Die Woche im Rathaus

Schräge Witze und moderne Technik: Die FDP kann beides

Die FDP steht in der vergangenen Rathaus-Woche im Mittelpunkt. Jens Meyer-Wellmann, stellvertretender Leiter des Hamburg-Ressorts berichtet dieses mal vom politischen Geschehen.

Auf den Errungenschaften der digitalen Technik liegen für die FDP Fluch und Segen zugleich. Digitale Textbausteine, also die Möglichkeit, einen Absatz einmal zu schreiben und x-mal in Presseerklärungen zu verwenden, sind dieser Tage ein Segen. Vor allem für Katja Suding, Fraktionschefin, Spitzenkandidatin und Parteichefin in spe.

So muss sie nicht bei jedem Austritt von Parteiprominenten neu nachdenken und formulieren, sondern kann immer wieder verbreiten: „Es ist um jeden schade, der in schwierigen Zeiten nicht mehr zur liberalen Sache steht. Die Hamburger FDP blickt nach vorn und konzentriert sich auf einen Wahlkampf mit Sachargumenten für ein gutes Ergebnis bei der Bürgerschaftswahl.“

So geschehen auch am Dienstag beim für die urlaubende PR-Frau offenbar überraschenden Rück- und Austritt des kommissarischen Parteichefs Dieter Lohberger. Der steht nicht mehr so auf „die liberale Sache“, weil er findet, dass die FDP nicht demokratisch genug organisiert sei, sondern Suding alles beherrsche. Das habe er bei der Aufstellung der Bürgerschaftskandidaten gemerkt, Anfang Juli, als das Freidemokraten-Postergirl aus Vechta angeblich dafür sorgte, dass die von ihr gebastelte Kandidatenliste fast exakt zur Landesliste der Partei wurde.

Unerhört fand Lohberger das damals – vergaß es dann aber wieder. Stattdessen wurde er im September nach dem Austritt führender Liberaler, darunter auch Parteichefin Sylvia Canel, selbst FDP-Vorsitzender. Aber gute Psychologen wissen: Verdrängen funktioniert nicht ewig. Irgendwann steigt der Schmerz wieder auf aus den Untiefen der Seele, meist weil ein konkretes Ereignis die Erinnerung wachruft.

So war es bei Lohberger in der vergangenen Woche, als Suding bekannt gab, selbst Parteichefin werden zu wollen. Da erinnerte er sich plötzlich an die unerhörten Vorgänge aus dem Juli, und ihm wurde ein für allemal klar: „Die Hamburger FDP funktioniert nicht mehr nach demokratischen Prinzipien.“ Also machte Dieter Lohberger sich gerade und ging – mit einem bundesweit vernehmbaren PR-Knall.

Das heißt nun aber nicht, dass es damit vorbei wäre. Denn wie zu hören ist, könnte es bald weitere prominente Austritte geben. So ventiliert etwa die AfD, dass ein anderer FDP-Vorstand gerade um Mitgliedschaft bei ihr nachgesucht habe. Und weitere „FDP-Promis“ (die in der Stadt auch kein Mensch kennt) haben intern angekündigt, sie würden sich lieber eine sinnvolle Betätigung suchen, sollte es beim Parteitag im November wieder nichts mit der Abschaffung des für Strippenziehereien anfälligen Delegiertensystems werden. Katja Suding sollte diesen „FDP konzentriert sich auf Bürgerschaftswahl“-Textbaustein also keinesfalls löschen.

Manche hegen den Verdacht, dass es sich um eine Canel-Inszenierung handelt

Mancher aus dem Suding-Lager hegt übrigens den Verdacht, dass all die noch in der Partei verbliebenen Anhänger von Ex-Chefin Canel seit dem Sommer eine auf mehrere Monate angelegte Austrittsinszenierung geplant haben. Erst ging Europakandidat Najib Karim. Eine Weile später trat Canel aus. Auch Ex-Senator Dieter Biallas verließ die Partei. Dann wurden von den alten Liberalen mit viel Tamtam die Neuen Liberalen gegründet. Jetzt machte Lohberger die Biege. Und immer so weiter bis zur Bürgerschaftswahl: alle zwei Wochen ein knalliger Austritt.

Das wäre, zugegeben, ein strategisch genial geplanter Rachefeldzug Canels gegen Suding, die ihr im Frühjahr mithilfe der FDP-Bundeschefs Christian Lindner und Wolfgang Kubicki quasi untersagt hatte, für die Bürgerschaft zu kandidieren – wie immer man so etwas mit freidemokratischen Prinzipien vereinbart. Ob nun von langer Hand geplant oder nicht: Lustig ist, dass eine Biolehrerin (Canel) hier einer PR-Fachfrau (Suding) vormacht, wie effektive Öffentlichkeitsarbeit geht.

Womit wir vom Segen zum technischen Fluch überleiten müssen, und der heißt für die FDP Facebook. Nicht nur wegen des Ex-Bundestagsabgeordneten Burkhardt Müller-Sönksen (BMS), der in dem Netzwerk periodisch eher so mittellustige Witze veröffentlicht, über die sich dann jedes Mal die „Bild“ empört, die bekanntlich nur ihre eigenen Späße versteht. Sondern auch, weil sich Liberale bei Facebook gern mit Schmackes in die Wäsche hauen. So schrieb Ex-Nord-Fraktionsgeschäftsführerin Flavia Fauth über BMS: „Der Typ ist ... peinlich und windet sich regelmäßig wie ein Aal mit dem Versuch sich rauszureden! Für mich ganz persönlich hat jemand, der sich so wenig öffentlich im Griff hat, nichts in der FDP zu suchen!“

Schräge Facebook-Witze und ein Vorwurf gegen die Bundes-FDP

Hintergrund war mal wieder ein „Bild“-Bericht über einen BMS-Witz. Die Polizei hatte eine 17-Jährige zur Fahndung ausgeschrieben, die aus ihrer Wohngruppe verschwunden war – angeblich in einer Burka, um sich islamistischen Terroristen anzuschließen. „Und wie lautet jetzt der Fahndungsaufruf? Burka gesucht???“, schrieb BMS auf Facebook. Der Grad der Aufregung darüber ist für Nicht-FDP-Mitglieder, die nicht bei „Bild“ arbeiten, schwer nachvollziehbar. Denn erstens handelt es sich um einen der besseren der schlechten BMS-Witze. Und zweitens ist das Mädchen längst wieder aufgetaucht. Aber durch solche Details lässt sich die FDP natürlich nicht von ihren Sandkistenprügeleien abhalten.

Deutlich interessanter war das, was der FDP-Wahlkampfleiter von Hamburg-Nord und Eppendorfer Direktkandidat Ekkehard Augustin bei Facebook schrieb. Er verbat sich, nachdem Kubicki am Mittwoch im Abendblatt ein Ende der „Zuckungen in der FDP“ gefordert hatte, die Einmischung der Bundeschefs zugunsten Sudings – zumal diese alles nur schlimmer machten.

Diese Forderung verband er mit einem deftigen Vorwurf. „Es soll, ich betone ausdrücklich soll, auch die Drohung gegeben haben, dass weil Hamburg für Lindner und Co. die Trendwende bringen sollte, für den Fall, dass man ihm nicht folgt und nicht genehme Leute auf die Bürgerschaftsliste gewählt werden, es kein Geld für den Wahlkampf geben würde“, schrieb Augustin. „Davon habe auch ich selbst gehört – aus zuverlässiger Quelle.“ Lindner habe demnach den Landesverband Hamburg „erpresst“, so Augustin.

Das hört sich nicht unbedingt nach einem plötzlichen Friedensausbruch in der Reste-FDP an. Eher danach, dass Frau Suding noch häufiger auf die Segnungen der Technik zurückgreifen darf. Es ist nämlich „um jeden schade, der in schwierigen Zeiten nicht mehr zur liberalen Sache steht“. Was auch immer das sein soll in dieser FDP. Muss auf jeden Fall mal gesagt werden. Häufiger mal.