Lokstedt

Wohnungswirtschaft fordert schnellere Bebauungspläne

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Oliver Schirg

2015 errichteten private Bauunternehmen in Hamburg mehr als 3000 Wohnungen. Doch schon bald könnte der Boom wegen fehlender Flächen und hoher Baukosten vorbei sein

Lokstedt. Wenn der Hamburger Wohnungsbau nach den Regeln der Börse funktionieren würde, hätte die private Wohnungswirtschaft am Donnerstag wohl den Daumen gesenkt. Die Ergebnisse des vergangenen Jahres sehen toll aus, auch der Ausblick auf 2017 und 2018 kann sich sehen lassen. Aber dann wird es schwierig. Es fehlen Flächen für neuen Wohnraum, und die Baukosten steigen und steigen – auch aufgrund staatlicher Eingriffe.

„Jetzt spiegelt sich das wider, was in den vergangenen drei Jahren angeschoben wurde“, sagte Sönke Struck, Hamburger Chef des Bundesverbands Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen. 2015 wurden 3011 Wohnungen fertiggestellt – 19,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Dabei halten sich Eigentums- und Mietwohnungen mit 52,4 zu 47,6 Prozent in etwa die Waage. Das Investitionsvolumen bezifferte der Verbandsvorsitzende mit mehr als 1,5 Milliarden Euro.

Kurzfristig sieht es nach den Worten von Struck ebenfalls gut aus. Für Hamburg liege die Zahl geplanter Wohnungen derzeit bei 5168, was dazu führen werde, dass „wir auch 2017 und 2018 sehr gute Fertigstellungszahlen im Wohnungsbau liefern können“.

Allerdings machte Sönke Struck keinen Hehl daraus, dass es schon in ein paar Jahren nicht mehr reichen werde, Wohnungen vor allem in der inneren Stadt zu errichten. „Wir brauchen eine Stadterweiterung. Ansonsten werden wir die Ziele von 2019 an nur schwer oder nicht erreichen können.“

Welche Flächen der privaten Wohnungswirtschaft vorschweben, dazu wollte Struck sich nicht äußern. Hamburgs Bauprojekte im Osten der Stadt werden zwar einen Schub geben, aber den bestehenden Druck auf den Wohnungsmarkt, der durch die normale Zuwanderung und die Geflüchteten auf der Stadt lastet, nicht abbauen. „Die Situation hat sich in den vergangenen zwölf Monaten dramatisch verschärft“, sagte der Verbandsvorsitzende.

Struck brachte den Kleinen Grasbrook – dort sollten im Zuge der Olympiabewerbung bis zu 6000 Wohnungen geschaffen werden – wieder ins Gespräch. „Das wäre nicht nur ein neuer Stadtteil, sondern diente auch dem Sprung über die Elbe.“ Aber auch Kleingartenflächen dürften nicht von vornherein ausgeschlossen werden, fügte der Verbandschef hinzu. Die Lösung, die man im Zusammenhang mit der Errichtung des Pergolenviertels in Barmbek gefunden habe, wäre eine gute Blaupause. Unweit der City Nord sollen auf ehemaligen Kleingartenflächen bis zu 1400 Wohnungen entstehen.

Heftige Kritik übten Struck und Bauunternehmer an dem bürokratischen Baurecht. Manche Bebauungsplanverfahren dauerten inzwischen bis zu fünf Jahre, sagte Stefan Wulff von der Otto Wulff Projektentwicklung GmbH. Üblicherweise sollte die Erarbeitung eines B-Plans nicht länger als zwei bis zweieinhalb Jahre in Anspruch nehmen, ergänzte Struck.

Peter Jorzick, geschäftsführender Gesellschafter bei Hamburg Team Projektentwicklung, forderte sogenannte Express-Bebauungspläne, mit denen innerhalb eines Jahres Baurecht geschaffen werden könne.

Mit Sorge betrachtet die private Wohnungswirtschaft den seit mehreren Jahren ungebremsten Anstieg der Baukosten. „Im frei finanzierten Wohnungsbau haben sich die Aufwendungen für den reinen Bau im vergangenen Jahr um zehn Prozent erhöht“, sagte Jan Petersen von der August Prien Bauunternehmung. Dieses Jahr würden mindestens sechs Prozentpunkte hinzukommen, wenn die neue Energieeinsparverordnung in Kraft trete.

Neben den umfangreichen Dämmschutzarbeiten sei umfangreiche Haustechnik inzwischen ein Kostentreiber, fügt Stefan Wulff hinzu. Elektroanlagen seien im vergangenen Jahr zwischen 30 und 40 Prozent teurer geworden. Problematisch sei, dass es bei den Herstellern von Rohrsystemen und Heizungsanlagen kaum einen Markt gebe. Man werde alle drei Monate mit Preiserhöhungen konfrontiert.

Nicht zuletzt sei die moderne Technik anfällig, was für die Mieter oder Wohnungseigentümer später zusätzliche Nebenkosten bedeute. Auch der erhöhte Stromverbrauch aufgrund rund um die Uhr laufender Pumpen und Lüftungssysteme sei nicht zu unterschätzen, sagte Wulff.

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