Kirchentag

Polizeigottesdienst - Humor fällt nicht vom Himmel

Protestanten werden zuweilen als freudlos beschrieben. Zu Unrecht, wie der Polizeigottesdienst in St. Jacobi zeigt. Die Kirche hat gelacht.

Altstadt. Jesus Christus weint, er wütet, schimpft, erbarmt sich und liebt uns. Bloß lachen: Das tut er nicht. Im Neuen Testament, eigentlich eine einzige Frohe Botschaft, weist keine einzige Textstelle auf einen lachenden Heiland hin. Dabei "hat Gott (...) auch seinen Sohn nicht gesandt, dass er uns betrübe, sondern fröhlich mache." Aber auch diese mahnenden Worte Martin Luthers haben bis heute nicht bewirkt, dass aus beseeltem, protestantischem Lächeln wenigstens ab und zu mal ein breites Grinsen wird.

Die Anhänger dieser Konfession - allen voran die berüchtigten calvinistischen Spaßbremsen - liegen mit dem Humor eisern über Kreuz, lastet doch das erlittene Martyrium des Gottessohns wie Blei auf den Lachmuskeln. Der Berliner Religionswissenschaftler Harald-Alexander Korp findet das komisch: "Die Frohe Botschaft wird überliefert, aber ein Lachen nicht. Da kann man schon mal fragen, warum. Wurde es vielleicht unterdrückt oder wurde es einfach nur vergessen?", schreibt er im "Konradsblatt" des Erzbistums Freiburg. Dass Jesus niemals lachte, sei absurd.

Das meinten auch die Organisatoren des "lustigsten Gottesdienstes des Kirchentages" am Freitagnachmittag in St. Jacobi. Das Motto lautete "Wie viel Ordnung braucht der Mensch?", und für seine Predigt holte sich Hamburgs Polizeipastor Frank Rutkowsky mit Herrn Holm (alias Dirk Bielefeldt) und der Clownin Stephanie Goldenstein zwei Humorprofis an die Seite.

Die Kirche war überfüllt, als das Hamburger Polizeiorchester "Pomp and Circumstances" intonierte, bevor Herr Holm die Gläubigen bat, "sich doch gleich einmal miteinander bekannt zu machen, um einem gewissen Konfliktpotenzial vorzubeugen". Routiniert registrierte Holm weiße Schuppen (beidseitig) auf dem Kragen eines Mannes und bemerkte die "zickige Ehefrau daneben": Ein heiterer Appetithappen zu einem Gottesdienst mit Tiefgang.

Zögernd beginnt die evangelische Kirche einzusehen, dass man mit "fröhlicher Ernsthaftigkeit" allein die Herzen der modernen (Un-)Gläubigen vermutlich weder gewinnen, erobern oder auch nicht zurückgewinnen kann. Schon gar nicht, wenn längst nicht mehr die Furcht vor der Verdammnis und die Sehnsucht nach Erlösung im Vordergrund stehen.

Polizeipfarrer Frank Rutkowsky begann seine Predigt über die verschiedenen weltlichen Ansichten von Ordnung mit dem Bild einer "alleinerziehenden Mutter, die mit zwei kleinen Kindern inmitten von Unrat in einer Hochhaussiedlung wohnt". Es seien eben diese Einsätze, "die auch hartgesottenen Beamten ans Herz gehen".

Glaubhaft - und ernsthaft war das. Von den beiden großen christlichen Konfessionen gelten die Katholiken als lebensfroher und lustiger. Sie dürfen sogar deftige Scherze über ihr "religiöses Bodenpersonal" reißen. Zwar wird in jeder Religion über die jeweiligen Vorbilder im Glauben gespottet - wenn die aus der Rolle fallen. Doch im Katholizismus sind die besonders nah beim Allmächtigen angesiedelt; entsprechend tief ist der humorvolle Fall.

Im Islam, zu Lebzeiten Mohammeds und noch mehrere Jahrhunderte darüber hinaus, herrschte sogar regelrechte Bombenstimmung beim Freitagsgebet. Denn der Prophet war verheiratet, führte nebenbei einige Kriege und damit auch ein pralles Leben. Religionswissenschaftler Korp weiß zu berichten, dass christliche Mönche im Mittelalter den Muslimen ihre gute Laune auch mit Gewalt ausgetrieben haben sollen, weil Humor im Christentum schlicht verpönt war.

Noch einmal braust Lachen durchs Kirchenschiff, als Herr Holm dann die "Himmlische Ordnung" erklärt. Das lockert wieder die Stimmung, es klingt ungewöhnlich, es klingt befreiend, und man fragt sich, ob Humor als rhetorisches Element tatsächlich nicht publikumswirksamer von Gott erzählen könnte? Auch die fröhlichsten Menschenmassen eines Kirchentages können schließlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Kirchenbänke zumeist nur an Weihnachten unter der Last der Gläubigen biegen.

"Mehr Humor würde für mich Nähe und Hingabe, zum anderen aber auch die Möglichkeit zu Kritik und Distanz bedeuten", sagt Kirchentagbesucher Benedikt Bauer aus Ahrensburg. Und ein Herr in mittleren Jahren, der besonders inbrünstig mitgesungen hatte, spricht gar von "willkommener Entkrampfung und einer neuen Erfahrung von Gott."

Er kenne sogar einen guten Witz, sagt er: "Warum war Jesus bereits mit 12 Jahren so schlau, um mit den Pharisäern im Tempel über Religionsfragen zu debattieren?", fragt er lauernd. Und antwortet gleich darauf: "Weil er von Anfang an einen Krippenplatz besaß!"

Fazit: War es der "lustigste Gottesdienst?" Na ja, da müssten versierte Humoristen und Comedians das Neue Testament schon umschreiben.

Doch würde Jesus das wirklich wollen?