Leitartikel

Ein Zeichen setzen für Olympia

Die Bewerbung für die Olympischen Spiele täte nicht nur Hamburgs Wirtschaft gut

Die Begeisterung der Handelskammer für Olympische Spiele ist ungebrochen. Präses Fritz Horst Melsheimer hat Silvester die nächste Rakete gezündet. Der Hamburger Senat soll sich erneut um die Ausrichtung von Sommerspielen bewerben. 59 Prozent der Hamburger würden laut einer Umfrage eine solche Initiative unterstützen. Ein Großprojekt dieser Dimension könnte die Entwicklung der Stadt nachhaltig vorantreiben, glaubt die Interessenvertretung der Wirtschaft. Die nächsten möglichen Olympiatermine wären 2024 und 2028.

Politik und Sport haben auf den Vorstoß mit Zurückhaltung reagiert, stört er doch die bislang erfolgreich geübte Geheimdiplomatie. Nicht rufen, gerufen werden, heißt die Devise des Senats. Und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) – er allein entscheidet über eine deutsche Olympiabewerbung – fand zuletzt zunehmend Gefallen daran, wie Hamburg in den Sport und dessen Stätten investiert, ohne dieses Engagement unmittelbar an Forderungen zu knüpfen. Im nationalen Wettstreit mit Berlin konnte die Stadt mit dieser Strategie gegen Berlins Regierenden Lautsprecher Klaus Wowereit punkten.

Die öffentliche Kampagne der Handelskammer bleibt dennoch verständlich, sind Olympische Spiele immer auch ein Konjunkturprogramm für die Region. In London generierten heimische Unternehmen durch die Sommerspiele 2012 rund 11,5 Milliarden Euro zusätzlichen Umsatz, 31.000 neue Jobs entstanden. Allerdings: Die Kosten der Veranstaltung, vornehmlich gezahlt von Stadt und Land, beliefen sich auf eben diese Summe.

Weitere positive Effekte kommen für die Wirtschaft hinzu. Investitionen in die Infrastruktur werden dramatisch beschleunigt. Was gewöhnlich 40 Jahre dauert, kann mithilfe Olympias in zehn Jahren realisiert werden – ein erheblicher Wettbewerbsvorteil beim Kampf der Kommunen um die Ansiedlung neuer Unternehmen. München (1972) und Barcelona (1992) stiegen dank Olympia mit ihrer gewonnenen Bekanntheit zu Weltstädten auf.

Schon bei Hamburgs bislang letzter Olympiakandidatur in den Jahren 2001 bis 2003 registrierte die Handelskammer, wie flexibel städtische Bürokratie plötzlich auf Anliegen aus Politik und Wirtschaft reagieren kann. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten. Hamburg könnte zudem mit Olympia zeigen, dass es Großprojekte kann, und die Verzagtheit aufbrechen, die sich mit dem Planungs- und Finanzdesaster um die Elbphilharmonie wie Mehltau über die Stadt gelegt hat.

Dass Olympia für Großteile der Bevölkerung den Charme vergangener Jahrzehnte verloren hat, darf nicht unterschlagen werden. Das Argument, wir zahlen, das Internationale Olympische Komitee (IOC) kassiert, überzeugte in München und Umgebung die Menschen. Sie votierten im November mehrheitlich gegen eine Bewerbung um die Winterspiele 2022. Auch die Zustimmung der Hamburger hat gelitten. 2003 berauschten sich noch fast 90 Prozent an der Vorstellung, die Jugend der Welt begrüßen zu können. Heute sind es ein Drittel weniger.

Wirtschaft und Politik werden vor einer erneuten Kampagne Fragen beantworten müssen. Wer profitiert von den Spielen? Was bleibt für Hamburg und die Hamburger am Ende übrig – außer einer noch höheren Verschuldung? Wie sieht die Nachnutzung der Sportstätten aus? Auch das IOC ist gut beraten, Olympia umzudeuten – weg von größer, teurer, pompöser –, sollen Spiele künftig nicht nur von Diktatoren oder Scheichs ausgerichtet werden können.

Thomas Bach, der neue IOC-Präsident, hat sich genau dieser Aufgabe verschrieben. Spiele in Hamburg könnten ein Zeichen gegen den Gigantismus setzen. Dann ergibt die Bewerbung der Stadt Sinn und wäre seinen Bewohnern zu vermitteln. Hamburg würde wirklich von Olympia profitieren – Olympia aber auch von Hamburg. In der Handelskammer nennen sie so etwas eine Win-win-Situation.