Prozess der Woche

Mann misshandelte Ehefrau – vor den Augen der Kinder

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Bettina Mittelacher
Vor dem Amtsgericht wurde der Fall der misshandelten Frau verhandelt (Symbolfoto)

Vor dem Amtsgericht wurde der Fall der misshandelten Frau verhandelt (Symbolfoto)

Foto: Jens Kalaene / dpa

Es ist fast Mitternacht, als die Frau die Flucht ergreift – im Schlepptau ihre drei kleinen Kinder. Es war nicht der erste Übergriff.

Hamburg.  Es ist kurz vor Mitternacht, als die Frau die Flucht aus ihrer Wohnung ergreift. Völlig aufgelöst klingelt die 29-Jährige Sturm bei ihrer Nachbarin, im Schlepptau hat sie ihre drei weinenden Kinder. Sie sei von ihrem Mann geschlagen worden, erzählt die Verzweifelte. Und ihre Nachbarin möge bitte die Polizei alarmieren. Die Beamten sprechen für den Ehemann eine Wegweisung aus der Wohnung aus. Denn die Kinder erzählen: Es sei nicht der erste Übergriff des Vaters gewesen.

Jetzt, ein gutes halbes Jahr nach dem Vorfall, sitzt der mutmaßliche Täter als Angeklagter vor dem Amtsgericht und wirkt, als verstehe er nicht, was er eigentlich dort soll. Das hagere Gesicht zeigt eine Mischung aus Missmut und Stolz, als der 44-jährige Mohammed M. (alle Namen geändert) selbstsicher verkündet, er brauche seinen Verteidiger nicht mehr. Schließlich wohne er seit Monaten wieder zu Hause. „Und meine Frau und ich haben uns versöhnt.“ Er habe die 29-Jährige zwar damals im Rahmen eines Streits „geschubst“, räumt er wie nebenbei ein. Ansonsten sei nichts passiert. Die Anklage jedoch klingt nach deutlich mehr Gewalt: Demnach hat M. seine Frau mit einem Handy derartig in die Lendengegend geschlagen, dass sie ein Hämatom und Schmerzen davontrug. zudem soll er ihren Kopf an den Haaren heruntergezogen, sie in den Nacken gebissen und ihr sein Knie in die Magengegend gestoßen haben – und das alles vor den Augen der Kinder, das älteste von ihnen zwölf Jahre alt.

Dier Frau will selbst nicht aussagen

Auf eine Aussage der Ehefrau Fatima M. kann sich das Gericht nicht stützen. Die dreifache Mutter will als Zeugin nichts gegen ihren Ehemann sagen, was ihr gutes Recht ist. Auch ihre damalige Schilderung bei der Polizei, erklärt sie, solle nicht verwertet werden. Doch kurz nach dem Übergriff ließ sie ihre Verletzungen im Institut für Rechtsmedizin untersuchen und dokumentieren. „Wie erklären Sie sich das?“, fragt die Richterin den Angeklagten und zeigt auf Fotos in der Akte, auf denen eine Verletzung im Nacken seiner Ehefrau zu sehen ist. „Das sieht mir nicht wie ein Finger oder eine Hand aus. Das spricht doch sehr für einen Biss!“ Auch im rechtsmedizinischen Gutachten ist von „perlschnurartigen“ Abdrücken die Rede. Es sei eine „typische Bissverletzung“, heißt es dort eindeutig. Nun beginnt Mohammed M., sich zu winden. Er habe seine Gattin nur geschubst, beharrt er zwar, „aber ich habe sie dabei schon ziemlich doll am Nacken gepackt.“ Von einem Biss will er nach wie vor nichts wissen.

Eine Nachbarin erzählt als Zeugin, dass Fatima M. in jener Nacht zu ihr geflüchtet sei. Die Frau, die wie die ganze Familie seit fünf Jahren in Deutschland lebt, habe in gebrochenem Deutsch davon gesprochen, dass sie von ihrem Mann „geschlagen“ worden sei, und das wohl schon zum zweiten Mal. „Sie hat geweint, war aufgeregt und hat gezittert. Und die Kinder waren geschockt, wie eingeschüchtert. Das jüngste hat sich immer an seine Mutter gekuschelt“, erinnert sich die 73-Jährige. Mittlerweile wohne der Mann wieder bei der Familie, „angeblich, weil die Kinder es so wollten“, sagt die Zeugin. „Ich fragte die Frau, ob das so mit dem Ehemann zusammen geht. Sie sagte Ja.“

2000 Euro Strafe wegen Körperverletzung

„Die Ehefrau ist eindeutig misshandelt worden“, fasst die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer zusammen. „Wir wissen das aufgrund der Fotos und der rechtsmedizinischen Feststellungen.“ Die Verletzung im Nacken, demnach eindeutig ein Biss, könne sich das Opfer unmöglich selber zugefügt haben. Und auch die Kinder hätten ihre Mutter nicht verletzt, ist die Anklägerin überzeugt. „Es kann nur der Angeklagte gewesen sein.“ Die Verletzung in der Lendengegend sei zwar mit einem Gegenstand verursacht worden. Doch ob es tatsächlich ein Handy war, wie es noch in der Anklage heißt, sei nicht nachzuweisen.

Am Ende verhängt die Amtsrichterin für Mohammed M. eine Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu 20 Euro wegen Körperverletzung. Auch sie spricht in der Urteilsverkündung von „Misshandlungen“, die die Ehefrau habe erleiden müssen. „Und das ganz sicher von Ihnen“, sagt die Richterin mit Blick auf den Angeklagten. Schwer wiege zudem, dass das Herunterziehen des Kopfes der Frau an den Haaren eine besondere Demütigung darstelle. „Und das alles in Gegenwart der verängstigten und weinenden Kinder.“

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