Gott und die Welt

Wenn die Maikäfer wieder fliegen …

Pastor Hinrich C.G. Westphal

Pastor Hinrich C.G. Westphal

Foto: Juergen Joost

Über kitzelnde Krabbler, eine Plage, ein altes Lied und die Urängste der Kinder.

Nein, ich habe in diesem Jahr noch keinen Maikäfer getroffen. Schade, denn ich erinnere mich gern an die Kinderzeit, als wir die braunen Sumsemänner in einem Karton mit Luftlöchern sammelten und sie je nach Färbung als Schornsteinfeger, Müller oder Kaiser unterschieden. Wenn einer uns über die Hand krabbelte, kitzelte es und wenn er sich auf dem Finger aufpumpte, wussten wir: Jetzt macht er den Abflug.

Sollte Reinhard Mey Recht haben, der schon vor 40 Jahren sang: „Es gibt keine Maikäfer mehr“? Er verband diese Behauptung mit der nachdenklichen Vermutung: „Vielleicht geh’n uns nur die Maikäfer ein kleines Stück voraus.“

Aber sein Abgesang stimmt nicht. Im Gegenteil: Am Kaiserstuhl bei Freiburg geht man gerade mit Hubschraubern und Giftduschen gegen eine Maikäferplage vor, um die Schäden an Weinreben und Obstbäumen zu verhindern. Das, was wir mit spielerischen Erinnerungen verbinden, empfindet die Landwirtschaft als zerstörerische Bedrohung. Was für ein Gegensatz! Aber solch ein Widerspruch findet sich auch in einem mehr als 200 Jahre alten Kinderlied, das laut Umfrage jeder zweite Deutsche kennt:

Maikäfer, flieg.

Der Vater ist im Krieg.

Die Mutter ist in Pommerland,

Pommerland ist abgebrannt.

Maikäfer, flieg.

Es ist ein rätselhaftes Lied, dessen beruhigende Wiegenlied-Melodie gar nicht zu dem bedrohlichen Text passt: Vater und Mutter fort, alles zerstört, nur das Kind singt, einsam und scheinbar gottverlassen.

Wir haben schon 70 Jahre Frieden, und doch ist das Lied nicht vergessen. Weil die Kriege weltweit nicht nachlassen? Weil bei uns Flüchtlinge leben, die all das erlebt haben, was das Maikäfer-Lied benennt?

Symbolhaft berührt es die Urängste der Kinder, von ihren Eltern getrennt zu werden, ebenso die Schrecken des Krieges. Das ist auf den ersten Blick gar nicht tröstlich.

Aber vielleicht beschwören solche Texte und Melodien auch die Sehnsucht nach einer himmlischen Geborgenheit, die hinter all unseren Ängsten steht. Die uns trotz allem ermutigt, zu singen, zu lieben und zu hoffen. Oder auch einen Maikäfer vom Finger fliegen zu lassen, neugierig in den lebendigen Frühling hinein.