Kampnagel

Digitalkonferenz: Bewundertes, böses Silicon Valley

| Lesedauer: 5 Minuten
Jens Meyer-Wellmann
"Wir wollten doch mit dieser neuen Technologie die Welt retten", sagte Lena Schiller Clausen, Autorin und Mitbegründerin des betahauses

"Wir wollten doch mit dieser neuen Technologie die Welt retten", sagte Lena Schiller Clausen, Autorin und Mitbegründerin des betahauses

Foto: Andreas Laible / HA

Digitalkonferenz Bucerius Lab auf Kampnagel reibt sich an der „kalifornischen Herausforderung“. Fortsetzung am Sonnabend.

Hamburg. Dieses endlose Philosophieren über die Digitalisierung erscheint ja manchmal schon wie lauer Kaffee von Anno Tobak, vieles hat man schon gehört, aber das hier ist doch neu und überraschend – und dabei fast niedlich. Da hat sich das Bucerius Lab der „Zeit“ als neue Digitalkonferenz das Motto „Die kalifornische Herausforderung“ ausgesucht, aber all die prominenten Start-Redner definieren sich plötzlich erst einmal ganz vehement als Europäer. Netz-Pionierin Mercedes Bunz, derzeit Professorin in London, betont zum Beispiel, dass wesentliche Teile der Internettechnologie in Großbritannien und nicht in den USA entwickelt wurden.

Richard Barbrook, britischer Autor des richtungsweisenden Buchs „The Californian Ideology“ von 1995, behauptet, dass der ganze Hype ums Silicon Valley vor allem einer amerikanischen PR-Strategie entspringe. Da werde eine Story von privater Kreativität erzählt, aber immer verheimlicht, dass nur massive staatliche Subventionen aus Kalifornien das gemacht hätten, was es heute ist. Und Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger stellt fest, dass Facebook-Gründer Zuckerberg viel Unsinn rede – etwa, wenn er den Datenschutz für passé erkläre.

Diese Entmystifizierung des Silikon-Tals soll aber wohl nur der Auftakt sein, um sich bei dieser zweitägigen Veranstaltung auf Kampnagel selbst auf eine (europäische) Suche nach Lösungen für all die Herausforderungen zu machen, die die Neuland-Zeiten mit sich bringen. „In welcher digitalen Welt wollen wir leben“, lautet denn auch die Grundfrage, die Michael Göring, Chef der „Zeit“-Stiftung, zur Eröffnung formuliert – in der Hoffnung auf einen „konstruktiven Dialog“.

„Wir wollten doch die Welt retten“

Der Grund, warum sich viele Redner um eine Entzauberung Kaliforniens bemühen, wird schnell klar: Hier tobt sich der neue Kapitalismus ungezügelt aus. Einerseits werden neue Formen der Ausbeutung digital organisiert. Andererseits häufen Digitalunternehmer maßlosen Reichtum an.

„Wir wollten doch mit dieser neuen Technologie die Welt retten“, sagt Lena Schiller Clausen, Autorin und Mitbegründerin des betahauses. „Aber plötzlich ist das alles so wirtschaftlich.“ Plötzlich werden Menschen zu Milliardären, indem sie mit unseren Daten handeln. Wo bleibt da das Gute? Das Problem, so Schiller Clausen: Der Kapitalismus sei zwar der Motor von Fortschritt und Wohlstand, er stifte auch Sinn, allerdings habe er eine große Charakterschwäche: „Er fördert unfassbare Ungerechtigkeit.“ Das aber habe ja nichts mit digitaler Technologie zu tun, sondern mit den Menschen.

Auch Mercedes Bunz ist bemüht, die per se neutrale Technik gegen Auswüchse des menschlichen Wirtschaftens in Schutz zu nehmen. „Die Technik ist nicht verantwortlich für die fiese kapitalistische Logik“, sagt Bunz. Dabei verweist sie auf die besonders kritische Grundhaltung der Deutschen gegenüber dem Digitalen – die möglicherweise nicht immer automatisch hilfreich ist. Denn wer immer auf Distanz bleibt, kann das Neue schließlich auch nicht mitgestalten.

Ein wenig transportiert diese tiefe Skepsis auch die Wiener Wirtschaftsprofessorin Sarah Spiekermann, die am vehementesten eine Distanzierung vom „schlechten kalifornischen Menschenbild“ fordert. Nicht jede neue Technologie sei gut, bloß weil sie neu sei, so Spiekermann. Man müsse sich darauf besinnen, dass nur die Technik gut sei, die dem Menschen diene.

Bucerius Lab geht Sonnabend weiter

Den vielleicht faszinierendsten Vortrag am ersten Tag hält Viktor Mayer-Schönberger zum Thema Ethik und Big Data. Zwischen 1987 und 2007 habe sich die Datenmenge auf der Welt verhundertfacht, in 50 Jahren nach Erfindung des Buchdrucks nur verdoppelt, so Mayer-Schönberger. Mit Big Data ließen sich Leben retten (durch Infektionsvorhersagen oder Epidemie-Prognosen mit der Auswertung von Google-Suchanfragen). Es ließen sich aber auch Leben kaputt machen (wenn Menschen etwa mit prognostizierbaren Krankheiten keine Versicherungen mehr bekämen oder laut Datenanalyse schlechte Fahrer keinen Führerschein).

Schon heute würden 30 US-Staaten vor der Entlassung von Straftätern Big-Data-Analysen nutzen, um die Warscheinlichkeit erneuter Straffälligkeit zu checken, so Mayer-Schönberger. Auch in Europa setze die Polizei auf Datenauswertung, um vorherzusehen, wo die nächsten Verbrechen zu erwarten seien. „Solidarpools“ wie Versicherungen seien mit Big Data kaum noch kompatibel. Denn wer schlechte Prognosen in Sachen Gesundheit aufweise, der bekomme keine bezahlbare Versicherung mehr – und wer eine gute Prognose habe, der brauche keine.

Aus seiner Sicht gebe es nur eine Lösung, um Big Data und Ethik unter einen Hut zu bringen, so der Oxford-Professor: staatliche Regulierung. Wir müssten uns entscheiden, „in einigen Bereichen unwissend zu bleiben“, etwa beim Thema Krankheiten oder Lebenserwartung. Datenschutz sei und bleibe „ein fundamentales Menschenrecht“. Menschen seien in ihrer „Originalität, Kreativität und Irrationalität“ ganz anders als Maschinen, so Meyer-Schönberger. „Wir müssen für uns einen Platz finden oder selbst schaffen und ihn für die Zukunft bewahren.“

Am Sonnabend geht das Bucerius Lab auf Kampnagel um 11 Uhr mit einem Vortrag von Sascha Lobo weiter. Mit dabei: Heinz Bude, Malte Spitz, Johnny Haeusler. Der Eintritt ist frei. Internet: www.buceriuslab.de.

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