Leitfaden aus Hamburg

So können Sie gesund die Rente erreichen

| Lesedauer: 6 Minuten
Martin Kopp
Peter Freudenreich,
60, war lange
Schmelzer an
den Öfen bei
Arcelor-Mittal. Dann
wechselte er zum
Schrottlager des
Werks und damit
zu leichterer
Arbeit

Peter Freudenreich, 60, war lange Schmelzer an den Öfen bei Arcelor-Mittal. Dann wechselte er zum Schrottlager des Werks und damit zu leichterer Arbeit

Foto: Klaus Bodig

Am Schmelzofen bis 67 arbeiten? Das ist kaum möglich. Ein Leitfaden aus Hamburg gibt Ratschläge, wie es klappen kann.

Hamburg.  Als der Bundestag vor acht Jahren die Einführung der Rente mit 67 Jahren beschloss, war Peter Freudenreich am Boden. „Katastrophe“ sei das erste Wort gewesen, dass ihm damals einfiel, sagt er heute. Zur Katastrophe ist es dann doch nicht gekommen. Aber der Industriemeister für Hüttentechnik hat sich damals nicht ausmalen wollen, wie er das körperlich schaffen soll. „Ich habe 35 Jahre im Schichtdienst gearbeitet, und ich konnte mir nicht vorstellen, das weitere 15 Jahre durchzuhalten.“

Freudenreich war als Schmelzer beim Hamburger Stahlhersteller ArcelorMittal beschäftigt, vorne an den Öfen, da wo die Arbeit besonders schwer und in der Hitze anstrengend war. Und er war mit seiner Sorge nicht allein. „Wir haben uns damals alle gefragt, ob die Politik überhaupt weiß, wie es in unserem Betrieb zugeht.“

Schlosser, Gießer, Schmelzer und andere Berufe des produzierenden Gewerbes sind mit großen körperlichen Belastungen verbunden. Die Mitarbeiter sind Staub, Lärm, vielfach Hitze ausgesetzt, und müssen dabei schwer heben, das schlaucht. Neue Hebevorrichtungen und bessere Filteranlagen haben die körperlichen Belastungen zwar in den letzten Jahren reduziert. Doch ein hohes Arbeitstempo und die große Verantwortung, die heutzutage jedem Beschäftigten im Produktionsprozess zukommt, führen zu einem Anstieg der psychischen Anforderungen.

Viele Metaller gehen aufgrund gesundheitlicher Probleme verfrüht in Rente. Und mehr als die Hälfte der Metallarbeiter geben an, dass sie sich nicht vorstellen können, in ihrem Beruf bis zur Rente zu arbeiten. Für sie ist die Rente mit 67 eine schwere Belastung. „Früher hat es noch die Möglichkeit gegeben, die Mitarbeiter in Altersteilzeit zu schicken“, sagt Hans Magnus Frankenberg, Personalchef bei ArcelorMittal in Hamburg. Doch dann sei die Unterstützung durch das Arbeitsamt weggefallen. „Heute gibt es das Altersteilzeitmodell nur noch vereinzelt. Für die Betriebe ist es zu teuer, und für die Arbeitnehmer nicht mehr attraktiv, weil die Abstriche zu groß sind“, so Frankenberg.

Wie ist die Verlängerung der Lebensarbeitszeit aber zu verkraften? Praxistipps gibt ein neuer Leitfaden, der heute in der Handelskammer vorgestellt wird. Grundlage für diesen Leitfaden ist eine Studie, welche die Kammer zusammen mit der „Zeit“-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius sowie dem Institut für Arbeit und Gesundheit (IAG) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherungen erstellt haben.

Für die Studie wurden Mitarbeiter in Gießereibetrieben befragt

„Neue Wege bis 67 – gesund und leistungsfähig im Beruf“ lautet der Titel der Studie, der ersten ihrer Art, in der Mitarbeiter in Metallberufen über ihre Arbeitsbelastung befragt wurden. Neben ArcelorMittal machte Aurubis als zweiter Hamburger Betrieb mit. Die Arbeitsbereiche, in denen die Befragungen durchgeführt wurden, waren der Elektroofen bei Aurubis mit 88 Mitarbeitern und der Schmelz- und Gießbetrieb von ArcelorMittal mit 58 Beschäftigten. So entstand ein Erfahrungsschatz, aus dem sich beispielsweise erste Anzeichen auf ein drohendes Berufsende ableiten lassen. Insbesondere ältere Mitarbeiter wurden befragt, was ihnen hilft, um im Metallberuf lange leistungsstark zu bleiben. Herausgekommen sind Ergebnisse, die sich gut auf Arbeitsplätze in anderen Branchen der Industrie übertragen lassen. So sollten ältere Schichtarbeiter regelmäßig Sport treiben, nachts leichte Nahrung zu sich nehmen und viel trinken. Der Arbeitsplatz sollte so eingerichtet sein, dass es möglichst zu keinen orthopädischen Problemen kommt.

Zudem sollte man auf eine systematische Laufbahngestaltung achten. Dazu gehört, dass sich die Beschäftigten beruflich weiter entwickeln, anstrengende Tätigkeiten und Belastungsfelder verlassen und sich neue erschließen. In vielen Fällen führt das auch zu einem kompletten Berufswechsel. Für den Schmelzer Freudenreich kam dieser Wechsel sehr abrupt: Bei einer routinemäßigen Untersuchung durch den Betriebsarzt im Jahr 2010 stellte dieser eine Erkrankung des Herzens fest. „Ich war kurz vor dem Kammerflimmern“, erinnert sich Freudenreich. Ihm wurde im Alter von 55 Jahren ein Defibrillator implantiert. Fortan war mit der Arbeit in der Hütte Schluss. „Bei der Arbeit mit dem Metall entstehen Magnetfelder, und die sind für den Defibrillator Gift“, sagt der Industriemeister. Damit er nicht als Frührentner nach Hause geschickt werden musste, überlegte die Firma damals zusammen mit den Herstellern des Defibrillators, welche Tätigkeit Freudenreich künftig ausüben könnte.

Ständige Weiterbildung erleichtert den Wechsel in andere Tätigkeiten

Man fand eine: Er wurde stellvertretender Tagesschichtmeister auf dem Schrottplatz des Stahlwerks. Die quälenden Nachtschichten waren vorbei. „Das hat alles prima geklappt“, erinnert er sich heute dankbar. Möglich wurde dieses aber auch, weil er mit dem Meisterbrief zu Leitungsfunktionen aufgestiegen war. „Das lebenslange Lernen ist für den Wechsel in körperlich weniger anstrengende Tätigkeiten unglaublich wichtig“, sagt Personalchef Frankenberg.

Welche Möglichkeiten sich Führungskräften und Mitarbeitern eröffnen, zeigt die neue Studie. Den Anstoß dazu hat Altbundeskanzler Helmut Schmidt gegeben. Er verweist auf die Notwendigkeit des späteren Renteneintritts: „Wir müssen länger arbeiten. Nicht weil wir uns noch einmal verwirklichen wollen, sondern weil es unausweichlich ist. Es ist geradezu eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit, wenn die Renten in Zukunft finanzierbar sein sollen“, sagt Schmidt. Doch wie könne ein für ein längeres Arbeiten oftmals notwendiger Berufswechsel in späteren Lebensphasen überhaupt gelingen? „Hier sehe ich eine große gesellschaftliche Herausforderung, deren Überwindung nicht nur ökonomisches Geschick verlangt, sondern auch pädagogisch-psychologische Begleitung der Betroffenen und ein erfolgreiches gesamtgesellschaftliches Umdenken im Bereich individueller Berufsbiografien“, sagt Schmidt.

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