Zwischenruf

Meine schreit aber lauter!

Eine Glosse von Jens Meyer-Wellmann

Nein, nein, ich bin doch nicht wahnsinnig und übe öffentlich Kritik an den Fahrern all der Kawas, Hondas oder Harleys, die jetzt wieder die Stadt mit fröhlichem Dröhnen erfüllen. Das gäbe in Hamburg auch sofort eine Fatwa des Motorrad-Gottesdienst-Pastors oder eine konzertierte Aktion der Radiosender zur Rettung des bedrohten Bikers.

Ich möchte nur eine Frage stellen, falls das in Ordnung ist: Warum dürfen manche Motorräder in diesem Land eigentlich so viel Lärm machen wie zehn Laster oder 50 Durchschnittsautos zusammen?

Klar, es hat natürlich auch Vorteile, wenn man den herannahenden Feuerstuhl, während man im Vorgarten oder Straßencafé seinen Cappuccino schlürft, bereits hört, sobald er im Nachbarstadtteil losfährt. Man weiß dann, dass es Zeit ist, reinzugehen, die Fenster zu verrammeln und den Kindern die Ohren zuzuhalten. Hartgesottene bleiben sitzen, nicken dem Gesprächspartner aber noch einmal zu, um ihm zu bedeuten, dass das Sprechen für die nächsten Minuten sinnlos ist. Auf die Dauer ist das ein schöner Anreiz, sich auch als Noch-Hörender intensiver mit der völlig unterschätzten Gebärdensprache zu beschäftigen.

Und wenn sich mal wieder einer dieser jung gebliebenen Rocker-Opas mit seiner aufgebohrten Maschine die Freiheit nimmt, einen ganzen Stadtteil gegen ein Uhr morgens aufzuwecken, dann kann man die verbleibende Nacht prima nutzen, um sich im Internet an den schönsten Motorradsprüchen zu freuen, etwa: „Wer später bremst, bleibt länger schnell“, „Sind wir zu laut, bist du zu alt“, „Nur meine Freundin schreit lauter“ oder „Lieber das Leben riskieren als Schwung verlieren“.

Sollten Sie sich manchmal fragen, warum die Polizei in Hamburg niemals Motorradfahrer mit ihren aufgemotzten Dezibelschleudern hopsnimmt – ich weiß es: Sie hat schon genug mit der Verfolgung all dieser gemeingefährlichen Fahrradrowdys zu tun.

In diesem Sinne: „Der Motor qualmt, der Kolben schreit, Zweitakt für die Ewigkeit!“