Hamburger Unternehmerin

Karriere mal anders – vom Schlachthof auf die Weltmeere

| Lesedauer: 7 Minuten
Martin Kopp

Die Hamburgerin verschifft Autos nach Afrika. Doch das Engagement der Unternehmerin geht weiter. Sie hilft zudem Waisenkindern und Schulen auf dem Schwarzen Kontinent.

Hamburg. Maria Marquardt gehört zu einem erlesenen Kreis. Denn unter den Tausenden Menschen, die im Hamburger Hafen ihr Geld verdienen, sind Frauen klar in der Minderheit. In Führungspositionen gibt es gar nur eine Handvoll. Maria Marquardt gehört dazu. Sie ist Chefin eines internationalen Schifffahrts- und Speditionsunternehmens, das sogar ihren Namen trägt: Maria Shipping. Und die 48-jährige Unternehmerin hat sich auch außerhalb des Hafens einen Namen gemacht. So wurde sie Donnerstagabend in Hamburg von der Frauenzeitschrift "Emotion" mit dem Preis in der Kategorie "Frauen in Führung" ausgezeichnet.

Dabei kam sie eher auf Umwegen zu ihrem heutigen Beruf: Im Jahr 1991 war Marquardt als alleinerziehende Mutter einer zweijährigen Tochter aus Polen nach Deutschland gekommen. Sie stammt aus einem kleinen westpommerschen Dorf zwischen Swinemünde und Kolberg, hat Abitur an einem Wirtschaftsgymnasium gemacht und Bürokauffrau gelernt. Um Geld zu verdienen, zog es sie in die Stadt, die sie nur von einem Besuch her kannte, Hamburg.

Hier schlug sie sich eher schlecht als recht durch, fand Arbeit am Schlachthof. Doch der Job ließ sich nicht mit der Erziehung ihrer Tochter vereinbaren. Also suchte Marquardt eine neue Herausforderung, in der Exportabteilung einer Spedition. Ihr Chef nahm sie unter seine Fittiche. "Von ihm habe ich alles gelernt, was ich über das Geschäft weiß." Sie spezialisierte sich darauf, Fracht in den Nahen Osten und Westafrika zu versenden. Doch vor knapp drei Jahren war damit Schluss. Ihr Chef eröffnete der Polin, dass er das Unternehmen verkauft. Und Maria Marquardt fing wieder neu an. Ihre damalige Situation war nicht einfach: Sie war alleinstehend, hatte die Tochter zu versorgen und immer noch keine gesicherte Zukunft. "Da sah ich dieses Schild: "Büroräume zu vermieten", erzählt sie. Das sei die Initialzündung für sie gewesen. "Ich wollte mich beweisen und gründete mein eigenes Speditionsunternehmen." Zwei Jahre ist das her.

Und der Erfolg läst sich ablesen: "Maria Shipping" prangt groß an der Tür eines Bürohauses, mitten in Rothenburgsort. Rundherum sitzen weitere Spediteure und vor allem Autohändler. Auf der Straße nur Männer. Im Geschäftsraum zwei Frauen. Marquardt und ihre inzwischen erwachsene Tochter, die vor einem Jahr in den Betrieb ihrer Muter eingestiegen ist.

Ihre Kunden sind ausnahmslos Männer. In der Regel handelt es sich um Afrikaner, die in Deutschland leben, ein paar in Österreich, Polen und der Schweiz. Sie wollen Autos in ihre Heimatländer exportieren, Marquardt kümmert sich um alle Papiere, Packlisten, Zolldeklarationen und sorgt für die Verschiffung. In der Regel handelt es sich um Gebrauchtwagen. Früher war Afrika so etwas wie der Schrottplatz Europas. Da wurden Fahrzeuge auf den südlichen Kontinent geschafft, um sie auszuschlachten, Papiere waren damals nicht so wichtig.

Doch mit schärferen Kontrollen zur Einhaltung der Bestimmungen hat sich das gründlich geändert. Zudem haben die Länder inzwischen selbst kein Interesse mehr daran, die Fahrzeuge zu erhalten, die aufgrund ihres Zustands in Deutschland nicht mehr fahren dürfen. Umso wichtiger ist Maria Marquardt, die sich im komplizierten rechtlichen Dickicht auskennt. "Nach Angola dürfen beispielsweise nur drei Jahre alte Autos importiert werden. Nach Ghana sind es zehn in den Kongo sieben Jahre alte Busse", sagt sie.

Viele nutzen die Fahrzeuge auch gleich noch als Ablageort für weitere persönliche Dinge, die sie in ihre Heimat verschiffen wollen. Auf die Einhaltung der Vorschriften achtet dabei der Zoll. Voraussetzung ist, dass alles in und an den Fahrzeugen ordentlich in Packlisten angegeben worden ist. Dafür sorgt Maria Marquardt.

Nicht immer stößt sie mit ihrer pedantischen Genauigkeit auf Gegenliebe. "Dann mache ich den Kunden klar, dass ihnen bei Fehlern empfindliche Strafzahlungen drohen", sagt Marquard. Und die Beziehungen zwischen der gläubigen Katholikin und Teilen ihrer vornehmlich farbigen Klientel mit muslimischem Hintergrund waren nicht immer reibungslos: Er werde nicht mehr mit ihr reden, sondern nur noch mit dem Chef des Unternehmens, sagte einst lautstark ein Kunde. "Ich erwiderte: Ich bin der Chef. Also, bitte!", erinnert sich Marquardt. Sie habe auch schon potenzielle Kunden vor die Tür gesetzt. In der Regel gelingt es ihr aber, mit ihrer herzlichen Art, die Menschen für sich zu gewinnen. "Wir pflegen hier einen sehr offenen familiären Umgang. Das mögen die meisten", sagt sie.

Rund 200 Autos, Laster, Busse oder Nutzfahrzeuge für die Landwirtschaft oder für den Bau verschifft sie auf diese Weise monatlich nach Afrika, versendet Fracht auf den gesamten Kontinent: Conakry in Guinea, Lomé in Togo, Cotonou im Benin, Lagos, Tema in Ghana und Abidjan an der Elfenbeinküste sind ihre Haupthäfen. Immer häufiger kommen auch Kunden mit Fracht für Südamerika. Und es handelt sich nicht nur um Autos. "Wir schicken auch Fracht in Containern." Mehr als eine Million Euro beträgt ihr Umsatz im Jahr. Der persönliche Preis dafür ist hoch. 2012 hat sich Marquardt genau vier Tage Urlaub gegönnt. Sonst arbeitet sie von Montag bis Sonnabend. Sonntags ist sie auch im Büro und macht die Buchhaltung, oder engagiert sich im Verband Deutscher Unternehmerinnen.

Darum hat sie sich ihren größten Traum auch noch nicht erfüllen können: Endlich selbst nach Afrika zu reisen. Dort würde sie auf eine Reihe von Leuten treffen, die ihr gern einmal die Hand schütteln würden. Marquardt hat nämlich inzwischen über ihre Kirche private Beziehungen zu einer Mission in Kamerun aufgebaut und ein Hilfsprojekt auf die Beine gestellt. Die Mission führt ein Waisenhaus. Marquardt organisierte die Verschiffung eines Kleinbusses, den sie für den Fuhrpark der Mission erwarb. In privater Initiative sammelte sie Haushaltsgeräte, Kinderkleidung und Spielzeug mit denen sie das Fahrzeug belud. Weihnachten 2012 erreichte es sein Ziel. Zuvor hatte Marquardt schon diverse Schulen an der Elfenbeinküste und in Burkina Faso mit Computern versorgt. "Ich möchte wenn möglich jedes Jahr ein Projekt auf die Beine stellen", sagt Marquardt. Sie hat eben nicht vergessen, wie das ist, wenn man selbst wenig hat.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg