KZ Neuengamme

"Mein Großvater war ein Verbrecher"

Blick auf das Gelände der KZ-Gedenkstätte Neuengamme bei Hamburg

Blick auf das Gelände der KZ-Gedenkstätte Neuengamme bei Hamburg

Foto: dpa Picture-Alliance / Jens Ressing / picture-alliance/ dpa

Kinder und Enkel von NS-Tätern treffen sich in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, um die Geschichte ihrer Eltern und Großeltern kennenzulernen.

Hamburg. Als der Abspann über die Leinwand zieht, gibt es kaum jemandem im Gruppenraum der ehemaligen Häftlingsunterkunft, der keine roten Augen hat. Einer schneuzt sich, eine weint leise in ihr Taschentuch, eine andere heult hemmungslos drauflos. „Ich finde das nicht fair, uns mit diesen Szene zu konfrontieren“, sagt die 35-jährige Annika (Name geändert) unter Tränen. Zuvor sahen die Teilnehmer der Gruppe historische Aufnahmen in Schwarz-Weiß von der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen im April 1945 – ausgemergelte Gestalten blicken in die Kameras, Leichenberge sind zu sehen, immer wieder tote, halb verhungerte, geschundene Körper.

Die Szenen stammen aus dem Film „Close to Evil“, der die Geschichte des Holocaust-Überlebenden Tomi Reichental wiedergibt. Der Jude wurde mit neun Jahren ins KZ Bergen-Belsen verschleppt und versuchte 2014 erfolglos, die heute 93-jährige Hamburgerin Hilde Michnia zu treffen, die in dem Lager als Aufseherin arbeitete – ein Film über Schuld, Wahrheit und Versöhnung, der eine Strafanzeige gegen die ehemalige SS-Angehörige und ein Ermittlungsverfahren der Hamburger Staatsanwaltschaft nach sich zog.

Hamburgs Stunde null

Die Zuschauer, die am vergangenen Sonntag im Seminarraum der KZ-Gedenkstätte Neuengamme sitzen, kennen sich mit diesen Themen aus. Sie nehmen am Seminar „Ein Täter in der Familie?“ teil, in denen Nachkommen von NS-Tätern versuchen, herauszufinden, was ihre Großeltern in der NS-Zeit und im Zweiten Weltkrieg getan haben – und wie ihre Familien heute damit umgehen.

Vererbt sich Schuld?

Der Lüneburger Hans-Jürgen Brennecke hat den Film gezeigt, auch er nimmt teil, wie viele hier nicht zum ersten Mal. Er war es, der im Januar die Strafanzeige gegen Michnia gestellt hat, weil „ich nicht verstehen konnte, dass das noch nicht passiert war“. Brenneckes Vater gehörte im Krieg verschiedenen Einheiten von Polizei-Bataillonen an und fuhr von Stadt zu Stadt, um Bombenangriffe abzuwehren.

Berüchtigt wurden die Einheiten durch ihre Erschießungen von Juden im Rücken der Ostfront, an denen Brenneckes Vater zwar nicht teilnahm, die er aber guthieß. „Nach dem Tod meiner Mutter vor zehn Jahren bin ich auf einen Stapel Briefe aus der Zeit gestoßen, in denen sich mein Vater sehr positiv zu den Mordaktionen seiner Kameraden äußerte“, sagt Brennecke. Für ihn war das „sehr schmerzhaft“.

Aber was heißt das nun? Vererbt sich Schuld? Müssen Kinder und Enkel von NS-Tätern und NS-Verbrechern ein schlechtes Gewissen haben? Und warum sitzen nur 15 Menschen im Raum, müssten es nicht Tausende sein, die ihre Geschichte aufzuarbeiten hätten? Dem Leiter und Erfinder des Seminars, Oliver von Wrochem, geht es vor allem um praktische Hilfestellung.

„Es ist an der Zeit“

„Der Bedarf an Recherche ist sehr groß und wir geben Anleitungen, wo und wie man sich an Archive wendet und Auskünfte erhält.“ Von Wrochem ist Historiker und arbeitet seit 2009 in der Gedenkstätte, in der er das Studienzentrum leitet. Seit 2010 bietet er die Seminare an, in denen sich Familienangehörige der ganz persönlichen Vergangenheitsbewältigung widmen können. Nach seiner Einschätzung ermöglicht es der große zeitliche Abstand zum Kriegsende, dass die Enkel und einige ältere Kinder von Tätern sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. „Es ist an der Zeit.“

Die Auseinandersetzung von Täterkindern und -enkeln begann verstärkt in der Öffentlichkeit 1987, als der Journalist Niklas Frank, Sohn des ehemaligen NS-Generalgouverneurs von Polen, Hans Frank, eine Abrechnung mit seinem Vater vorlegte. In teils wüsten Worten legte er im Buch „Der Vater“ seinen Hass auf seinen Vater offen, der als „Schlächter von Polen“ in die Geschichte einging. Im Interview erzählte er noch 2014, dass er seit 40 Jahren Jahren ein Foto seines gehenkten Vaters mit sich herumträgt, weil er sichergehen wolle, dass „er tot ist“.

Im Dokumentarfilm „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihm weiß“ näherte sich der Filmemacher Malte Ludin 2005 dem Leben seines Vaters Hans, der Hitlers Mann für die besetzte Slowakei war und dort vor allem den Massenmord an den dort lebenden Juden organisierte. Der Film, der auch die Zwiespälte und Ängste der Geschwister Ludins beschreibt, bringt das Dilemma der persönlichen Erinnerungsarbeit auf den Punkt: Das Private ist eben doch politisch, die Taten des Vaters oder Großvaters gehören nicht in den Giftschrank, sondern müssen besprochen werden – um den Preis, dass das Bild des Familienmitglieds Risse bekommt. Oder zerfällt.

Opa war vielleicht ein Nazi

Daher haben viele Teilnehmer Angst, dass das, was sie erzählen, nach außen dringt. Annika etwa besteht darauf, dass Name, Alter und Wohnort verändert werden, weil ihre Familie nicht wissen soll, dass sie am Seminar teilnimmt. „Ich stamme aus einem national-konservativen Familie, und ich will nicht, dass jetzt ein Konflikt aufbricht.“ Am Anfang ihrer Recherche stand ein Mythos, der durch die deutsche Familien wehte: Opa war vielleicht ein Nazi, aber insgeheim war er dagegen und hat „Schlimmeres verhindert“, wie Annika sagt. Sie fand schnell heraus, dass dies im Falle ihres Großvater, einem Juristen, der in den 60er-Jahren verstarb, nur eine Legende war. „Er hat mitgeholfen, dass Menschen sterben“, sagt sie.

Als sie vor dreieinhalb Jahren begonnen hatte, den Vorhang aufzuziehen, war sie erschrocken über das Bild. „Es hat etwas mit mir gemacht. Ich habe gemerkt, dass ich nicht unabhängig von meinem Großvater bin. Ich muss mich dieser Geschichte stellen.“ Das Seminar in Neuengamme helfe ihr, mit der Familiensituation umzugehen. „Ich dachte, ich bin bekloppt, weil es mir schlecht damit geht. Aber es sind eben auch viele andere.“

Annika spricht druckreif, reflektiert ihre Situation. Viele der Seminarteilnehmer arbeiten in sozialen Berufen, haben Erfahrung aus therapeutischen Gesprächssituationen, können sich gewandt ausdrücken. Es mag helfen, schwer aussprechbare Dinge zu benennen.

Über den Nazi in der Familie wurde nicht gesprochen

Am Ende ihrer Recherche, hofft Annika, steht die Konfrontation mit der Familie. „Mein Großvater war ein Verbrecher. Der Satz ist hart, aber er muss ausgesprochen werden können“, findet sie. Den Loyalitätskonflikt, den Verrat, den man ihr wohl vorwerfen wird, müsse man aushalten. „Eine Beziehung ist nicht echt, wenn man sie nicht riskieren kann“, sagt Annika. „Wenn eine Fassade zusammenbricht, und dahinter ist nichts, dann war es das auch nicht wert.“

Einen Schritt weiter ist Katja B., 46, aus Hamburg. Sie hat einen prominenten Großvater, dessen Geschichte sie ausgeleuchtet hat: Bernhard Rakers war SS-Mann in verschiedenen Konzentrationslagern, darunter auch Auschwitz, und war der erste Deutsche, der in der Bundesrepublik wegen seiner Tätigkeit in Auschwitz angeklagt wurde. In drei Prozessen wurde er unter anderem zu 15 Jahren Zuchthaus und lebenslanger Haft verurteilt; zuvor war er noch in Kriegsgefangenschaft. Im Jahre 1971 wurde er begnadigt und lebte bis zu seinem Tod 1980 in Barmstedt.

Erst vor 15 Jahren aber erfuhr Katja B., dass dieser Mann ihr Opa war. „Nach dem Tod meines vermeintlichen Großvaters im Jahr 2000 kam heraus, dass dieser nur mein Stief-Opa war.“ Der „richtige“, Rakers, ließ sich während seiner Haftzeit scheiden – und über den Nazi in der Familie, zu dem kein Kontakt bestand, wurde nicht gesprochen.

„Je mehr ich lese, desto leichter werden meine Schultern“

Stattdessen wurde stillschweigend akzeptiert, dass es Verwandte aus mehreren Linien gab – eine skurril anmutende Konstellation, die aber nie angezweifelt wurde. Katja B. erklärt sich ihr Verhalten heute mit dem damals schon vorhandenen Gefühl, nicht nachfragen zu können. „Da war was, und es war nicht gut.“ So schwammig geht es wohl vielen Nachkommen, wenn sie sich zum ersten Mal an die „Zigarrenkiste mit Opas Dokumenten“ wagen, wie Katja B. sagt.

Dann legte sie los. Besorgte sich Akten aus den Prozessen. Las Zeugenaussagen von überlebenden Juden, die von schlimmsten Exzesstaten ihres Opas berichteten – und stolperte über das Schlusswort von Bernhard Rakers im Prozess. „Ich habe ein reines Gewissen und bin unschuldig“, behauptete Rakers vor dem Schwurgericht. Eines Tages werde er vor dem „höchsten Richterstuhl des ewigen Gottes stehen“, und er „weiß, er spricht mich frei“.

Keine Reue, keine Reflexion, kein Mitgefühl, nirgends. „Für mich war das eine Verhöhnung der Opfer, das hat mich sprachlos gemacht.“ Was hatte sie mit dem Mann zu tun, der Menschen quälte, ermordete und an Selektionen an der Rampe in Auschwitz teilnahm? Die Frage quälte sie, und Katja B. half die Forschung, den dunklen Schatten des Großvaters auszuhalten. „Je mehr ich lese, desto leichter werden meine Schultern“, sagt sie.

„Wegducken macht krank“

Hunderte Seiten aus den Gerichtsakten hat sie kopiert, alles gelesen und durchgearbeitet und verdaut. „Nur so geht es: alles aufarbeiten und dann darüber sprechen“, sagt Katja B. „Das Wegducken macht krank.“ Ihre Mutter, das weiß sie, wird es nicht so gerne sehen, dass der Name ihres leiblichen Vaters und das Foto ihrer Tochter in der Zeitung zu sehen sind. Aber sie will mit ihr sprechen, will das Schweigen aufbrechen und ihre Erkenntnisse teilen. Wenn Katja B. an Bernhard Rakers denkt, dann „liegt obendrauf nur Ekel“, sagt sie. Das sei nicht ihr Opa, das „ist nur der Rakers“.

Der Rakers. Ist eine so deutliche Distanzierung schon eine Art Verrat an der Familie? „Ich finde nicht. Es ist eine klare Anerkennung der Taten, die er auf dem Gewissen hat, und für die er nie Verantwortung übernommen hat“, sagt Katja B. Sie rät allen Suchenden, sich auf den Weg zu machen und die Wahrheit herauszufinden. „Sonst nagt etwas in einem.“

Hans-Jürgen Brennecke meint, dass sich heute kein Sohn, Tochter oder Enkel schuldig fühlen muss. „Es geht aber darum, Verantwortung zu übernehmen. Und weil viele Täter sich nie zu ihren Taten bekannt haben, ist diese Erblast der nachfolgenden Generation übergeben worden, ob sie es will oder nicht.“ Der Lüneburger hofft, dass noch mehr Leute nach der Zigarrenkisten mit Opas Dokumenten fragen. „Nur so kann es eine Versöhnung mit der Vergangenheit, den Opfern und ihren Hinterbliebenen geben“, sagt er. „Auch wenn die Wahrheit meistens weh tut.“