Harvestehude

„Lasst uns helfen, verdammt noch mal!“

Fast 400 Anlieger nehmen an öffentlicher Diskussion zur geplanten Flüchtlingsunterkunft Sophienterrasse teil. Viel Zustimmung, aber auch Zweifel am neuen Bebauungsplan

Harvestehude. Draußen gab es Blitz und Donner, aber auch drinnen war die Atmosphäre aufgeheizt: Am Dienstagabend trafen Befürworter und Skeptiker einer geplanten Flüchtlingsunterkunft im feinen Stadtteil Harvestehude zusammen. „Wir wollen endlich helfen“, rief eine Anwohnerin, während ein anderer Bürger die viel zu hohen Kosten ins Spiel brachte.

Es geht mal wieder um die Sophienterrasse 1a, früher Sitz des Kreiswehrersatzamtes und einst Zentrale des Esso-Konzerns. Nach zwei gescheiterten juristischen Auseinandersetzungen streben jetzt das Bezirksamt Eimsbüttel und die Hansestadt einen neuen Bebauungsplan an (das Abendblatt berichtete). Mit einer Änderung des Planungsrechts sollen frühestens in einem Jahr in dem maßvoll umgebauten Gebäudekomplex 200 Flüchtlinge untergebracht werden. Rund 380 interessierte Bürger waren in die Aula des Wilhelm-Gymnasiums gekommen, bevor ein Gewitterguss Sturzbäche auslöste.

Kay Gätgens, Leiter des Fachamtes für Stadt- und Landschaftsplanung, stellte zunächst die neuen Pläne vor. Zuvor aber appellierte er an die Verantwortung von Harvestehude, nunmehr Flüchtlinge aufzunehmen. Im Sinne einer fairen Verteilung müsse es auch in diesem Stadtteil eine Flüchtlingsunterkunft geben, betonte er.

Kaum hatte Gätgens diesen Satz beendet, brandete Beifall mit Bravorufen auf. Es schien, als seien die Befürworter einer zügigen Unterbringung von Flüchtlingen bei der öffentlichen Plandiskussion in der Mehrheit. Andere äußerten eher ihre Zweifel, ob das neue Vorgehen juristisch vor Gericht bestehen werde.

Missstimmung, aber auch Beifall löste die Wortmeldung eines Studenten der Sozialökonomie aus. Es gebe keinen Grund, den Bau zu verhindern, erklärte er in einer persönlichen Stellungnahme. Den „Rassisten“ dürfe nicht das Feld überlassen werden. Was einige der Zuhörer mit dem Satz „Das ist eine Frechheit“ quittierten.

Eine Anwohnerin hatte den wohl stärksten Applaus auf ihrer Seite, als sie beteuerte: „Wir wollen unsere Bürgerpflicht erfüllen und den Flüchtlingen unsere Hand reichen. Das kalte Herz soll weich werden. Lasst uns helfen, verdammt noch mal!“

Ein Anwohner brachte danach finanzielle Bedenken ins Spiel. Jede einzelne Wohnung an der Sophienterrasse koste eine bis 1,5 Millionen Euro. Insgesamt seien das 20 bis 30 Millionen Euro. „Es wäre doch viel besser, das Geld anderswo zu investieren, wo mehr Wohnraum geschaffen werden kann.“ Die Stadt, regte der besorgte Bürger an, sollte doch dafür lieber Wohnungen für Flüchtlinge in Rahlstedt und Wandsbek kaufen. Fachamtsleiter Gätgens verteidigte die Entscheidung und fügte hinzu, dass die Sophienterrasse 1a „über Jahre“ hinweg eine Flüchtlingsunterkunft sein solle.

Vor der Plandiskussion, die bis zum Redaktionsschluss andauerte, hatten die Bürger die Möglichkeit, das Gebäude an der Sophienterrasse zu besichtigen. Gut 70 interessierte Anwohner hätten das Angebot genutzt, sagte Rembert Vaerst, Geschäftsführer von Fördern & Wohnen, dem Abendblatt.

Aus welchen Regionen der Welt die Flüchtlinge in die geplante Unterkunft kommen werden, sei derzeit noch unklar. Vorgesehen sei dort eine Folgeunterbringung vor allem von Familien. Bezirksamtschef Torsten Sevecke (SPD) setzt auf Rechtssicherheit und darauf, dass der Bezirk im ersten Quartal nächsten Jahres die Baugenehmigung erteilen kann.