Hamburger Landgericht

Verurteilter Sexualstraftäter erneut vor Gericht

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Daniel Herder

Der einstige Reform-Pädagoge Olaf R., 68, schildert über Stunden seine Lebensgeschichte – und weist alle Vorwürfe von sich. Für Olaf R. ist klar: „Ich lasse diese unverschämten Vorwürfe nicht auf mir sitzen.“

Neustadt. Man kann nur rätseln über die Motive von Olaf R., 68. Vor allem darüber, was den erneut angeklagten, einschlägig vorbestraften Sexualstraftäter antreibt, sich im Gerichtssaal als Opfer der Behörden, der Polizei und der Justiz darzustellen. Alle früheren Vorwürfe, die sich auf seinen dutzendfachen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen bezogen, seien falsch, sagt Olaf R. Der Tenor seiner mehrstündigen Einlassung: Hier steht ein unbequemer Mann zu Unrecht vor Gericht. Einer, der sich stets für seine Ideale gerade gemacht und viele auf die schiefe Bahn geratene Kinder und Jugendliche gerettet haben will.

Der Vorwurf, für den sich Olaf R. seit Donnerstag vor dem Landgericht verantworten muss, ist im Kern der gleiche wie vor 15 Jahren: Sexueller Kindesmissbrauch und -entziehung. Anfang 1997 hatte die Polizei die Harburger Wohnung von Olaf R. gestürmt und einen seit einem Jahr vermissten Jungen gewaltsam befreit. Ihn und einen 16-Jährigen hatte der heute 68-Jährige über Monate in verschiedenen Wohnungen untergebracht und sexuell missbraucht. Das Landgericht verurteilte ihn 1998 deshalb zu sechseinhalb Jahren Haft. 1983 gab es die ersten Missbrauchsvorwürfe.

Angeklagt ist der 68-Jährige jetzt, weil er im März einen zwölf Jahre alten Jungen zwei Wochen bei sich übernachten ließ. Olaf R. hatte das aus einem Heim geflüchtete Kind laut Staatsanwaltschaft in der Computerabteilung eines Elektronikfachmarktes an der Mönckebergstraße angesprochen. Zwei Wochen später entdeckte die Polizei den Jungen in Begleitung von Olaf R. am Hauptbahnhof. Zudem soll er Ende April einen Zehnjährigen in einem Kaufhaus angesprochen und am Hauptbahnhof unsittlich berührt haben.

Olaf R., ein kleiner, dicklicher Mann mit lichtem Haar, ignoriert zum Prozessauftakt die eindringliche Bitte des Vorsitzenden Richters, seine Einlassung mit dem zweiten Fall der Anklage zu beginnen. Die eigentlich für Mittag geplante Vernehmung des zehnjährigen Opfers muss deshalb vertagt werden. „Ich muss hier zum Verständnis die gesamte Vorgeschichte erzählen, das wird dauern“, sagt der 68-Jährige – und verweist auf sein 32-stündiges Schlusswort in einem früheren Verfahren. Es ist der Beginn einer stundenlangen Schilderung einer vor Eigenlob triefenden Lebensgeschichte: Wie er als „Reform-Pädagoge“ gegen das Jugendamt kämpfte, wie er sich „ohne Rücksicht auf Verluste“ für „seine Kinder“ einsetzt. Und wie sehr ihn die Missbrauchsvorwürfe „gekränkt“ haben.

Seit den 1970er-Jahren habe er schwer verhaltensauffällige Kinder unter anderem in seiner Wohnung aufgenommen – später, als das Jugendamt seine Unterstützung versagte, auch ohne offizielle Genehmigung. „Da begannen die Probleme“, sagt Olaf R. Er sei indes ein „vorbildlicher Pädagoge“ gewesen. Seine erzieherischen Erfolge hätten sich deutschlandweit schnell herumgesprochen. Der einstige Sozialsenator Jan Ehlers (SPD) habe ihn in Anlehnung an den Schweizer Reform-Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi gar als „Pestalozzi des 20. Jahrhunderts“ gerühmt. „Vor meiner Tür standen die Kinder Schlange“, sagt Olaf R. Für sie sei er „eine Vaterfigur“ gewesen. Immer wieder hätten ihn Mädchen und Jungen jedoch des sexuellen Missbrauchs bezichtigt – aber, so sieht das Olaf R., weil es ihnen suggeriert worden sei. Das sei bei den aktuellen Missbrauchsvorwürfen nicht anders.

Für Olaf R. ist klar: „Ich lasse diese unverschämten Vorwürfe nicht auf mir sitzen.“ Die Ermittler versuchten schon seit Jahrzehnten, ihn „mit allen Mitteln auszuschalten“: „Die Hamburger Kripo wartet nur darauf, mir eins auszuwischen.“ Der Prozess wird fortgesetzt.

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