Online-Markt

Zeitschrift „Ökotest“: Ein Hamburger testet für China

Thomas Böwer (rechts) und seine jungdynamische
Pekinger „Ökotest“Redaktion:
Die Online-Plattform
will 40 Millionen Kunden gewinnen

Thomas Böwer (rechts) und seine jungdynamische Pekinger „Ökotest“Redaktion: Die Online-Plattform will 40 Millionen Kunden gewinnen

Foto: Ökotest China

Thomas Böwer hat mit der Medienholding der SPD die Zeitschrift „Ökotest“ auf den chinesischen Online-Markt gebracht.

Hamburg/Peking. Wenn es gut läuft, und das kann ja auch mal sein, dann geht im Leben angeblich immer eine neue Tür auf, sobald eine alte sich geschlossen hat. Bei Thomas Böwer haben sich vor ein paar Jahren ziemlich viele Türen ziemlich schnell hinterein­ander geschlossen.

2007 räumte er den Posten des Geschäftsführers der vom „Roten Reeder“ Peter Krämer ins Leben gerufenen Hamburger Gesellschaft zur Förderung von Demokratie und Völkerrecht. Er heuerte als Projektmanager beim Schiffsfinanzierer Lloyd Fonds an und verlor im Zuge der Finanzkrise auch diesen Job. Und dann, und das war vielleicht das Schlimmste für einen wie Böwer, ging 2011 auch noch sein Bürgerschaftsmandat flöten: Weil er in Niendorf antrat, gemäß neuem Wahlrecht aber nach einem Umzug sein neuer Wohnort Eidelstedt auf dem Wahlzettel stand, rutschte Böwer in der Gunst der Wähler auf Platz 3 des Wahlkreises und raus aus der Bürgerschaft. Und das ihm – einem politischen Tier, Querdenker und Parlaments-Trüffelschwein, einem, der die Kita-und Jugendpolitik maßgeblich mitbestimmt und den Senat mit klugen und fiesen Anfragen getriezt hatte wie kein anderer.

Ende Februar 2011 waren plötzlich alle Türen hintereinander zugefallen im Leben des gebürtigen Münsteraners, der immerhin eine Frau, fünf Kinder und zwei Hunde zu versorgen hat. Aber siehe da: Es ging tatsächlich eine neue auf. Und zwar im Restaurant Deichgraf in der Hamburger Innenstadt, irgendwann im April 2011.

Damals traf sich Böwer zum Mittagessen mit Jens Berendsen, dem Geschäftsführer der SPD-Medienholding DDVG. Gemeinsam heckten die beiden Genossen einen verwegenen Plan aus: die mediale Eroberung des Reichs der Mitte mithilfe der Zeitschrift „Ökotest“. Die gehört bekanntlich mehrheitlich der DDVG und testet Lebensmittel und andere Produkte des täglichen Lebens auf gesundheitliche Verträglichkeit. Und, na klar, liegt ja quasi auf der Hand: Nirgends wird eine unabhängige Publikation für ökologische Tests heute mehr gebraucht als in China.

„Die Lebensmittel- und Produktsicherheit ist in China mittlerweile zum Thema Nr. 1 neben dem Umweltschutz geworden“, sagt Thomas Böwer. „Vor 30 Jahren waren die meisten Menschen hier bitterarm. Mittlerweile gibt es eine Mittelschicht von geschätzt 400 Millionen Menschen, die laut McKinsey ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 20.000 Dollar haben. Bis zum Jahr 2022 wird diese Gruppe auf 750 Millionen Menschen anwachsen.“ Gerade die großstädtisch geprägte Mittelschicht habe großes Interesse an ökologisch einwandfreien Produkten.

Nach dem Mittagessen im Deichgraf vom Frühjahr 2011 nahm das Projekt schnell Fahrt auf – und viele Leute stießen dazu. Mehrere in Hamburg lebende Chinesen und die Anwaltskanzlei Freshfields bereiteten schon bald das chinesische Abenteuer zusammen mit der DDVG vor. Thomas Böwer selbst pendelte immer häufiger zwischen Hamburg und Peking.

Nur eines stört den Hamburger Genossen neuerdings in Peking

Irgendwann gelang es, mit dem erst 34 Jahre alten Luo Changping einen in China hoch angesehenen Investigativ-Journalisten als Chefredakteur für „Okoer“ zu gewinnen, wie „Ökotest“ in China heißt. Der sorgte für eine radikale Planänderung: Weil man mit gedruckten Zeitschriften nicht mehr weit komme, auch wegen der staatlichen Zensur, solle man allein auf digitale Verbreitung setzen, schlug er vor – und setzte sich durch. Mittlerweile arbeiten 30 junge Journalisten und IT-Experten in der „Okoer“-Redaktion im Pekinger Stadtteil Sanlitun.

Am 15. Mai ging das Portal an den Start – unter großer medialer Aufmerksamkeit und mit guten Ergebnissen, wie Böwer sagt, der mittlerweile offiziell Chief Financial Officer (CFO) von „Okoer“ in China ist – und damit auch zuständig für das Geschäftsmodell.

„In der Startphase sind die Tests frei abrufbar, aber demnächst werden wir eine Paywall einziehen“, erklärt er das Prinzip. „Ein Artikel wird acht Yuan, umgerechnet rund 1,20 Euro, kosten. Die Zahl 8 ist in China eine Glückszahl.“ Das Geld werde, wie in China üblich, direkt über das chinesische Bezahlsystem AliPay eingezogen, einem chinesischen Äquivalent von Systemen wie PayPal. „Weitere Einnahmen wollen wir über Werbung, Veranstaltungen zum Verbraucherschutz und die Beratung von chinesischen Unternehmen generieren“, so Böwer, der nach mehreren Jahren des Pendelns und des Lebens im Hotel nun seit Januar durchgehend in Peking arbeitet und eine Wohnung hat.

„Für mich ist das Ganze eine große Herausforderung, ein großes Abenteuer und zugleich eine große Horizonterweiterung“, sagt der 55-Jährige. „Wenn wir hier in China erfolgreich sind, wollen wir in ähnlicher Weise auf andere große Märkte gehen, etwa nach Indien und Lateinamerika.“

Zunächst aber muss der Erfolg in China her. „Bisher sind wir sehr zufrieden mit dem Start. Als Zielmarke wollen wir in drei Jahren 40 Millionen Unique User erreichen und an uns binden – das sind zehn Prozent der aktuellen Mittelschicht“, so Böwer, der sich mittlweile in Peking sehr wohl fühlt.

„Ich komme sehr gut mit dem Leben hier zurecht. Mein Feierabendbier trinke ich oft in Schindlers Tankstelle, einer Kneipe, die der frühere DDR-Militärattaché 1990 aufgemacht hat, weil er nicht nach Deutschland zurückwollte.“ Auch die Luft in Peking sei gar nicht so schlecht, wie immer behauptet werde. „Das Einzige, das mich stört: Peking hat gerade ein sehr strenges Rauchergesetz erlassen, strenger als das deutsche“, sagt der emigrierte Genosse. „Deswegen muss ich jetzt immer raus aus klimatisierten Räumen und meine ,Double Happiness‘ auf der Straße rauchen. Bei zurzeit über 30 Grad.“ Böwers chinesisches Glück aber kann das nicht schmälern. Vermutlich sind die Pekinger Kippen ja „Okoer“-getestet ...