert die Anerkennung von Abschlüssen aufgrund der sprachlichen Defizite oft mehr als zwei Jahre. Die Studienabschlüsse sind oft nicht vergleichbar. „Die Investition in die Qualifikation lohnt sich. Aber sie dauert eben mehrere Jahre“, so Scheele.