So schmeckt Hamburg

Gutbürgerliche Küche und ein japanischer Sushimeister

Vier Reporter, vier Wochen Zeit und ein Ziel: Möglichst viele Restaurants, Kneipen, Cafés und Bars in Hamburg zu testen - mindestens drei pro Tag für maximal 50 Euro. Heutiger Tester: Anika Riegert.

Die Speisekammer

Ich bin davon überzeugt, dass man die schnuckeligsten Café-Perlen nicht suchen sollte. Sie finden einen, wenn man nur ein wenig offen ist. So geht es mir heute mit der Speisekammer. Ich bin einfach mal abgebogen, wo ich sonst nicht abbiege, und am Weidenstieg gelandet. Kleine Straße in Eimsbüttel, Parkplatzchance normalerweise unter einem Prozent.

Ich habe Glück. Einer ist frei, den nehme ich und entdecke genau gegenüber dieses kleine, einladende Genusszimmer. Denn viel größer als ein großes Zimmer ist der Speiseraum nicht. Der Name sagt es ja sehr ehrlich. Ich betrete den Laden und werde von warmen Frühstücksdüften empfangen: Kaffee, gebratener Speck und irgendwas Vanilliges. In einer Vitrine an der Stirnseite des Raumes ruhen frischer Schoko- und Käsekuchen, appetitliches Streuselgebäck und Quiche.

Wegen seiner durchgehenden Fensterfront ist das Café lichtdurchflutet. Die Mischung aus weißen und dunklen Holzmöbeln sowie liebevoll verteilte Dekoelemente wie frische Blumen, kleine Tafeln auf den Tischen und Strohherzen am Fenster, sorgen für freundliche Gemütlichkeit. Über eine kleine Treppe geht es auf eine Art Galerie, wo Platz für etwa 18 Personen ist. Hier will ich sitzen. Gibt sogar ne kleine Kinderspielecke. Ohne Kinder heute, was ich in diesem Moment mal begrüße. Eine schöne Idee ist es trotzdem.

Die freundliche junge Frau hinter der Vitrine bringt mir einen superfrischen Obstsalat (gaaanz viel Ananas, Blau- und Erdbeeren, Melone...) mit einem Glas gerösteter Nüsse (3,90 Euro). Dazu gibt es einen Americano und Sojamilch. Sogleich frage ich mich, wann genau die Sojamilchwelle sämtliche Stadtteile überrollt hat. Die gibt es doch mittlerweile fast überall. Frauen trinken die ja in der Regel, weil sie angeblich besser für die Haut und den Stoffwechsel ist. Ein Freund hat mir erklärt, dass Männer drauf verzichten, weil Soja keine guten Hormoneigenschaften haben soll und weich und impotent macht, nun ja. Jedem das Seine. Ich schweife ab. Liegt vielleicht auch an der Milch. In der Speisekammer gibt es köstliche, hausgemachte Brioche, stelle ich fest. Mit Butter und Marmelade für 3,60 Euro.

Empfehlenswert dürfte auch das „Leicht und gesund“ sein: Tee, frischer Orangen-Karotten-Apfel-Saft, Vollkornbrot mit Frischkäse, Tomaten, hausgemachtes Bircher Müsli und Obstsalat für 10,20 Euro. Eier, Salami und belegte Foccacia mit Thunfisch, Käse und Ei (6,90 Euro) oder Pausenbrot mit Hobelspänen vom Appenzeller Käse und Feigensenf (5,40 Euro) sowie Salate sind auch zu haben. Wer hier so herkommt in die Speisekammer? Entspannte Menschen, die sich finden lassen und die statt Auto auch mal zu Fuß gehen oder das Fahrrad benutzen.

Speisekammer, Weidenstieg 5a, Tel. 040/40 18 81 24, www.hamburg-speisekammer.de; Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 Uhr bis 18 Uhr, Sonnabend 9 bis 18 Uhr, Sonntag 10 bis 18 Uhr

La Caffetteria

Das Café mit Doppel-F und Doppel-T liegt streng genommen in Hoheluft-Ost und nicht in Eppendorf. Eine Tatsache, die viele Eppendorfer geflissentlich ignorieren und das Ecklokal im Abendrothsweg als „ihr“ zweites Wohnzimmer bezeichnen.

Wahr ist, dass sich in der Caffetteria schon seit 13 Jahren Anwohner aus der Umgebung sowie Freunde von guter, geselliger und unkomplizierter Kaffeehaus-Kultur treffen. Inhaberin Angela La Cognata ist nicht nur Chefin, sondern auch Mutter mehrerer Kinder und Power-Frau. Ihr Team hat sie im Griff, und die Personalfluktuation ist für Gastroverhältnisse sehr gering. Das ist ein gutes Zeichen, spricht es doch für einen hohen Wohlfühlfaktor. Und der überträgt sich auf die Gäste. Diese müssen an Wochenenden schon mal etwas auf ihr Frühstück warten. Denn voll ist es eigentlich immer. Die meisten Gäste wissen das vorher und nehmen es gerne in Kauf. Zum Glück gibt es eine schöne Terrasse, sodass bei Sonnenschein genug Platz für alle ist.

Die Speisen in der Caffetteria werden alle frisch zubereitet. Suppen, Quiches, Pastasoßen, Salat-Vinaigrettes und sogar die Frühstücksmarmelade sind hausgemacht. Letztere kann man probieren, wenn man beispielsweise das Champagner-Frühstück für zwei Personen mit Käse, Lachs, Krabben, Croissants, Toast, Brot, Marmelade und einem Glas Schampus für 14,50 Euro pro Person bestellt. Die Tagespasta, etwa mit Parmaschinken und Nektarinen, gibt es ab 6,50 Euro, Scampisalat für 9,90 Euro.

Mich überzeugt auch der Kuchen. Aus den Käse-, Apfel-, Kirsch- und Pflaumen-Varianten wähle ich Apfel. Mit Sahne. Darauf kommt es dann auch nicht an, denke ich noch, da steht die selbst gemachte Pracht schon vor mir. 2,80 Euro für den Kuchen, 0,80 Cent für die Sahne. Es schmeckt nach dem Alten Land, ohne dass ich weit fahren muss. Gefällt mir.

Auf ein Abendbrot kann man in der Caffetteria ebenfalls vorbeischauen. Ich mag die Version „Küste“ am liebsten. Sauerteigbrot, Schwarzbrot und Ciabatta mit Lachs, Krabbensalat und geräucherten Forellenfilets, Sahnemeerrettich und Dill-Senfsoße für 12,50 Euro. Dazu ein Glas Blauer Zweigelt (ja, Rotwein zum Fisch), für 4,20 Euro – viel besser kann ein Abend in Hoheluft-Ost nicht ausklingen. Ich sollte einfach noch zwei Stündchen bleiben. Zeitungen und Zeitschriften sind ausreichend vorhanden. Ja. Das mache ich.

La Caffetteria, Abendrothsweg 54, Tel. 040/46 777533, www.la-caffetteria.de; Montag bis Freitag 10 bis 23 Uhr, Sonnabend, Sonntag und an Feiertagen 10 bis 19 Uhr

Das Wattkorn

Fast alles, was hier an der Wand hängt, gibt es auch frisch auf den Teller: Das Wattkorn in Langenhorn ist nichts für Vegetarier. Aber für alle anderen. Vor allem für Fisch- und Wildliebhaber. Der präparierte Hirschkopf zur Linken und der Eberkopf zur Rechten könnten ein Lied davon singen – würden sie noch leben.

Das Restaurant von Michael Wollenberg steht für beste gutbürgerliche Küche. Was mich nur halb so sehr begeistern würde, wenn ich nicht wüsste, dass es hier auch einen japanischen Sushimeister gibt, der sein Handwerk versteht. Neben Sauerbraten vom Rothirschspießer mit Rosinensoße (19,50 Euro), Holsteiner Ochsenfilet mit Estragon-Buttersoße (32 Euro) oder Nordseezunge Müllerin Art mit Petersilienkartoffeln und Gurkensalat (44 Euro) gibt es also auch Sushi und Sashimi in vielen Varianten. Die große Überraschungsplatte für zwei für 49 Euro.

Ich staune, wie voll das gemütliche Restaurant mit den karierten Tischdecken, Holzmöbeln und dem Kamin mittags um 12 Uhr bereits ist. Dass der Laden abends immer voll ist und man dringend rechtzeitig reservieren sollte, wusste ich. Denn seit Michael Wollenberg hier vor acht Jahren Chef wurde, kommen viele Gäste, die schon früher Kunden im Wollenberg an der Alster oder dem Marinas in Harburg waren, extra aus der Innenstadt, Sasel, Wellingsbüttel oder von noch weiter her angefahren. Der einstige Sternekoch, der selbst einen Jagdschein hat, ist aus Langenhorn nicht mehr wegzudenken.

Nicht weit entfernt, an den Tarpen 40, hat er vor gut drei Jahren das Fischlokal Marlin eröffnet. Mitten im Gewerbegebiet, was mutig war und anscheinend eine gute Entscheidung, denn auch dieses Lokal ist ein Hotspot geworden. Was Neues, auch in der Umgebung, sei derzeit in Planung, verrät der Gastronom. Mittlerweile hat er sich an meinen Tisch gesetzt. Wollenberg begrüßt seine Gäste meist persönlich. Unterstützt wird er von seiner langjährigen Freundin Melanie, die den Service im Wattkorn leitet. Und den Wollenberg mit ihrer resoluten Art irgendwie auch. In Fisch-Laune bin ich heute. Also ordere ich New York Sashimi, im Sesammantel gegrilltes Tuna-Sashimi mit Spinatsalat und Teriyakisoße (15 Euro). Die Mittagstischkarte offeriert Zanderfilet mit getrüffeltem Spitzkohl und weißer Pfeffersoße für günstige 9,90 Euro. Das Sashimi ist köstlich, für meinen Geschmack war die Küche aber etwas zu großzügig mit der Soße. Auch der Zander mundet, und ich bin erstaunt, wie gut das meiner Meinung nach mit wenig Sex-Appeal ausgestattete Gemüse Spitzkohl schmecken kann.

Meinen Espresso trinke ich auf der wunderschönen Terrasse hinter dem Restaurant. Wenn die Sonne scheint, ist der fast parkartig angelegte Garten eine grüne Oase. Ach ja, für jene, die den Wein am Abend so richtig genießen möchten oder einfach mal woanders aufwachen wollen, bietet das Wollenberg auch Zimmer an. Deshalb werden hier auch gerne besondere Anlässe gefeiert. Hochzeiten beispielsweise. Nur der Wollenberg selbst, der traut sich noch nicht.

Wattkorn, Tangstedter Landstraße 230, Tel. 040/5203797, www.wattkorn.de; Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 11.30 Uhr bis 23 Uhr

Abendblatt-Redakteurin Anika Riegert