Zwischenruf

Ein haariger Vergleich

Eine Glosse von Jens Meyer-Wellmann

In dieser Woche kam ein halbwüchsiger Verwandter zu Besuch, und ich war, als ich ihm öffnete, kurz davor, mit den Hacken zu knallen und eine schon länger verbotene Grußgeste zu machen. Der Junge war gerade beim Friseur gewesen, und was er jetzt auf dem Schädel trug, erinnerte mich an Sportpalast, Fackelmärsche und völkisches Gedröhne. Rundherum ausrasiert und oben etwas länger.

„Warum hast du dir denn einen Nazischnitt zugelegt?“, fragte ich. Woraufhin er antwortete, das sei ein völlig unpolitischer, aber „total angesagter“ Undercut. Marco Reus trage das auch so, und außerdem: „Seit wann hast DU Ahnung von Haaren? Du hast doch seit 30 Jahren keine Bürste mehr benutzt.“

Nazivergleiche gehen eben immer schlecht aus für den, der sie zieht. Nach Godwin’s Law mündet übrigens jede Debatte über kurz oder lang in einen Nazivergleich, jedenfalls im Internet. Gemäß einer Weiterentwicklung dieses Gesetzes ist es ratsam, die Diskussion in diesem Fall sofort mit einem schneidigen „Godwin!“ zu beenden. Denn Debatten, in denen Hitler bemüht werde, seien ohnedies intellektuell am Ende. Was nicht bedeutet, dass der Hamburger Hip-Hopper Jan Delay ein Intellektueller war, bevor er jetzt den Volkssänger Heino als Nazi bezeichnete. Denn genau genommen war das ja gar kein Vergleich.