Der Rote Faden

Auf der Suche nach einer besseren Welt

Dannie Quilitzsch im Café Unter den Linden im Schanzenviertel

Dannie Quilitzsch im Café Unter den Linden im Schanzenviertel

Foto: Andreas Laible / HA / A.Laible

Dannie Quilitzsch berät Sozialunternehmer und gemeinnützige Initiativen bei der Gründung. Sie weiß, worauf es ankommt.

Es ist später Sonntagabend. Genauer: Es ist kurz vor Mitternacht, als die SMS von Dannie Quilitzsch eintrifft. „Ich habe gerade gesehen, das Hallo Kleines hat montags geschlossen. Wollen wir uns stattdessen im Café Unter den Linden in der Juliusstraße treffen?“

„Nein“, wird die 38-jährige Frau am nächsten Tag in unserem Gespräch sagen: „Nein, ein digital native bin ich nicht. So sehr ich mein Smartphone und meinen Laptop schätze, genauso lasse ich das Handy manchmal ganz bewusst aus und lebe in der Offlinewelt.“ Und indem sie es sagt, brummt ihr Smartphone.

Dannie Quilitzsch beschreibt sich als „Weltverbesserin, Unternehmerin und Tausendsassa“. Tatsächlich ist die junge Frau schwer zu fassen. Sie berät junge Sozialunternehmer bei der Firmengründung, coacht kreative Menschen, organisiert in Hamburg zwei Marktveranstaltungen.

Auf dem einen Markt kann man gut essen, er nennt sich „Streetfood Thursday“. Die Idee für den anderen, den „Hallo Frau Nachbar-Markt“, brachte sie von einer Südafrika-Reise mit. „Wir schaffen während der Sommermonate einmal im Monat eine Art Marktpatz, auf dem Geschäfte und Produzenten aus Hamburg und Umgebung ihre Erzeugnisse anbieten.“ Schließlich sollten die Leute begreifen, dass es nicht nur den Internethändler Amazon gebe.

Einen Markt zu organisieren, auf dem regional hergestellte Lebensmittel und Waren verkauft werden, klingt nicht gerade originell oder gar weltverbesserisch. Die 38-Jährige lächelt über den Einwand. „Es geht nicht nur ums Verkaufen von Schmuck, Textilien oder Marmelade“, antwortet sie. „Ich will die Atmosphäre eines Dorfplatzes schaffen, auf dem die Menschen aus der Nachbarschaft sich begegnen, verweilen und miteinander ins Gespräch kommen und nebenbei auch noch erfahren, welche Produkte in ihrer Nachbarschaft hergestellt werden. Die Begegnung der Menschen untereinander und die Aufmerksamkeit für lokal hergestellte Produkte sind die beiden Themen, die Hallo Frau Nachbar transportieren soll.“

Von Mai bis September – immer am ersten Sonntag im Monat in den Schanzenhöfen – findet dieser Markt statt und bringt ihr, wie der „Streetfood Thursday“, gerade so viel Geld ein, dass sie ihre Angestellten und die Platzmiete bezahlen kann. „Für mich bleibt da nichts übrig, aber das ist auch nicht die Motivation, warum ich solche Projekte initiiere.“

Dannie Quilitzsch stammt aus Freiburg. Sie schwärmt vom Schwarzwald, dem Ort mit den meisten Sonnentagen in Deutschland, und dem vorzüglichen Wein, der in der Gegend wächst. Ihr Vater arbeitete fast drei Jahrzehnte bei IBM; ihre Mutter war zunächst Krankenschwester, bevor sie sich mit einem Bekleidungsgeschäft selbstständig machte.

An ihrem Vater imponiert(e) ihr, dass er sich ständig weiterentwickelt hat. Mit knapp 50 Jahren absolvierte er noch ein MBA Fernstudium an der US-amerikanischen Harvard University und hörte nie auf, davon zu träumen, sich einmal selbstständig zu machen oder beruflich noch einmal ins Ausland zu gehen – was er auch tat, als die beiden Töchter aus dem Haus waren. „Mein Vater zeigte mir damit, dass man jederzeit noch einmal von vorne anfangen und etwas Neues machen kann.“

Mit 23 drehte sie in Los Angeles einen Werbespot mit Arnold Schwarzenegger

Vielleicht wurzelt auch in dem Vorbild ihres Vater der Eindruck, dass Dannie Quilitzsch ein wenig eine „positiv Getriebene“ zu sein scheint. „Mir schwirren ständig neue Ideen im Kopf herum“, sagt sie. „Ich muss mich immer wieder neu denken“, „Ich freue mich über jede neue Herausforderung“, „Ich liebe es, mich immer weiterzuentwickeln“ sind Metaphern für das, das die 38-Jährige um- und vor allem antreibt.

Diese schöpferische Kraft prägt sie bereits in ihrer Jugend. Vom heimeligen und gut behüteten Gymnasium wechselt Dannie Quilitzsch in der elften Klasse auf eine „spannendere Schule“. Nach dem Abitur studiert sie Kommunikation und arbeitet in anerkannten Kreativagenturen wie Scholz & Friends. Erfolg und guter Verdienst stellen sich rasch ein. „Doch nach fünf Jahren hatte ich die Faxen dicke, das war mir alles zu sinnbefreit, was da abgelaufen ist.“

Die junge Frau ist da gerade mal 23 Jahre alt, dreht in Los Angeles für ein großes Energieunternehmen einen millionenschweren Werbespot mit Arnold Schwarzenegger. Es wird eine gute Arbeit. „Aber dann waren da auch meine Pro-Bono-Kunden“, erzählt Dannie Quilitzsch. Diese engagieren sich für eine gute Sache und werden von ihr ohne Honorar betreut, weil sie sich kaum die einfachste Werbung leisten können.

Der Bruch ist radikal. Dannie Quilitzsch kehrt an die Universität zurück, studiert Psychologie und träumt davon, später als Familientherapeutin zu arbeiten. „Ich dachte, wenn ich Eltern darin unterstütze, gute Eltern zu sein, ihren Kindern zu zeigen, was sie können, dann kann ich auch die Welt besser machen.“ Sie glaubt, „wir sind auf der Erde, um bestimmte Seelenaufgaben zu lösen.“

Doch ihre Wege führen die junge Frau in eine andere Richtung. Neben dem Studium verdient sie Geld als Selbstständige im Kommunikations- und Eventbereich. Zum Ende ihres Studiums entwickelt sie mit ehemaligen Kollegen das Nachhaltigkeitsportal Utopia.de. Das Ziel: Menschen, Organisationen und Unternehmen für eine nachhaltige Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft zusammenzubringen. Drei Jahre arbeitet sie dort, baut den Bereich Marketing, die Utopia Stiftung, den Utopia Award und die Utopia Konferenz auf. Intensiv sei es gewesen, sagt sie. Es ist die Zeit, in der ihr mehr denn je klar wird, dass es im Leben nicht nur um das eigene Glück gehen kann. „Ich möchte, dass es andere schöner haben, und wenn das jeder machen würde, gäbe es weniger Dramen und Kriege auf dieser Welt.“

Solche Sätze fallen des Öfteren in unserem Gespräch. Sie lösen bei vielen Menschen den Impuls aus, sich – innerlich zumindest – abzuwenden. Der Traum von einer perfekten Welt ist schön, ja. Die Realität aber sieht anders aus. In Syrien und im Irak tobt ein grausamer Krieg, im Mittelmeer ertrinken Flüchtlinge, und in manchen Hamburger Stadtvierteln gehen Kinder morgens hungrig zur Schule.

Dannie Quilitzsch weiß um das Dilemma und ist weit davon entfernt, die Realität auszublenden. „Es ist aber trotzdem nicht falsch, mit der Veränderung bei sich anzufangen und zu hoffen, dadurch die Welt zu verändern“, sagt sie. „Es geht um Verantwortung.“ Unsere freiheitliche Gesellschaft basiere darauf, dass die Menschen diese Verantwortung für sich übernähmen. „Bei sich selber anfangen ist der Schlüssel zum Glück.“

Sie will jeden Moment so ausfüllen,dass er einzigartig wird

Heute arbeitet die 38-Jährige am liebsten als Coach für Social Start-ups und gemeinnützige Initiativen. „Ich begleite junge Gründer, die ihre Idee von einer besseren Welt umsetzen wollen.“ Menschen also, denen es nicht darum geht, maximalen Profit zu erwirtschaften, sondern die ein drängendes gesellschaftliches Problem lösen wollen.

Die Herausforderung besteht darin, es so anzustellen, dass auch ein Sozialunternehmen in der Marktwirtschaft überlebt. „Natürlich muss man damit Geld verdienen können“, sagt Dannie Quilitzsch. Insofern gelte auch für Sozialunternehmer, dass sie sich im Klaren darüber sein müssten, was sie erreichen wollten, was sie gut können – und was nicht. „Dazu gehört, ehrlich zu sich selbst zu sein.“ Etwas, das sie zu ihren Stärken zählt.

Es überrascht ein wenig, dass eine Frau, die anderen hilft, ihren beruflichen Traum zu verwirklichen, selbst keine Träumerin ist. „Ich bin eine Verfechterin von dem Jetzt“, sagt sie. „Mir ist wichtig, den Moment, den ich habe, so auszufüllen, dass er einzigartig wird.“ Die Situation, in der sie sich gerade befinde, die möchte sie gestalten.

Und das Beste daraus machen. Nicht im Sinne von mehr Luxus, sondern aus Lust an Erfahrungen und aus Durst nach Leben. „Das deckt sich mit meiner Yoga-orientierten Lebenseinstellung: Hier im Jetzt leben.“ Dazu gehört, immer auch ein klein wenig anders zu sein. „Ich würde eher mit einer Sache aufhören, als so zu werden wie alle anderen.“

Das klingt selbstbewusst, auch weil es manchmal von Selbstzweifeln getragen ist. „Zweifel helfen mit Dinge zu hinterfragen und auch loszulassen: ein Projekt, eine Partnerschaft oder gar eine Firma.“ Vielleicht sei es ja an der Zeit, die Märkte aufzugeben und sich stärker auf das Coaching von Menschen zu konzentrieren, sagt Dannie Quilitzsch. Sich selbst zu coachen, das könne sie sich im Übrigen nicht vorstellen. Da gehe es manchmal darum, die Schraube noch einmal richtig anzusetzen. „Und dazu braucht es jemand anderen als einen selbst.“