Prozess der Woche

"Verlobt" - aus Liebe oder Taktik? Das ist die Frage vor Gericht

Neustadt. "Wir sind verlobt." Ganz lässig hat der Mann diese drei Worte ausgesprochen, von einem Schulterzucken begleitet, wie belanglos. Wahrscheinlich hat Mehmet S. (Name geändert) sich damit alles ganz einfach vorgestellt. Ein Selbstgänger, wie er glaubte. Tatsächlich ist der Hinweis auf ein Verlöbnis zwischen Angeklagtem und Zeugen üblicherweise eine Bemerkung, die vor Gericht Freiheiten eröffnet. Soll ausgesagt werden oder lieber nicht? Das bleibt dann allein die Entscheidung der Betroffenen.

Denn Verlobte sollen, genau wie enge Verwandte oder Ehepartner, nicht in die Bredouille geraten, als Zeuge in einem Prozess gegen jemanden aussagen zu müssen, der ihnen sehr nahe steht.

Doch man wird auch mal horchen dürfen, wie ernst es mit der Verlobung wirklich ist. Besteht sie tatsächlich, oder wird sie lediglich als bequeme Lösung vorgeschoben, um eventuelle bohrende Nachfragen etwa von Gericht oder Staatsanwaltschaft schon im Keim zu ersticken? Mehmet S., unter anderem angeklagt, weil der 24-Jährige während eines Streits einen Mann mehrere Male mit Fäusten traktiert, aber auch seine 22 Jahre ältere Partnerin und deren Sohn verletzt haben soll, käme es möglicherweise gelegen, wenn seine Freundin nicht als Zeugin aussagen müsste. Und so forscht die Amtsrichterin beharrlich nach. "Gab es eine große Verlobungsfeier? Oder einen Abend zu zweit? Haben Sie einander etwas geschenkt?"

All dies sind nicht gerade Einzelheiten, die eine übermenschliche Gedächtnisleistung des Befragten verlangen, so scheint es. Doch auch darauf bleibt der Angeklagte Antworten schuldig. Irgendetwas müsse bestimmt haften geblieben sein, insistiert die Richterin. In jedem Fall sei ein "Verlöbnis doch ein unvergessliches Ereignis", will sie ihm auf die Sprünge helfen.

"Kann sein, dass wir essen gegangen sind", brummelt nun der athletisch gebaute Angeklagte, dessen anfängliche, mit lässiger Haltung und gelangweiltem Blick zur Schau getragene Gelassenheit zunehmend bröckelt. "Vielleicht waren wir aber auch im Swinger-Club oder im SM-Studio, das machen wir öfter mal", versetzt er genervt. Vier Jahre seien er und seine Freundin jedenfalls jetzt ganz offiziell ein Paar, erzählt er, da sei er ganz sicher.

"Vier? Nein, es sind zwei Jahre", korrigiert seine Freundin später. "Das verwechselt er immer", lächelt die üppige, stark geschminkte Blondine. Der Abend der Verlobung, ein gegenseitiges Geschenk, die Idee, vielleicht in Las Vegas zu heiraten - auf alles hat die 46-Jährige eine Antwort. Und so darf sie schließlich gehen, ohne eine Aussage machen zu müssen.

Überhaupt reduziert sich die Zahl der Zeugen, die im Fall des unter anderem wegen Körperverletzung vorbestraften und nun wegen sieben mutmaßlicher neuer Taten angeklagten Mehmet S. vernommen werden sollen, im Laufe dieses ersten Prozesstages beträchtlich. Von sechs Zeugen sind gerade mal drei erschienen; es fehlt unter anderem der Mann, der laut Ermittlungen von dem 24-Jährigen während einer Auseinandersetzung mindestens fünfmal mit der Faust gegen den Kopf geschlagen und dann noch gegen einen Schrank gestoßen wurde. Über diesen Vorwurf hinaus ist Mehmet S. angeklagt, als Insasse der Untersuchungshaftanstalt in den Sommermonaten vergangenen Jahres einen ebenfalls dort Inhaftierten durch Drohungen und körperliche Übergriffe zweimal erpresst zu haben, sodass der ihm von seinen Einkäufen am Kiosk Waren abgeben musste.

Und die wenigen Zeugen, die gekommen sind, sind nicht eben hilfreich. "Ich weiß gar nichts mehr", verkündet der Sohn der Verlobten von Mehmet S., der zu der angeklagten Schlägerei vom November etwas sagen soll. "Ich habe alles vergessen. Mein Gehirn ist gelöscht, so festplattenmäßig", setzt der 17-Jährige noch eins drauf. Das sei bei ihm "öfter so", meint der kräftig gebaute Jugendliche lapidar.

Bei der Polizei hatte er laut Akten noch angegeben, er sei mit Mehmet S. in einem Haus in Harburg in eine Auseinandersetzung geraten, die zu einem Gerangel eskaliert sei. Ein Mann habe den Streit schlichten wollen, daraufhin habe der 24-Jährige mehrfach mit der Faust zugeschlagen und auch den zu Boden fallenden Mann weiterhin traktiert. "Der war dann einige Minuten bewusstlos."

Dass der 17-Jährige sich heute an dieses nur knapp sechs Monate zurückliegende und wohl nicht gerade alltägliche Ereignis nicht einmal grob erinnern könne, "glaubt Ihnen hier niemand auch nur ansatzweise", stellt die Amtsrichterin trocken fest. Doch zu insistieren, erscheint zwecklos. "Sie können gehen", erklärt die Richterin dem Zeugen, der so offensichtlich keiner sein will. Nun sollen zu einem Fortsetzungstermin diverse weitere Zeugen geladen werden. In der Erwartung, dass sie diesmal kommen - und dann auch wirklich aussagen.