Lebensmittelausgabestellen

Hamburger Tafel muss Bedürftige abweisen

In den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl der Bedürftigen, die ihre Lebensmittel über die Hamburger Tafel beziehen, rasant gestiegen. Gleichzeitig geht Zahl der Spenden zurück.

Hamburg. Sie will allen Menschen in Not helfen – aber jetzt stößt sie an ihre Grenzen. Die Hamburger Tafel mit ihren 16 Lebensmittelausgabestellen ist vielerorts komplett überlastet. An einigen Stellen wie in Altona, Eimsbüttel oder Osdorf wurden bereits Aufnahmestopps erlassen. Immer öfter müssen Bedürftige weggeschickt werden, da die Lebensmittel nicht ausreichen. „Wir werden komplett überrannt“, sagte Birger Warncke, Vorstandsmitglied der Hamburger Tafel, dem Abendblatt. Allein in Osdorf kämen pro Woche bis zu 400 Menschen zur Lebensmittelausgabe. „Wir tun unser Möglichstes, aber unsere Kapazitäten sind erschöpft.“

Der Hauptgrund: In den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl der Bedürftigen, die ihre Lebensmittel über die Hamburger Tafel beziehen, rasant gestiegen. Woche für Woche werden inzwischen bis zu 15.000 Menschen versorgt. Gleichzeitig ging die Zahl der Lebensmittelspenden leicht zurück. „Viele Hersteller achten verstärkt darauf, Überhänge bei der Produktion zu vermeiden“, sagt Annemarie Dose, Gründerin und langjährige Vorsitzende der Hamburger Tafel. „Dadurch bleibt weniger für uns, denn neben den Supermärkten sind wir vor allem auf diese Großlieferungen angewiesen, die die Unternehmen auf dem Markt nicht loswerden.“ Hinzu komme, dass die Tafel inzwischen gesellschaftlich anerkannt sei. „Früher haben sich viele Menschen geschämt, zur Tafel zu gehen“, sagt Dose. „Heute gibt es diese Hemmschwelle nicht mehr.“

Bis zu 20 Tonnen Lebensmittel werden von mehr als 100 ehrenamtlichen Helfern der Tafel Woche für Woche eingesammelt und an die jeweiligen Verteilorte transportiert. Doch jetzt müssen einige Ausgabestellen wie die der Pauluskirchengemeinde an der Langenfelder Straße in Altona-Nord vor dem Ansturm kapitulieren. Neue Ausweise, die zur Abholung von Lebensmitteln berechtigen, werden hier nicht mehr ausgegeben. Die Wartelisten, auf denen sich Bedürftige für einen solchen Ausweis eintragen können – sie müssen dazu einen Renten- oder Hartz-IV-Bescheid vorlegen –, werden immer länger. „Es tut mir für jeden einzelnen unendlich leid“, sagt Birger Warncke, der seit zehn Jahren bei der Hamburger Tafel tätig ist. „Aber wir haben schlicht und einfach nicht mehr zu verteilen.“

Als bisher letzte eröffnete Luise Schröder, Leiterin des Männerwohnheims der Heilsarmee, im Hamburger Stadtteil Groß Borstel eine Ausgabestelle der Tafel. Seit der Öffnung im Juni hat sich die Zahl der Bedürftigen bei ihr mehr als verdoppelt. Bis zu 70 Menschen kommen jeden Mittwoch zur Ausgabe ins Café Begegnung des Jakob-Junker-Hauses. Schröder: „Auch wir müssen darüber nachdenken, wo unsere Grenzen liegen.“

Beim Sozialverband VdK ist man von dieser Entwicklung nicht überrascht. „Wir haben schon lange darauf hingewiesen, dass es aufgrund der Altersarmut dazu kommen kann“, sagte Geschäftsführer Peter Broll. „Es geht nicht mehr um Einzelfälle. In Zukunft werden noch mehr Menschen auf soziale Einrichtungen angewiesen sein.“

Die Hamburger Tafel beliefert neben den Lebensmittelausgabestellen, die meist von kirchlichen oder sozialen Trägern betrieben werden, rund 80 soziale Einrichtungen in der Hansestadt.