Olympia in Hamburg

Wladimir Putins schweres Erbe der „51-Milliarden-Spiele“

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Hamburg und Berlin verstärken ihre Bemühungen um Stimmen in der Bevölkerung. Ihr Versprechen: Ein zweites Sotschi 2014 wird es nicht geben. Die Spiele in Russland hatten 51 Milliarden Euro verschlungen.

Berlin. Noch einmal hielt der Pomp Einzug in den olympischen Park unweit vom Strand, noch einmal versicherten sich Organisatoren und Staatspräsident der Extravaganz ihrer Winterspiele. Zunächst wurde auf der Medal Plaza in Sotschi eine „Wall of Champions“ mit den Namen aller Nationen und aller Olympiasieger enthüllt, später eine Eiskunstlaufshow im „Iceberg“-Palast aufgeführt. „Hell und denkwürdig“ seien die Spiele gewesen, rief Wladimir Putin, „und sie haben wirklich eine Welle positiver Emotionen bewirkt.“

Vor einem Jahr begann das zweiwöchige Ringe-Spektakel an der Schwarzmeerküste. Doch angesichts des zweifelhaften Erbes – verrottende Sportanlagen, verrammelte, weil unrentable Touristenhotels, weithin sichtbare Umweltsünden – fällt es schwer, in Thomas Bachs Lobeshymne einzustimmen: „Ein Jahr danach blicke ich liebevoll auf die Olympischen Spiele von Sotschi 2014 zurück“, diktierte der IOC-Präsident der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass in den Block. Sein Internationales Olympisches Komitee behauptet in einer bemerkenswert flattierenden Meldung, der positive Effekt dieser Winterspiele könne „gar nicht hoch genug bewertet werden“.

Zur Wahrheit gehört auch, dass Sotschi sich als „die 51-Milliarden-Spiele“ in den Köpfen der Menschen weltweit festgesetzt hat. 51 Milliarden Dollar (rund 45 Milliarden Euro) hat Russland für die Ausrichtung der zweimal zweiwöchigen Party – Olympia plus Paralympics – ausgegeben. Solche horrenden Summen haben nicht mal die der Gigantomanie keineswegs abgeneigten Chinesen 2008 in Peking bewegt.

Der olympischen Bewegung hat Russland damit – bei aller Entzückung einzelner IOCler über derartige Spendierfreude – einen Bärendienst geleistet. Sotschi 2014 hat die wachsende Zahl der Kritiker bestärkt und selbst neutrale Beobachter skeptisch werden lassen. Muss, wer Olympia ausrichten will, künftig mit ähnlichen Unsummen liebdienern gehen? Bachs IOC müht sich nicht nur mithilfe seiner Reformagenda 2020, derlei Bedenken zu zerstreuen.

Es ist kein Wunder, dass die beiden deutschen Interessenten an einer Olympiabewerbung explizit mit dem Versprechen hausieren gehen, „bescheidenere“, „nachhaltigere“ Spiele veranstalten zu wollen. In Hamburg wie in Berlin probieren die Senate derzeit, die Bürgerinnen und Bürger von der Idee zu begeistern, dass Olympia ihrer Stadt langfristig helfen werde.

Olympia als Konjunkturprogramm

Die Zeit drängt. Am 22. Februar lotet das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) die Stimmung in beiden Städten aus. Das Ergebnis wird ein wesentliches Argument sein, ob der DOSB mit Hamburg oder Berlin ins Rennen um die Spiele 2024 oder 2028 gehen wird. Oder ob das Projekt Sommer-Olympia in Deutschland elf Jahre nach der krachend im IOC durchgefallenen Leipziger Kampagne endgültig ad acta gelegt wird.

Zumindest in Hamburg scheint ein solches Unter-50-Prozent-Zustimmungsszenario momentan nicht zu dräuen. Dort ist die Zahl der Olympia-Befürworter von 53 auf 62 Prozent gestiegen. Das berichtete der NDR unter Berufung auf eine Dimap-Umfrage im Januar. Für Berlin ermittelte Forsa im vergangenen September eine Zustimmung von nur 48 Prozent. Seit Anfang des Jahres allerdings wirbt der Senat unter dem Motto „Wir wollen die Spiele“ verstärkt für das Projekt, das dem mit rund 60 Milliarden Euro verschuldeten Land Berlin (Hamburg: rund 25 Milliarden) ein dringend ersehntes Konjunkturprogramm verschaffen soll.

Innensenator Frank Henkel (CDU) barmt: „Wir brauchen unbedingt die breite Rückendeckung, den breiten Rückhalt der Bevölkerung.“ Hamburgs Sportsenator Michael Neumann (SPD) aber erinnert derweil im „FAZ“-Interview daran: „Entscheidend sind nicht Umfragen. Entscheidend ist das Referendum.“ Ein solches würde in beiden Städten im Herbst stattfinden.

Bis dahin bliebe noch viel Zeit, Stimmung zu machen. Fleißig beschwört DOSB-Vorstandschef Michael Vesper den Glauben „an eine deutliche Mehrheit der Olympiabefürworter“ in Hamburg wie in Berlin. Das sehe man „von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Die Stimmung in beiden Städten wird immer besser.“ Auf Basis welcher Daten er den Aufschwung konkret festmacht, erklärte Vesper freilich nicht.

Hanse- wie Hauptstadt organisieren dieser Tage fleißig Bürgerforen, Podiumsdiskussionen und Prominenten-Statements. Hochbahn, S-Bahn und Hamburg Wasser stellen am heutigen Montagmittag ihre Kampagne vor. S-Bahnen, Busse der Hochbahn, U-Bahnen, Fähren, Alsterdampfer und Fahrzeuge von Hamburg Wasser werden mit dem Logo „Feuer und Flamme“ für Spiele in Hamburg werben. Es gilt, die „51-Milliarden-Spiele“ von Sotschi 2014 aus den Köpfen zu bekommen.