Hamburg

Durch Pillen vergiftet: Intensivstation nach Wellness-Kur

Foto: Luca Tettoni / dpa / picture alliance

Mehrere Vergiftungen in Hamburg durch Medikamente im Rahmen von Ayurveda-Kuren in Sri Lanka. Eine Frau wäre fast gestorben.

Hamburg.  Wer sich mit der Ayurveda-Medizin behandeln lässt, erwartet eine sanfte Heilkunde ohne Nebenwirkungen. Doch jetzt sind in Hamburg mehrere Fälle von Vergiftungen bekannt geworden, die im Rahmen von Ayurveda-Kuren in Sri Lanka ausgelöst wurden. Eine Frau war dadurch so schwer erkrankt, dass sie fast gestorben wäre. Sie wurde in der Asklepios-Klinik Barmbek eine Woche auf der Intensivstation behandelt. „Die Menschen fahren zu einer Wellness-Behandlung mit Massagen, besonderem Essen und Ölaufgüssen. Im Rahmen dieser Behandlung erhalten sie auch Tabletten“, sagt Privatdozent Dr. Tobias Meyer, Chefarzt der Abteilung für Nephrologie, Diabetologie und Dialyse in der Asklepios-Klinik Barmbek, der die schwerkranke Patientin behandelt hat.

Diese Tabletten werden laut Meyer bei der Kur nach einer Einschätzung der Persönlichkeit verordnet: „Damit werden Persönlichkeitstypen behandelt, die als aktiv und nervös eingeschätzt werden, und die Pillen sollen beruhigend wirken.“ Die schwerkranke Patientin war Ende August in die AK Barmbek eingeliefert worden, nachdem sie vier Monate diese ayurvedischen Medikamente eingenommen hatte. „Sie hatte eine schwere Quecksilber- und Bleivergiftung. Wir haben eine Weile gebraucht, um das herauszufinden, denn solche Vergiftungen sind in Deutschland sehr selten“, sagt Meyer.

Die Frau hatte stärkste nervliche Symptome, die auf die Quecksilbervergiftung zurückzuführen waren. Sie konnte nicht mehr laufen, hatte ein starkes Zittern der Hände und konnte Bewegungen ihres Kopfes, ihrer Arme und Beine nicht mehr richtig steuern. Außerdem hatte die Patientin Organschäden, vor allem an den Nieren, und einen starken Mangel an Natrium im Blut. „Weil dieser Mangel lebensbedrohlich war, musste sie eine Woche auf der Intensivstation behandelt werden, bis sich der Natriumspiegel wieder normalisiert hatte“, sagt Meyer. Insgesamt lag die Patientin sieben Wochen in der AK Barmbek.

Medikamente entfernen Schwermetalle aus Blut

„Jetzt ist sie seit mehreren Wochen in der Reha und kann wieder laufen, auch das Zittern der Hände ist verschwunden. Aber sie hat noch starke psychische Probleme. Ob sich die Nervenschäden wieder vollständig zurückbilden, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Denn zerstörte Nervenzellen können sich nicht wieder regenerieren“, erklärt Meyer.

Um die Schwermetalle wieder aus dem Körper der Patientin zu entfernen, haben die Ärzte sogenannte Chelatbildner eingesetzt. Das sind Medikamente, die die Schwermetalle im Blut binden und dann über die Nieren ausgeschieden werden. „Mit diesen Medikamenten kann man aber nur die Schwermetalle aus dem Körper entfernen, die sich noch im Blut befinden. Sind sie von dort bereits in die Körperzellen gewandert, haben wir keine Möglichkeit mehr, sie dort wieder herauszuholen“, sagt Meyer.

Der Nephrologe hat die ayurvedischen Pillen analysieren lassen, die die Patientin eingenommen hat: „Sie enthielten die 560-tausendfache Quecksilberkonzentration des Grenzwertes, der in der Europäischen Union zugelassen ist. Der Internist geht nicht davon aus, dass es sich dabei um ein Versehen handelt: „Denn die ayurvedische Medizin setzt seit Jahrhunderten Schwermetalle zur Therapie ein. Von den Therapeuten wird dann gesagt: ,Ja, wir setzen Schwermetalle ein, aber diese wurden durch komplizierte Prozesse unschädlich gemacht.’ Aber das stimmt leider nicht, weil es chemisch nicht möglich ist, Schwermetalle vollständig zu neutralisieren.“ Eine andere untersuchte Pille aus Sri Lanka enthielt sogar eine 2,3-millionenfach erhöhte Konzentration von Quecksilber.

Chefarzt Meyer warnt vor Pillen

Dass erst jetzt solche Vergiftungen bekannt werden, liegt nach seiner Meinung daran, dass die meisten Menschen diese Medikamente nur kurzzeitig einnehmen und nicht, wie in diesem besonders schweren Fall, über mehrere Monate. Er geht aber von einer hohen Dunkelziffer aus. „Wahrscheinlich werden viele Patienten mit Schwermetallen behandelt, setzen sie aber wieder ab, wenn es ihnen nicht gut geht. Und dann werden die Substanzen langsam wieder abgebaut.“ In den USA seien 2008 in einer Studie 20,7 Prozent von 230 im Internet bestellten Ayurvedamedikamenten mit Schwermetallen belastet gewesen. Meyer empfiehlt daher, bei Ayurvedakuren in Sri Lanka die angenehmen Behandlungen mitzumachen, aber auf keinen Fall die Pillen einzunehmen.

Nachdem der Fall der schwerkranken Patientin bekannt geworden war, erhielt der Nephrologe viele Anfragen. „Nachweisen konnten wir die Vergiftung bislang bei insgesamt drei Patienten in Hamburg, wobei die anderen beiden nur leichte Vergiftungserscheinungen hatten“, sagt Meyer. Außerdem seien ihm auch mehrere Fälle aus dem Kölner Raum bekannt.