Leitartikel

Auch Pop ist Kultur

Der Erfolg des Reeperbahn Festivals zeigt: Hamburg muss seine Clubszene schützen

Als in der Nacht zu Sonntag das achte Reeperbahn Festival nach vier Tagen und Nächten zu Ende ging, hat sich eines erneut überdeutlich gezeigt: Hamburg kann eine weltoffene, aufregende, ja sogar coole Stadt sein.

28.000 Musikfans haben mehr als 300 Bands aus 27 Ländern an mehr als 70 Orten auf St. Pauli erlebt. Und rund 3000 Fachbesucher haben über die Popbranche diskutiert und Geschäfte abgeschlossen. Dass die Veranstaltung seit 2006 derart vielschichtig und gesund gewachsen ist, ist das Verdienst des Organisationsteams um Alexander Schulz und Detlef Schwarte. Aber dass das Festival jedes Jahr aufs Neue überhaupt zu diesem Schmelztiegel aus Kunst und Kontakten, Pop und Party werden kann, dieser Dank gebührt den Clubs auf St. Pauli. Ob größere Hallen wie das Docks oder kleinere Bühnen wie der Grüne Jäger: Sie alle liefern mit ihrer alltäglichen Leidenschaft (manche nennen es Selbstausbeutung) die Infrastruktur für ein solches Großevent.

Das Signal, das Bundeskulturminister Bernd Neumann (CDU) am Eröffnungsabend des Festivals setzte, kann daher gar nicht genug beachtet werden. Er betonte, dass die Orte, in denen Rock, Pop und Jazz live zu hören, zu sehen und zu spüren sind, ebenso zur Kulturnation gehören wie die Theater, wie Opern, wie Bayreuth. Stimmt genau! Für viele, auch ältere, Konzertbesucher ist diese These längst gelebte Wirklichkeit. Doch monetär, in der Förderung dieser Genres, sieht es gänzlich anders aus. Die eine Million, die der Bundestag zur Unterstützung von Spielstätten verabschiedet hat, ist ein erstes Zeichen – und bleibt hoffentlich kein Strohfeuer!

Zu allererst sollte aber die Stadt ihre pop- und subkulturellen Kleinode (noch) mehr zu schätzen wissen. Hamburg ist seiner Clubszene mehr als 50 Jahre, nachdem die Beatles an der Elbe debütierten, verpflichtet. Doch die Stadt darf sich nicht auf ihrem Erbe ausruhen. Sie muss vor allem eines: Offenheit schaffen. Sie sollte es zulassen, „dieses gute wilde Leben“, wie es in einem Song aus Hamburg besungen wird. Das gilt aktuell insbesondere für das Molotow, das im Rahmen des geplanten Esso-Haus-Abrisses die Kündigung erhalten hat.

Es gehört zur Rock’n’Roll-Allgemeinbildung in der Hansestadt, dass in dem Kellerclub oftmals Bands spielen, bevor sie berühmt werden. Dass dort also Unbekannte groß werden wie einst die Beatles. Zwar gibt es eine „Resthoffnung“, wie Alexander Schulz es formulierte, dass der Gewerberiegel am Spielbudenplatz, in dem das Molotow beheimatet ist, erhalten bleibt. Doch falls nicht, wäre es ein Schlag ins Kontor der gesamten Szene, wenn der Club später nicht zu gleichen Konditionen an seinen Ursprungsort zurückkehren kann. Zudem dürfen, ja sollten Stadt und Immobilienbesitzer bei der Suche nach einem Übergangsquartier behilflich sein. Sie sollten sich nicht scheuen, das Laute und Unbequeme mit ausgebreiteten Armen zu empfangen. Schließlich war der Star Club auch kein Hochglanz-Schuppen. Rock’n’Roll entsteht nicht am Reißbrett. Es geht darum zu begreifen, was Charakter hat. Es geht um die Frage, was für eine Stadt Hamburg sein will und kann.

Die Elbphilharmonie mag zwar irgendwann Leuchtturm sein. Clubs wie das Molotow aber sind längst die Basis der Musikstadt Hamburg.