Unfälle durch Smartphone

Darum liegt die Gefahr im Straßenverkehr auf der Hand

Vor allem junge Radfahrer lesen beim Fahren auf dem Handy

Vor allem junge Radfahrer lesen beim Fahren auf dem Handy

Foto: picture alliance

Die Geräte führen zu mehr Unfällen. Vor allem junge Fahrer und Fußgänger sind oft abgelenkt. Die Polizei ist machtlos.

Hamburg.  Patrick S. verlor die Kontrolle durch einen kurzen Blick nach unten. Der 24-Jährige treibt seinen VW Polo an einem Vormittag im Juli über die Ostfrieslandstraße in Finkenwerder, das Handy ist über ein Kabel mit der Musikanlage verbunden, als der Klang plötzlich verebbt. Patrick S. streckt eine Hand nach unten, frickelt nach dem Stecker. Plötzlich schlägt das linke Vorderrad gegen eine Verkehrsinsel, der Wagen überschlägt sich. Pa­trick S. wird leicht verletzt, der Polo ist Schrott, nur durch Glück war zur Unfallzeit kein Fußgänger in der Nähe.

Unfälle wie diese sind für die Ermittler der Polizei inzwischen Alltag. „In einem Handy steckt mit WhatsApp, Musikplayer, Spielen und dem regulären Telefon eine neuartige Ansammlung verschiedenster Gefahrenquellen. Das bereitet uns zunehmend Sorgen“, sagt Ulf Schröder, Leiter der Verkehrsdirektion Hamburg. Knapp 40 Prozent der Unfälle, die bundesweit durch abgelenkte Verkehrsteilnehmer entstehen, gehen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen auf das Konto der Handynutzung. Radfahrer und Fußgänger griffen dabei ebenso häufig zu den Geräten wie Autofahrer. Auch die Beeinträchtigung der Reaktionszeit durch das Handy ist bei allen Verkehrsteilnehmern gleich drastisch. „Jede Situation, in denen der Blick nicht auf das Straßengeschehen und stattdessen auf einen Bildschirm gerichtet ist, führt zwangsläufig zu einer Gefahr“, sagt Prof. Michael Schreckenberg, Physiker und Verkehrsforscher an der Universität Duisburg-Essen.

Wer bei 50 Stundenkilometern Geschwindigkeit auf sein Handy schaut, begibt sich nach amerikanischen Studien für eine Strecke von 70 Metern in den Blindflug. Das Tippen auf dem Bildschirm, etwa zum Schreiben einer SMS, vermindert zudem die Reaktionsgeschwindigkeit wie zwei hastig getrunkene Halbliterflaschen Bier, entspricht nach amerikanischen und deutschen Studien zwischen 0,8 und 1,3 Promille Alkohol im Blut.

Die Verkehrsverbände haben das Problem längst erfasst, versuchen an ihre Mitglieder zu appellieren. Insbesondere für viele junge Erwachsene ist der wiederholte Blick auf das Smartphone selbstverständlich. „Unsere Befragungen zeigen, dass jeder dritte junge Autofahrer am Steuer freimütig zugibt, sich auch unterwegs mit dem Handy zu beschäftigen“, sagt Christian Hieff vom ADAC. Der Anteil liegt somit bis zu zehnmal höher als in der Gesamtmasse der Autofahrer, von denen sich nach einer Studie der Dekra bislang nur jeder 30. am Steuer vom Handy ablenken lässt.

Der Verkehrsforscher Michael Schreckenberg geht davon aus, dass sich dieser Anteil weiter erhöhen wird. „Neben der Tatsache, dass die stark von Smartphones geprägte junge Generation den Straßenverkehr immer mehr dominieren wird, ist auch für ältere Menschen die Nutzung von Apps bereits die Regel“, sagt Schreckenberg. Der technische Fortschritt tue sein Übriges. „Der Trend geht dahin, überall und immer mehr zu kommunizieren, auch mit dem eigenen Fahrzeug. Elek­tronik wird sich immer weiter an der Spitze der Gefahren etablieren“, sagt Schreckenberg.

Der Polizei bleiben dagegen nur präventive Maßnahmen, bei der Ahndung der Handyvergehen sind den Beamten dagegen oft die Hände gebunden. Selbst wenn ein Smartphone bei einem Unfallauto auf dem Beifahrersitz gefunden wird, benötigen die Ermittler zur Überprüfung einen konkreteren Verdachtsmoment.

Die Erlaubnis für Ermittler, ein Smartphone in Beschlag zu nehmen und nach der letzten Aktivität des Besitzers zu schauen, unterliegt bundesweit einem Richtervorbehalt. „Wir können die Ablenkung durch ein Handy meist nur nachweisen, wenn es ein Fahrer hinterher selbst zugibt“, heißt es von Polizeibeamten.

Erstmals sollen in naher Zukunft bundesweite Statistiken der Polizei dazu entstehen, für wie viele Unfälle der Handy-Missbrauch verantwortlich ist. Die bisherige Schätzung von bundesweit 300.000 Unfällen im Jahr, davon 8200 in Hamburg, könnte sich als zu niedrig erweisen. „Wir brauchen Antworten auf eine veränderte Welt des Straßenverkehrs“, sagt der Direktionsleiter Schröder. „Und ein stärkeres Bewusstsein dafür, was ein blinkender Bildschirm alles anrichten kann.“