Radrennen

Hamburger Cyclassics: Alle Sperrungen, Strecken, Neuheiten

Das Elitefeld der Cyclassics, hier im Jahr 2014, in der Speicherstadt. Teilnehmer können sich wahlweise für 55, 100 oder 155 Kilometer anmelden

Das Elitefeld der Cyclassics, hier im Jahr 2014, in der Speicherstadt. Teilnehmer können sich wahlweise für 55, 100 oder 155 Kilometer anmelden

Foto: Witters

Wo ist das Rennen am besten zu sehen? Welche Straßen sind gesperrt? Und was ist neu? Alles über die Hamburger Cyclassics.

Hamburg. Chelsea Wheeler findet, dass sie gut vorbereitet ist auf das, was sie heute erwartet. Sie hat intensiv geübt, drei- bis viermal pro Woche, Technik, Kraftausdauer, funktionales Training, Radsportregelkunde. „Ich habe richtig viel gelernt“, sagt Wheeler, „und ich bin ein bisschen stolz, dass ich durchgehalten habe.“ Die 60-Kilometer-Strecke bei den 21. EuroEyes-Cyclassics an diesem Sonntag sollte jedenfalls keine große Herausforderung mehr darstellen für die junge Frau aus Kanada, die in Hamburg die Filiale einer Fitnessmarke ihres Heimatlandes leitet.

Wheeler hat das achtwöchige Rookie-Programm durchlaufen. Es soll neue Teilnehmer an das größte Radrennen Europas heranführen – und damit dessen Zukunft sichern helfen. Denn die Zeiten, in denen sich das Jedermann-Feld innerhalb weniger Wochen nach Anmeldebeginn gleichsam von selbst gefüllt hat, sind offenbar vorbei. Etwa 2000 der insgesamt 22.000 Startplätze über wahlweise 55, 100 oder 155 Kilometer sind noch verfügbar. Schon in den beiden Vorjahren war das Rennen nicht mehr ganz ausgebucht gewesen.

Cyclassics: Diese Straßen sind gesperrt

Der beste Blick auf die Radler

„Die Boomjahre des Radsports sind vorbei“, sagt Cyclassics-Rennleiter Michael Haas von der Agentur Ironman Unlimited Events. Er glaubt drei Faktoren ausgemacht zu haben, die den Aufschwung gebremst haben.


Erstens: die Sorge um die Sicherheit. „Manchen ist es zu hektisch, zu gefährlich“, sagt Haas. Wolfgang Strohband, der Vorsitzende der Radsport-Gemeinschaft Hamburg und frühere Jan-Ullrich-Manager, kann den Einwand nachvollziehen. Er sagt: „Mir wird manchmal übel, wenn ich sehe, wie es zugeht. In der Gruppe zu fahren will nun einmal gelernt sein.“ Die Cyclassics-Veranstalter versuchen mit speziellen Maßnahmen gegenzusteuern. So mischen sich 100 sogenannte Safer-Cycling-Guides unter die Teilnehmer, um ihnen auf der Strecke Tipps zu geben und kritische Situationen zu vermeiden. Schon 2011 wurde ein Startblock für Frauen eingeführt, um Einsteigerinnen die Angst vor Unfällen zu nehmen.

Kommentar: Cyclassics - so geht es weiter

Zweitens: die gewachsene Konkurrenz. Als die Cyclassics vor 20 Jahren mit ihrem innovativen Konzept eines gemeinsamen Profi- und Breitensportrennens an den Start gingen, war die Auswahl an trendigen Veranstaltungen zum Mitmachen begrenzt. Haas: „Es gab keinen Urbanathlon, kein Tough Mudder, keinen Köhlbrandbrückenlauf.“ Zudem hat sich seine Agentur Ironman selbst Konkurrenz gemacht, als sie 2002 den Triathlon aus der Taufe hob.

Drittens: die fehlenden Zugpferde. Im Windschatten von Jan Ullrich und Erik Zabel fuhren die Cyclassics rasch an die Spitze der beliebtesten Radrennen, bevor die einstigen Telekom-Stars im Dopingsumpf versanken. Die neue Generation um Vorjahressieger André Greipel, Marcel Kittel, John Degenkolb und Tony Martin ist zwar erfolgreich und mutmaßlich sauber, konnte aber noch keine Radsportwelle lostreten.

Junge Zielgruppen für die Cyclassics erschließen

Immerhin: Das Fernsehen beginnt sich wieder zu interessieren. Im Vorjahr berichtete die ARD erstmals nach sechs Jahren wieder live vom einzigen deutschen Rennen der World-Tour-Serie. Diesmal kommen wegen der gleichzeitigen Olympia-Übertragung die Spartensender zum Zug: Sport 1 überträgt die Schlussphase des Profirennens live von 15.30 bis 17 Uhr, Eurosport zeigt von 19.15 bis 20 Uhr eine Zusammenfassung.

Was den Reiz dieses immer noch mit Abstand beliebtesten deutschen Radrennens ausmacht, werden die Bilder nur erahnen lassen. Den Ausblick auf die Schönheiten der Stadt. Das fast lautlose Dahingleiten über abgesperrte Straßen. Die Anfeuerung durch die Zuschauer. „Hamburg ist sicher eine der tollsten Strecken weltweit“, sagt Haas.

Damit das so bleibt, will Veranstalter Ironman neue, junge Zielgruppen für die Cyclassics erschließen. So wird der im Vorjahr eingeführte „Feuer-und-Flamme-Ride“ unter dem Namen „Urban+E-Bike Ride“ weitergeführt: Ohne Zeitnahme können sich Teilnehmer ab 15 Jahren auf einem beliebigen Rad an das 55-Kilometer-Feld heften.

„Fahrradfahren ist ein urbaner Trend, den wir aufgreifen müssen“, sagt Haas. Darauf zielt auch das sogenannte Rad-Race-Battle am Sonnabend auf der Mönckebergstraße. Auf einer Strecke von nur 200 Metern wird hier „eins gegen eins“ gesprintet. Die Wettkampfform trifft offenbar den Nerv der Zeit: Das Männerrennen ist bereits ausgebucht. Integriert sind erstmals auch 25 Special-Olympics-Teilnehmer.

Dass sich der Radsport neue Bühnen sucht, kann auch Wolfgang Strohband bestätigen. So erfreut sich die BMX-Abteilung der RG Hamburg seit der Fertigstellung der neuen Rennstrecke in Farmsen regen Zulaufs bei Kindern und Jugendlichen. Die Zahl der klassischen Straßenradsportler dagegen stagniert. „Vielleicht ist der Aufwand einfach zu groß“, sagt Strohband.

Chelsea Wheeler aber ist auf den Geschmack gekommen: „Es war eine Supererfahrung.“ Nach den Cyclassics bereitet sie sich auf den New-York-Marathon vor. Aber den Radsport will sie nicht wieder aufgeben.