Polizei

Jeder zehnte Straftäter in Hamburg ist Flüchtling

Die Zahl der Polizeieinsätze in Flüchtlingsunterkünften ist in Hamburg im vergangenen Monat auf 190 zurückgegangen

Die Zahl der Polizeieinsätze in Flüchtlingsunterkünften ist in Hamburg im vergangenen Monat auf 190 zurückgegangen

Foto: André Zand-Vakili

Erstmals wurden derlei Zahlen für ein Quartal erfasst. Besonders schwere Straftaten bilden die Ausnahme. Die häufigsten Delikte.

Hamburg.  Mehr als zehn Prozent der im ersten Quartal in Hamburg ermittelten Straftäter sind Flüchtlinge. Das ergab die Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage des Bürgerschaftsabgeordneten Dennis Gladiator. „Erschreckend“ nennt der CDU-Innenpolitiker die Zahl. Exakt wurden 2252 der rund 21.000 in den ersten drei Monaten dieses Jahres ermittelten Tatverdächtigen als Flüchtlinge eingestuft. Die meisten durch sie begangenen Straftaten sind demnach Diebstähle, Vermögens- und Fälschungsdelikte sowie Körperverletzungen.

Schwere Straftaten sind die Ausnahme

Antragsteller auf Asyl, anerkannte Asylanten, abgelehnte Asylbewerber mit Duldung und sogenannte Kon­tingentflüchtlinge (die aus Krisenregionen im Rahmen internationaler Hilfe aufgenommen wurden) werden seit Dezember vergangenen Jahres erstmals im Zuge der Flüchtlingsdebatte in der Statistik gesondert erfasst. Deshalb gibt es keine Vergleichszahlen zu Vorjahren.

Herausgerechnet sind bereits Straftaten gegen das Asylverfahrensgesetz, die fast ausschließlich von Asylbewerbern begangen werden können. 681 Diebstähle, 502 Vermögens- und Fälschungsdelikte sowie 488 Körperverletzungen werden Flüchtlingen zugerechnet. Besonders schwere Straftaten wie Vergewaltigung (sieben Taten), Tötungsdelikte (ein Fall) oder Raub (39) sind die Ausnahme.

„Ich hatte zwar angenommen, dass die Zahl hoch ist. Das es aber so viele sind, damit hatte ich nicht gerechnet“, sagt der Bürgerschaftsabgeordnete Gladiator.

„Wir haben hier erstmals Zahlen, die auch nur ein Quartal widerspiegeln“, sagt Polizeisprecher Timo Zill. „Ein Teil der erfassten Tatverdächtigen dürfte, gerade im Zusammenhang mit Körperverletzungsdelikten, aus in Zentralen Erstaufnahmen begangenen Taten kommen. Das besondere Konfliktpotenzial in solchen Einrichtungen ist bekannt.“ Gerade hier habe sich die Situation entspannt. „Wir hatten im vergangenen Jahr in Spitzenzeiten etwa ein Prozent aller Polizeieinsätze in Zentralen Erstaufnahmen“, sagt Zill. Dieser Wert habe sich halbiert.

"Hamburg ist für Straftäter attraktiv"

Das gibt auch die neueste Statistik her. Demnach rückte die Polizei im vergangenen Monat zu 190 Einsätzen in Erstaufnahmen an. In Hochzeiten mussten 366 solcher Einsätze gefahren werden. Gleichzeitig ist die Zahl der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtungen in Hamburg auf 39 gestiegen. Das sind so viele wie nie zuvor. Rechnerisch gab es im vergangenen Monat 4,87 Einsätze je Einrichtung. Im Oktober sind es bei damals 26 Zentralen Erstaufnahmen noch rund 14,1 Einsätze pro Einrichtung gewesen.

Zill verweist auch darauf, dass viele der erfassten Tatverdächtigen unter den Flüchtlingen nicht in Hamburg untergebracht sind. „Hamburg bietet als Metropole viele Tatgelegenheiten und ist deshalb für Straftäter attraktiv.“ Das gelte aber auch für alle anderen Tatverdächtigen, die die Hamburger Polizei ermittele. Im vergangenen Jahr seien rund 40 Prozent von ihnen Auswärtige gewesen. „Wir werden uns die Entwicklung bei dem neu eingeführten Erfassungsmerkmal im Zusammenhang mit Flüchtlingen anschauen müssen“, sagt Zill. „Dann müssen wir die Lehren daraus ziehen.“

Perspektivlosigkeit und enttäuschte Erwartungen

Der Kriminologe und Sozialwissenschaftler Wolf Kemper von der Leuphana Universität in Lüneburg sieht die Gesellschaft vor großen Herausforderungen im Zusammenhang mit Flüchtlingen. Dafür gebe es vielfältige Gründe. Besonders verheerend können sich dabei Perspektivlosigkeit und enttäuschte Erwartungen auswirken. „Solche Enttäuschungen führen zu Frustration und Aggression“, so Kemper. „Besonders Jugendliche versuchen, durch Dominanz jeder Art ihr durch Flucht und Frustration beschädigtes Selbstwertgefühl zu kompensieren.

Dazu komme die fehlende soziale Kontrolle, die es selbst in durch Krieg und Terror heimgesuchten Heimatregionen gegeben hätte. „Gleichzeitig können die Bürger Deutschlands als Fremde wahrgenommen werden, für die keine soziale Verantwortung besteht“, sagt der Kriminologe. Viele Deutsche ignorieren die teilweise völlig anderen Mentalitäten. „In einigen Kulturen gilt beispielsweise, dass jeder nur so viel besitzen soll, wie er auch verteidigen kann“, sagt Kemper. Grundgerüste der Gesellschaft wie der Rechtsstaat würden teilweise völlig anders interpretiert. „Das bedeutet, dass die Konsequenzen auf Fehlverhalten nicht als abschreckend empfunden werden, Urteile in ihrer sozialen Komponenten unverständlich bleiben und von dem Angeklagten in letzter Konsequenz als Schwäche der Justiz bewertet werden.“

Bernd Krösser, Staatsrat der Innenbehörde, sieht die Probleme, aber auch die Möglichkeiten. „Wir werden die Entwicklung genau beobachten“, sagt er. „Unter den Flüchtlingen sind aber auch viele Menschen, die wir als Gesellschaft dringend brauchen.“ Das Wichtigste sei, sie in Arbeit zu bringen und ihnen so eine Perspektive zu geben.