Fahr-Training

Wenn Angst und Panik mit am Lenkrad sitzen

Laut ADAC haben rund eine Million Autofahrer Angst im Straßenverkehr. Manche hatten einen Unfall, anderen ist der Verkehr zu dicht und aggressiv. Hilfe gibt es bei einer Hamburger Fahrlehrerin.

Hamburg. Gisela R. hat seit 40 Jahren den Führerschein. Gefahren ist die heute 64-Jährige aber fast nie. In der Regel saß ihr Mann am Steuer. Doch der ist nun schwer erkrankt. Also muss seine Frau fahren, aber die traut sich nicht. Dabei braucht das Ehepaar das Auto für Arzt- und Verwandtenbesuche, für Einkäufe und Erledigungen. In einer normalen Fahrschule fühlt sich Gisela R. nicht wohl. Sie braucht jemanden, der ruhig mit ihr übt und ihr die Angst vorm Autofahren nimmt. Die 64-Jährige braucht ein paar Stunden mit Maria Steinweg an ihrer Seite.

„Angst muss man ernst nehmen“, sagt die Fahrlehrerin und Fahrpädagogin. „Sie kann eine nützliche Warnung vor Gefahren sein, sie kann aber auch gefangen nehmen und überwältigen. Ein Zuviel an Angst ist hinderlich.“ Maria Steinweg bieten deshalb denen Hilfe an, die zwar einen Führerschein haben, aber nicht Auto fahren.

Die Gründe für dieses Verhalten sind nach den Erfahrungen der 50 Jahre alten Hamburgerin vielfältig. „Menschen sind nach einem Unfall traumatisiert oder lange nicht mehr gefahren. Manche fürchten sich vor Autobahnen, Brücken, Tunnelröhren und unbekannten Strecken oder haben Angst vor dem Einparken. Wieder andere haben schlechte Erfahrungen mit Fahrschulen oder Beifahrern aus der Familie gemacht. Und schließlich gibt es auch Menschen, die nicht gerne in Hamburg Auto fahren, weil ihnen der Verkehr zu dicht und zu aggressiv geworden ist.“

Herzrasen und schweißnasse Hände

Und Angst äußert sich vielfältig: Die Hände sind schweißnass. Das Herz rast, die Augen zucken. Nervös dreht sich der Kopf hin und her. Nach ADAC-Schätzungen haben in Deutschland mindestens eine Million Autofahrer Angst im Straßenverkehr. So muss laut einer Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) nach einem Verkehrsunfall ein Viertel aller Schwerverletzten mit psychischen Folgen rechnen. Oft ist das eine Agoraphobie, bei der Menschen vor bestimmten Orten oder Situationen Panik bekommen.

Wer dann den Weg zu Maria Steinweg findet – in der Regel Frauen zwischen Ende 20 und Mitte 60 – möchte keine Angst mehr haben und wieder sicher Auto fahren. „Meine Kunden sind selbst motiviert, sie möchten den Druck loswerden“, sagt die Fahrlehrerin. „Denn Auto fahren bedeutet auch ein Stück Freiheit.“ Seit sechs Jahren verhilft sie ihren Kunden zum angstfreien Lenken. „Manche brauchen nur eine kleine Auffrischung, andere kommen nach fünf bis zehn Stunden klar. Und bei wieder anderen dauert es etwas länger, bis sie ihre Sicherheit wiedergefunden haben.“

Zwei Millionen Kilometer

Maria Steinweg selbst kann sich ein Leben ohne Fahren nicht vorstellen. „Mein Leben muss auf der Straße stattfinden“, sagt die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. Chauffeurin für Fahrgäste, Überführungsfahrten mit Luxus-Limousinen und Lkw, Fahrlehrerin und Taxifahrerin sowie begeisterte Motorradfahrerin – Maria Steinweg hat in mehr als 30 Jahren etwa zwei Millionen Kilometer auf verschiedenen Straßen zurück gelegt. „Ich habe Einfühlungsvermögen und Geduld. Außerdem verfüge ich über die Fähigkeit, Geschehnisse im Straßenverkehr vorherzusehen“, sagt sie. Gute Voraussetzungen für eine Fahrlehrerin. Und so war es ganz natürlich, dass sie sich um die Fahrstunden für die ängstlichen Schüler kümmerte. „Auch der Umgang mit älteren Menschen machte mir viel Freude“, so Steinweg. Da lag es auf der Hand, dass sie ihr eigenes Unternehmen „Autofahren-Angstfrei“ gründete.

Maria Steinweg versichert: „Wir machen nichts, was der Kunde nicht will, und gehen in kleinen Schritten vor.“ Die Fahrlehrerin versteht sich dann als Coach, alle ersten Verabredungen werden per Mail oder telefonisch getroffen. „Wir erarbeiten ein Ziel und suchen nach Wegen, dieses Ziel zu erreichen.“ Außerdem werden Fahrstrecken festgelegt und Pläne gemacht, wie viele Nachhilfestunden notwendig sind.

Christophorus fährt mit

Dann geht es an die Praxis. Gefahren wird im tipptopp gepflegten schwarzen VW Polo, eine Medaille mit dem Bild des Christophorus, dem Schutzpatron der Autofahrer, neben dem Lenkrad. „Wir treffen uns immer in meinem Auto, der Kunde sitzt auf dem Fahrersitz.“ Maria Steinweg legt Wert darauf, zügig mit den Übungen zu beginnen. Auf einem Parkplatz erklärt die Lehrerin das Auto und startet das Fahrzeug. Der Schüler lenkt, Steinweg schaltet und gibt Gas vom Beifahrersitz aus. Mit ruhiger Stimme sagt sie, wo man halten, abbiegen oder die Fahrspur wechseln soll. Es folgen Parkübungen, Touren auf mehrspurigen Straßen, bei Tag und am Abend, Fahrten durch Wohngebiete.

„Nach jeder Fahrstunde sprechen wir darüber, schauen auf die Fortschritte und das Erreichte“, sagt Steinweg. Auch wenn sie keine Psychologin ist, weiß sie doch: „Positive Bestärkung ist sehr, sehr wichtig. Und irgendwann ist die Angst vorm Autofahren weg.“

Die Fahrlehrerin und -pädagogin Maria Steinweg ist zu erreichen unter Tel. 0176/48528960, www.autofahren-angstfrei.de

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) will mit der „Aktion Schulterblick“ auf gesundheitliche, altersbedingte Probleme im Straßenverkehr hinweisen. Prominentes Gesicht der Aktion ist Tagesschau-Chefsprecher Jan Hofer. Am Montag, 10. November, gibt er von zehn bis zwölf Uhr Tipps bei Jarek Cars, Werner-Siemens-Strasse 63.

Im Alter mobil bleiben und sicher am Straßenverkehr teilnehmen – dafür bietet Auto-Vorbeck in Wentorf kostenlose zweitägige Kurse mit Hans-Jürgen Hoormann für den DVR an. Die nächsten Termine: 29./30. November und 24./25. Januar, am Sonnabend von 16 bis 19 Uhr, am Sonntag von 10 bis 13 Uhr. Anmeldungen unter Tel. 7900790 oder fitmobil@auto-vorbeck.de