Hamburger Geschichte

„Old P.“ – Hamburgs Mann der Stunde null

Vor 70 Jahren wurde unter der britischen Besatzung Rudolf Petersen erster Senatschef nach dem Krieg. Das erwies sich als Glücksfall.

Eigentlich wollte Rudolf Petersen nicht Hamburgs Erster Bürgermeister werden. Als er am 12. Mai 1945 – der Krieg war in Hamburg seit neun Tagen zu Ende – gefragt wurde, ob er das Amt übernehmen wolle, sträubte er sich. Zunächst war er lediglich bereit, den Vorsitz der Handelskammer oder den Posten des Senators für Handel, Schifffahrt und Gewerbe zu übernehmen. Doch dann gab der 66-Jährige nach.

Die Suche nach einem neuen Senatschef war von Colonel Harry William Hugh Armytage, dem Chef der englischen Militärregierung in Hamburg, ausgelöst worden. Der britische Offizier hatte am 11. Mai 1945 alle Leiter der Verwaltung in den Senatssitzungssaal des Rathauses bestellt und nach kurzer Ansprache den größten Teil von ihnen entlassen.

Verschont wurden jene Senatsmitglieder, die nicht in der NSDAP gewesen oder ihr erst 1937 beigetreten waren. Dazu gehörten Sozialsenator Oskar Martini und Stadtkämmerer Bernhard Hieronymus Velthuysen. Ihnen befahl Armytage, bis zum 12. Mai, 16 Uhr, eine Person vorzuschlagen, die das Bürgermeisteramt übernehmen könne. Voraussetzung für die Auswahl war, dass diese Person eine unabhängige Persönlichkeit mit Beziehungen zu England sein musste. Zudem sollte sie die englische Sprache beherrschen und kein Parteigenosse gewesen sein.

Martini und Velthuysen fragten in der Gauwirtschaftskammer, der späteren Handelskammer, nach. Diese präsentierte zwei Vorschläge: einen Rechtsanwalt und Rudolf Petersen. Da gegen den Rechtsanwalt Bedenken wegen der politischen Einstellung seiner Familie erhoben worden seien, sei Petersen gefragt worden, schreibt der Historiker Hartmut Hohlbein.

Wichtig dürfte die Rolle der Familie Petersen in Hamburgs Geschichte gewesen sein. Rudolf Petersens Großvater Carl Friedrich war 1876 zum Ersten Bürgermeister Hamburgs gewählt worden. Sein Bruder Carl Wilhelm übte das Amt zwischen 1924 und 1930 sowie von 1932 bis März 1933 aus.

Den Titel „Oberbürgermeister“ lehnte Petersen ab

Der 1878 geborene Rudolf Petersen galt als die Verkörperung eines hanseatischen Großkaufmanns. 1911 gründete er die Überseehandelsfirma R. Petersen & Co. Petersen. Er war Chef des Hamburger Exportvereins und des Verbandes für Groß- und Überseehandel. Bis 1933 saß er dem Verband deutscher Exporteure vor. 1933 verlor Petersen seine Ehrenämter, da seine Mutter Anna-Maria Behrens den NS-Rassengesetzen zufolge als Jüdin galt. Petersen war mit Olga Sieveking, der Tochter des Oberlandesgerichtspräsidenten Ernst Friedrich Sieveking, verheiratet.

Nachdem Rudolf Petersen eingewilligt hatte, das Bürgermeisteramt zu übernehmen, wurde er am 14. Mai 1945 als „Vorsitzender des Verwaltungsausschusses“ eingesetzt. Am 15. Mai erfolgte seine Ernennung zum Ersten Bürgermeister. Allerdings wollten die Engländer ihm den Titel „Oberbürgermeister“ verleihen, was Petersen jedoch ablehnte.

Seine Antrittsrede hielt Petersen, den die Engländer „Old P.“ nannten, vor den beiden im Amt verbliebenen Senatoren und mehreren Spitzenbeamten. Er hatte darauf beharrt, sich den Senat nach eigenen Vorstellungen zusammenzustellen. Daher suchte er Kontakt zu dem früheren sozialdemokratischen Bürgerschaftsabgeordneten und ehemaligen Polizeisenator Adolph Schönfelder. Auch dieser zögerte zunächst. Erst nachdem eine gerade zufällig im Gewerkschaftshaus tagende Versammlung von Arbeitern, die der Sozialistischen Freien Gewerkschaft angehörten, zustimmten, trat Schönfelder dem Senat bei.

Kurt Sieveking leitete die Senatskanzlei und war Petersens engster Mitarbeiter

Petersen erkannte früh die Bedeutung vertrauensvoller Beziehungen zu den englischen Truppen. Mehrere Wochen lang erschien er jeden Morgen bei Colonel Armytage, um Dinge zu besprechen, Bericht zu erstatten oder Befehle entgegenzunehmen. „Petersen berichtete später, dass, nachdem Army­tage Vertrauen zu ihm gefasst hatte, seine Entscheidungsfreiheit ständig größer geworden sei“, so Hohlbein. Hamburgs späterer Bürgermeister Kurt Sieveking war in jenen Tagen als Chef der Senatskanzlei Petersens engster Mitarbeiter. „Von der Rettung eines Hauses vor der Beschlagnahme bis zum Nachweis einer Ehefrau oder eines Schäferhundes für einen Angehörigen der Besatzung gab es nichts, womit wir uns nicht befasst hätten“, heißt es in den Erinnerungen von Sieveking.

Die Briten hatten dem Senatschef eine beachtliche Machtfülle übertragen. Er entschied über Stromkürzungen, über Kohlenversorgung oder über die Verteilung von Lebensmitteln. „Es war erstaunlich, wie Bürgermeister Petersen sofort das Wesentliche erfasste und prompt seine Entscheidungen traf“, so Sieveking. „Natürlich griff er in einzelnen Fällen fehl – wem geschähe das nicht.“ Aber das sei verzeihlich gewesen angesichts der Energie, „mit der er immer wieder Probleme anpackte“.

Allerdings erwarb Petersen sich auch die Achtung der Briten. „Den Engländern imponierten sein akzentfreies Englisch, das trotz dieser beispiellosen Niederlage ungebrochene Selbstbewusstsein des hanseatischen Kaufmanns, der zwar nicht zu den Verfolgten des NS-Regimes gehörte, aber auch nicht mit den Nazis paktiert hatte, und die pragmatische Zähigkeit, mit der er sein Amt ausfüllte“, schreiben Uwe Bahnsen und Kerstin von Stürmer in „Die Stadt, die leben wollte“.

Sieveking wiederum sprach vom „zähen Kampf mit dem englischen Commander“, wobei Petersen mehr und mehr die Achtung der Gegenseite gewonnen habe. „Er war der Kaufmann, der gewohnt ist, unabhängig zu denken, zu entscheiden, und doch weiß, sich rechtzeitig anzupassen; er war der Träger eines bekannten Namens und der Hamburger Tradition.“ Rudolf Petersen übte das Amt des Ersten Bürgermeisters bis 15. November 1946 aus und wurde von Max Brauer abgelöst. Petersen starb am 10. September 1962 in Wentorf bei Hamburg.