Raubzug bei Juwelier

Polizei darf nach Hansen-Räubern nicht mit Fotos fahnden

Die womöglich extra aus dem Ausland angeheuerten Räuber vom Jungfernstieg wurden bei ihrem Millionencoup gefilmt. Doch ein Gerichtsbeschluss fehlt. Daran übt der Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter scharfe Kritik.

Neustadt. Die beiden Räuber, die am Montag den Juwelier Hansen an den Großen Bleichen überfielen, haben einen Millionencoup gelandet. Laut Polizei liegt die exakte Schadensliste zwar noch nicht vor. Fest steht aber: Der Verkaufswert der geraubten Uhren liegt bei einer Million Euro. Die Sicherheitsbehörden hinken den Tätern hinterher: Die Bilder aus den Überwachungskameras wurden noch nicht veröffentlicht. Man benötige erst einen entsprechenden Gerichtsbeschluss, hieß es.

Die Bilder aus der Überwachungskamera, die der Polizei von beiden Räubern vorliegen, sind von bester Qualität. Dabei wurde einer der Männer mehrmals gefilmt. Schon Tage vor dem Überfall war er bei dem Juwelier und hatte sich hochwertige Uhren zeigen lassen. Dabei konnte er nicht nur in aller Ruhe die Räume des Juweliers und die genauen Örtlichkeiten ausspähen, an denen die teuren Uhren gelagert wurden. Er erschlich sich das Vertrauen und wurde, als er am Montag mit seinem Komplizen vor der stets verschlossenen und nur durch einen Summer zu öffnenden Tür stand, als bekannter Kaufinteressent hereingelassen.

Der Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Jan Reinecke, übt scharfe Kritik daran, dass es noch keine Öffentlichkeitsfahndung mit Fotos nach den Räubern gibt: „Wenn es sich nicht um eine taktische Maßnahme handelt, halte ich es für eine Fahrlässigkeit“, sagt er. Holger Vehren von der Polizeipressestelle sagt, dass den Beamten die Hände gebunden seien. „Wir dürfen es nicht. Wir müssen erst einen richterlichen Beschluss haben“, sagt Vehren. Eine Öffentlichkeitsfahndung ist nach Auslegung der Justiz in Hamburg die Ultima Ratio, das letzte Mittel. Insider gehen davon aus, dass die Täter speziell für die Tat nach Hamburg gereist sind und sich möglichst schnell ins Ausland absetzen werden. Experten sind sich außerdem sicher, dass die Täter bestens vorbereitet waren.

Fluchtmotorroller sichergestellt

Die beiden Fluchtmotorroller der Billigmarke Minimoto sind mittlerweile sichergestellt worden. Die Räuber hatten sie nach dem Überfall an den Colonnaden nahe dem dortigen Fischladen stehen lassen. Die angebrachten Versicherungskennzeichen waren nicht für die Roller ausgegeben. Die Tatwaffe, ein Gasrevolver, und Kleidung hat die Polizei ebenfalls sichergestellt. Sollten die Uhrenräuber für den Überfall angeheuert worden und damit Teil einer Bande sein, haben sie vermutlich die Beute kurz nach dem Überfall noch in Tatortnähe versteckt, wo sie ein weiterer Komplize wenig später abholen würde. Gleich danach würden sie sich in Richtung Grenze aufmachen.

Die Gefahr, dass man in dieser Phase als Räuber erkannt wird, bestand nicht – es sei denn, die Fotos der Täter wären schon bekannt gewesen. Doch die Öffentlichkeitsfahndung lässt weiter auf sich warten. „Wir müssen dabei die rechtlichen Schritte einhalten“, sagt Vehren. Selbst „Gefahr im Verzug“, sagt ein Kripomann, habe man nicht geltend machen können. Da hätten die Räuber nämlich nach Dienstschluss der Justiz kommen müssen. An einem Montagvormittag könne man natürlich einen Richter erreichen, der den Antrag auf Öffentlichkeitsfahndung hätte absegnen müssen.

Sparzwang rächt sich

„Der Fall zeigt, dass hier dringend Handlungsbedarf besteht“, sagt André Trepoll, Bürgerschaftsabgeordneter der CDU. „Gerade durch digitale Medien hat man die Möglichkeit, Fahndungsfotos so schnell zu verbreiten, dass die Bilder eher an der Grenze ankommen als die Täter mit ihrem Wagen. Das sind Möglichkeiten, die man bei schweren Verbrechen nutzen sollte.“

„Jetzt rächt sich auch, dass man das Raubdezernat mit seinen hoch spezialisierten Mitarbeitern unter Sparzwängen abgeschafft hat“, sagt Reinecke. Die Polizeiführung sei offenbar unter dem Eindruck der zurückgehenden Zahl von Banküberfällen und ausbleibenden spektakulären Taten auf eine „Momentaufnahme“ hereingefallen. Das sei ein Punkt, der Deutschland so attraktiv für solche Täter mache. „Wir müssen auf Kriminelle wie ein Selbstbedienungsladen wirken“, sagt Reinecke.

Im Fall des Juweliers Hansen haben die Täter nur die teuersten Stücke erbeutet. Neben Uhren der Schweizer Marke Patek Philippe waren es Breguet-Uhren, die die Räuber mitnahmen. Auch sie gelten als Spitzenprodukte aus dem obersten Preissegment. Auf dem deutschen Markt sind sie nicht abzusetzen, denn jede Uhr ist registriert und würde als Beutestück identifiziert werden. Absatzmarkt dürfte Osteuropa außerhalb der EU sein. Insider gehen davon aus, dass dort etwas mehr als die üblichen 20 Prozent für die „heiße Ware“ gezahlt werde.